Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 25. September 2010

OKR i.R. Dr. Michael Trensky, Karlsruhe


Wochenspruch: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh. 5, 4b)


Liebe Bethlehem–Schwestern, liebe Gemeinde,

noch einmal der Wochenspruch aus dem 1. Johannesbrief:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Dieser 1. Johannesbrief ist der Brief der Liebe, ja, er ist ein Liebesbrief. Wenige Verse vor dem Abschnitt, in dem der Wochenspruch für die nächste Woche steht, wir haben ihn eben gehört, lesen wir den wunderbaren und unübertroffenen Satz: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4, 16) Und dann heißt es: „Furcht ist nicht in der Liebe.“ (1. Joh 4, 17) und: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ (1. Joh 4, 19) und weiter lesen wir: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass er auch seinen Bruder liebe." (1. Joh 4, 21) Und auch dies Gebot, so haben wir eben gehört, ist leicht.
Geballte Ladung Liebe! Gottes Liebe! Liebe zu Gott! Nächstenliebe!
Und so geht es dann auch weiter. Wir haben es gehört.

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat! Ja, aber die Welt ist da, ist so wie sie ist, wir leben in ihr, auf ihr, wir lieben sie, lieben die Natur, lieben das Leben, fürchten uns wohl auch manchmal vor ihr, vor der Dunkelheit, vor Naturgewalten, vor den Mitmenschen, ihrem Hass und ihrer Missgunst; aber wir haben dennoch nur diese eine Welt: zum leben und zum lieben.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!
Wie überwunden hat? Paulus sagt 1. Korinther 13: durch Glaube, Hoffnung, Liebe – und die Liebe ist die größte unter ihnen. So sieht das auch der 1. Johannesbrief mit seiner geballten Ladung Liebe: Gottes Liebe, Liebe zu Gott, Liebe zu unseren Nächsten – Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Manche werden sich noch erinnern an die Beatles, die Musiker mit den Pilzköpfen aus England, damals die absoluten Schocker. Vor mehr als vier Jahrzehnten haben sie gesungen: „All you need is love“, alles, was du brauchst, ist Liebe; und sie haben damit ja Recht gehabt. Das ist doch auch unsere Erfahrung, lieben und geliebt werden, das ist schön, das ist heilsam, das ist Mensch–Sein; für die kleinen Kinder, die die liebende Zuwendung brauchen, den Hautkontakt als Babys, das Anschmiegen Können, das Streicheln. Und später, wenn sie größer werden, brauchen sie die Gewissheit, dass sie auch dann geliebt werden, wenn sie gar nicht mehr so anschmiegsam, sondern ganz schön widerborstig sind. Eine Kinderkrankenschwester hat es einmal kurz, bündig und richtig so gesagt: Warme Haut ist wichtiger als saubere Laken.
Im Grunde wissen wir es, es ist richtig: Alles, was wir brauchen, ist Liebe. Brauchen sie als Kinder, brauchen sie in Partnerschaft und Ehe, um das Zusammenleben unter diesem Vorzeichen der Liebe zu lernen, auch Belastungen unter der Maßgabe der Liebe aushalten und austarieren zu können. Brauchen diese Liebe weit mehr noch im Alter, wenn alte Verbindungen nicht mehr da sind und es so schwer fällt, neue zu knüpfen – ach, es lohnt sich ja doch nicht mehr, lasst mich, es ist genug! – höre ich dann häufig.
Alles, was wir brauchen, ist Liebe, das ist wohl wahr.

Als wir uns während meines Theologiestudiums einmal intensiv mit dem 1. Johannesbrief  beschäftigt haben, da fragte uns der Professor: Gott ist Liebe, ja, das glauben wir, das wissen wir, das ist theologisch korrekt. Aber: Gilt der Satz auch umgekehrt, fragte er uns: Die Liebe ist Gott? Ist auch diese Umkehrung theologisch richtig und im 1. Johannesbrief gemeint? Ich habe diese Frage bis heute nicht vergessen. Sie kann uns etwas klarmachen, wenn wir dieses Stichwort Liebe im 1. Johannesbrief aufnehmen. Behalten Sie die Frage im Gedächtnis: Gilt das auch umgekehrt? Die Liebe ist Gott?
Jedenfalls ist der Satz: Gott ist die Liebe uns bekannt, geläufig, selbstverständlich. Freilich: Solche Selbstverständlichkeiten bergen ja auch Gefahren: Das Reden von der Liebe Gottes kann zur nichtssagenden Alltäglichkeit werden, ohne Inhalt, ohne Aussage, die uns anrührt, in Bewegung setzt. „Liebe ist nur ein Wort“, so hieß mal ein Bestseller von Johannes Mario Simmel – Liebe, und nichts dahinter. Und dabei will uns der Apostel doch Mut machen, der Liebe Gottes zu vertrauen, uns der Liebe Gottes anzuvertrauen. Auch dann zu vertrauen, wenn der Augenschein auf das alltägliche Leben anderes zu signalisieren scheint, das Gegenteil von Liebe: Krieg, Katastrophen, Schlägereien und alle Art anderer Lieblosigkeiten. Selbst der normale Tagesablauf ist ja oft von Eifersüchteleien, Kleinkrieg und Boshaftigkeiten durchsetzt. Wie kann man da von der Liebe Gottes reden? Wo hat sie überhaupt eine Chance, Wirklichkeit zu werden? Und: Ist unser Glaube der Sieg, der diese Welt überwunden hat? Widerspräche das nicht in allem dem Augenschein?

Gott hat uns geliebt, die Liebe ist ein Geschenk Gottes. Ich versuche, mir das klarzumachen am Beispiel der Kinder, die lernen, was ein Geschenk ist. Stellen Sie sich vor: Die Großeltern kommen zu Besuch. Die Kinder wissen, die bringen Geschenke mit! Wann endlich packen sie sie aus? Eins der Kinder sagt: Habt ihr uns gar nichts mitgebracht? Die Reaktion der Erwachsenen zeigt: das war falsch! Aber: haben nicht Oma und Opa immer Geschenke mitgebracht? Sind sie nicht sozusagen verpflichtet, Geschenke mitzubringen? Haben die Kinder nicht so etwas wie einen Rechtsanspruch darauf?
Und dann geht es endlich los. Die Geschenke werden verteilt, die Freude ist groß. Aber: dann muss man sich bedanken – die Eltern bestehen darauf. Das ist nicht leicht. Es ist ein mühsamer Prozess zu lernen, dass ein Geschenk eine freiwillige Gabe ist, auf die man keinen Anspruch erheben kann.
D.h. für uns heute, dass also auch die Liebe, die Gott schenkt, nicht einklagbar ist, sondern nur dankbar von uns empfangen werden kann.
Noch etwas anderes kann uns das Beispiel der Kinder klarmachen: Natürlich lassen wir den Kindern die größtmögliche Liebe zuteil werden, zu der wir eben fähig sind. Aber erwarten wir im Stillen nicht dann auch, dass sie uns in Liebe begegnen und verbunden, uns dankbar sind? Anspruchsdenken in Sachen Liebe. Das geht
überhaupt nicht!
Versuchen wir unseren Kindern vor allem dies mitzugeben, dass wir, die Kinder und die Erwachsenen in diesem überfließenden Strom der Liebe Gottes, die er uns zum Geschenk macht, aufgehoben und geborgen sind und dass wir nur so die Welt überwinden, in der wir leben.

Nicht wir also haben etwas bewirkt, sondern Gott hat uns dieses ganz unverdiente Geschenk seiner Liebe gemacht und uns so hineingenommen in seine Sphäre göttlicher Liebe. Das wissen wir, weil wir von Jesus Christus wissen, von dem Geschenk der Liebe Gottes an uns. Deshalb haben wir eben ja auch gelesen: „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren, und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist“ … „Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer“(1. Joh. 5, 1+3) Was hier gemeint ist, das kann man an der uns allen bekannten Geschichte vom barmherzigen Samariter in unnachahmlicher Weise lernen; und die darin enthaltene „Goldene Regel“ heißt nicht umsonst so: Du sollst Gott, deinen Herrn lieben von ganzem Herzen … und deinen Nächsten wie dich selbst.
Martin Luther hat das in seiner klaren und anschaulichen Sprache so gesagt, als er über den untrennbaren Zusammenhang von Menschen– und Gottesliebe dies geschrieben hat:
„Ein Christenmensch lebt nicht in ihm (sc. sich) selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe …..“ (Cl 2, 27). Ich sag´s noch einmal: … "
Was mir an dieser Auslegung Martin Luthers so besonders gut gefällt, ist, dass er diese Bewegung beschreibt: Von Gott zu uns Menschen, vom Nächsten wieder zu Gott, aus Glauben und in Liebe. Da ist die ganze Dynamik des Handelns Gottes an und für uns in wenigen Sätzen beschrieben. Und ich denke, dass in diesem Haus bis heute so gelebt wird, dass solche Dynamik aus Glauben sichtbar und fühlbar ist.

Wenn wir versuchen, diese Dynamik in unserem Alltagsleben Wirklichkeit werden zu lassen, dann werden wir überraschende Erfahrungen machen. Wir werden erfahren, dass wir die Freiheit gewinnen, erste Schritte auf andere Menschen zu zugehen; werden nicht ängstlich den Kontakt scheuen oder, auf menschliche Rangordnung bedacht, darauf warten, dass der andere den ersten Schritt macht; wir werden dem Beispiel des Barmherzigen Samariters folgen, werden leben aus Glauben, Liebe und Hoffnung.
Was mir ebenso wichtig erscheint, ist, dass mir ein Leben aus diesem Glauben Distanz zu mir selbst, zu meinen eigenen Sorgen und Problemen, ja, auch zur Welt gibt: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat! Sorgen und Probleme verstellen mir nämlich oft den Blick auf die Sorgen und Nöte meiner Mitmenschen, meiner Nächsten. Ich möchte nicht, um noch einmal Martin Luther zu zitieren, ein homo incurvatus in seipse sein, ein Mensch, eingekrümmt in sich selbst. Der Glaube an Gott, der mir in seiner Liebe begegnet, schenkt mir die Öffnung, die mich wegbringt vom Kreisen um mich selbst. Er gibt mir die Gewissheit, in der Liebe zum Nächsten Gott zu finden, den Gott, der die Liebe ist. Die verwandelt mich mit erlösender Gewalt. Und: Diese Liebe ist die beständigste Macht der Welt, ist die schöpferische Kraft und das wirksame Instrument für unser Streben nach Frieden, Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit – in Liebe. Ja, das ist so.

Wenn wir Gott erkennen und beschreiben, ausdrücken wollen, dann sind wir immer auf Umschreibungen, auf Analogien angewiesen. Und die schönste und treffendste, das sagt uns der erste Johannesbrief, ist die Liebe; weil sie auch unsichtbar, aber dennoch da ist; weil sie unverfügbar ist, weil sie neues Leben ermöglicht, weil sie den Nächsten sehen lehrt, weil sie schön ist. Alles Eigenschaften, die wir auch von Gott sagen können.

Und so ist denn auch die Frage meines Professors jetzt am Ende eindeutig zu beantworten: Gott ist die Liebe. Ja! Aber umgekehrt ist die Liebe nicht Gott, sondern die schönste Beschreibung, die wir Menschen zur Verfügung haben, um Gott sichtbar und erfahrbar zu machen und zu beschreiben. Denn niemand hat Gott je gesehen – aber niemand hat auch die Liebe je gesehen – und sie sind beide trotzdem da.

So gehen wir in die neue Woche mit dem Wochenspruch: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Unser Glaube an Jesus Christus ist der Sieg. Unser Glaube an Jesus Christus, der uns die Liebe Gottes gezeigt hat, ist der Sieg. Er hat die Welt überwunden. Mit ihm haben wir die Welt überwunden, in seiner Liebe überwinden wir die Welt, und bleiben doch in dieser Welt, so lange Gott es für uns vorgesehen hat – in seiner göttlicher Liebe.
Amen.

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