Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 173. Jahresfest am 16. Oktober 2010

Pfarrer Dr. Werner Schwartz, Speyer

Micha 6, 8

Wochenspruch am 20. Sonntag nach Trinitatis

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist
und was der HERR von dir fordert,
nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben
und demütig sein vor deinem Gott.

Einheitsübersetzung:
Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist
und was der HERR von dir erwartet.
Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben,
in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.

Zürcher Bibel:
Er  hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist
und was der HERR von dir fordert:
Nichts anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben
und in Einsicht mit deinem Gott zu gehen.
 
Ein knapper Satz, der Wochenspruch für die kommende Woche. Es geht in ihm um das, was gut ist für den Menschen, für mich, für Sie wohl auch.
Was gut ist, so heißt es hier lapidar, ist das, was der HERR von mir fordert, was Gott von mir erwartet.
Das ähnelt sehr dem Spruch, den ich von Eltern oder Großeltern gehört habe: Ich will ja nur, was gut ist für dich! Damals, als Kind habe ich das nicht einsehen können. Aber ist mir dann nicht doch in späteren Jahren die Einsicht zugewachsen, dass sie vielleicht recht hatten, und ich konnte im Nachhinein zustimmen: Ja, das war gut für mich? (Eltern werden ja offenbar vernünftiger, wenn wir selbst älter werden.)
So wird es hier von Gott gesagt: Gott weiß, was gut ist für mich, auf lange Sicht, am Ende. Vielleicht sehe ich’s nicht zu jedem Zeitpunkt meines Lebens so. Aber am Ende werde ich ihm recht geben.
So sagt es der Prophet Micha im 8. Jahrhundert vor Christus. So lesen wir’s im Wochenspruch für diese Woche. – Ein Satz für uns, für heute, für das Leben in diesen Tagen? Testen wir ihn einfach, fragen wir nach seiner Wahrheit.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Drei einfache Dinge, beginnen wir mit dem ersten: Gottes Wort halten. Ich bleibe zunächst bei der Übersetzung der Lutherbibel: Gottes Wort halten. Auch wenn andere genauer übersetzen: Das Rechte tun, Recht üben, Recht schaffen.
Gottes Wort halten, das heißt: das Wort der Bibel lesen, hören, mich diesem Wort aussetzen, auch wenn es manchmal fremd ist, aus einer anderen Zeit kommt, zu Zeiten vielleicht auch keine große Konjunktur hat. Auch wenn’s sehr viel Mühe macht, sich auf dieses Buch mit den vielen unterschiedlichen, leichten und schweren, freudigen und ärgerlichen Geschichten einzulassen.
Es ist eher ein Defizit heute, das Wort Gottes kennenzulernen, gar es zu halten. Aber vermutlich war es und ist es immer ein Defizit. Menschen haben sich immer schwer getan, auf das Wort zu hören, das Wort an sich herankommen zu lassen.
Und erst recht ist es schwergefallen, dieses Wort zu halten. Denn es hat seine Ansprüche an diejenigen, die’s hören. Es fordert auf, das Rechte zu tun, sich dafür einzusetzen, dass Recht und Gerechtigkeit Raum gewinnen in unserer Welt. Weil nur so das Zusammenleben aller gelingt. Weil nur so Menschen sich sicher fühlen können. Wenn sie wissen, dass Recht geschieht, und sich darauf verlassen können.
Die Verlockung liegt nahe, dieses Wort beiseite zu lassen, das so herausfordernd ist. Es in seiner Funktion zu begrenzen, es einzukapseln, damit es unschädlich ist. Ein heiliges Wort für heilige Gelegenheiten, unschädlich für den Alltag.
Schade, wenn es eingekapselt bliebe in den Kirchenräumen, den Sonntagsgottesdiensten, den Bibelstunden, den Mutterhäusern, eingekapselt in den Predigten, den Liedern, den Chorälen. Zugedeckt und verschüttet, auf die fromme Zeit und den frommen Ort begrenzt und damit unwirksam gemacht. (Ich frage mich, ob Menschen deshalb über die Jahrhunderte hin soviel Geld für Kirchengebäude gespendet haben, weil sie ahnten: Da kann das Wort Gottes eingekapselt werden, auf den Gottesdienst begrenzt, und dann rückt es im Alltag nicht zu nahe.)
Und doch hat dieses Wort seine Kraft, spricht mich gelegentlich an, wird mir zum Wort Gottes. Ich höre es, beschäftige mich damit und – wer weiß – tue vielleicht dann auch danach.
Das gehört zu dem, was gut ist für uns, was Gott von uns fordert, erwartet, uns zugute. Dass wir seine Geschichte in der Geschichte der Menschheit hören. Uns einlassen darauf. Und Teil dieser Geschichte werden. Und diese Geschichte nicht eine blasse Geschichte nur bleiben lassen.

Liebe üben. Das ist das Zweite.
Dass der Glaube mit Nächstenliebe zu tun hat, haben wir mittlerweile verstanden. Nicht nur mit Geboten, nicht nur mit Forderungen, nicht nur mit Zerknirschtheit, Unterwürfigkeit, Sündenerkenntnis und Vergebungserfahrung hat der Glaube zu tun. Liebe üben. Den Nächsten lieben. Anschluss finden an den Strom der Liebe, den Gott in diese Welt schickt. Der seine Weise ist, uns zu begegnen, sein Werk in dieser Welt, seine Bewegung, und wir können Teil darin sein. Ein kleines Teil im großen Strom der Liebe.
Aber was heißt schon: Liebe üben, Güte lieben?
– Unter uns, in den Gemeinschaften und Familien, in denen wir leben, mit den Menschen, die wir mögen und lieben und die uns doch auch ärgern, enttäuschen, verletzen.
– Unter uns in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder mit der Aufmerksamkeit, die wir einander zuwenden, der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, und wo wir uns doch fragen, ob wir wirklich merken, wo’s andere denn drückt, ob wir uns genügend Zeit nehmen und Einfühlsamkeit haben, beieinander zu sein und aufeinander zuzugehen.
– In der Nachbarschaft und Freundschaft, wo wir die Balance zu halten versuchen zwischen freundlicher Nähe und lebensnotwendiger Distanzierung.
– Am Arbeitsplatz, im Betrieb, in der Schule, wo ganz andere Gesetze zu herrschen scheinen, Gesetze der Ellenbogengesellschaft, sich durchsetzen, und wir tun uns schwer, Liebe überhaupt zu entdecken. In einem Bereich, in dem man zusehen muss, dass man immer obenauf ist. In unserer Gesellschaft, wo wir uns halbwegs eingerichtet haben.
– Was heißt Liebe üben gegenüber den Menschen, die weniger gut wegkommen im Leben, behindert oder nicht behindert, und wir alle haben doch unser Maß an Einschränkung und Behinderung, – die keine Arbeit finden, junge Menschen und Menschen fast noch in den mittleren Lebensjahren, denen man den Weg in den Ruhestand ebnet? Was heißt Solidarität, die mehr sein sollte als fromme Worte und die Versicherung, dass man mitfühlt?
– Was heißt Liebe üben gegenüber den Menschen weltweit? Was heißt Liebe gegenüber Menschen, die Not leiden, die Hunger haben, die offenbar immer tiefer in der Armut versinken, die im Krieg ihr Leben zubringen müssen? Liebe ist da sicher mehr auch als zehn, fünfzig Euro für Brot für die Welt.
Es ist dir gesagt, was gut ist: Liebe üben. Einfach so. Wir spüren: Das ist ungeheuer schwer, nie einzuholen. Liebe üben, da sein für andere, Güte lieben, barmherzig sein, empfindsam für andere. Die Selbstüberwindung aufbringen, die dazu nötig ist. Die eigenen Bedürfnisse zurückstellen, von den Bedürfnissen anderer her denken. Liebe üben. Engagiert sein für ein gutes Zusammenleben. Für die anderen mitdenken, von den anderen her denken, tun, was ihnen hilft. Miteinander zu einem guten, erfüllten Leben finden. Zu einem Leben ohne Not, ohne Mangel, zu einem Leben in Freude und Glück. Oder doch zu einem Leben finden, in dem die Not zu tragen ist, Elemente des Glücks gegen die anderen des Mangels stehen und das Ganze halbwegs gut ist.
So einfach ist Liebe üben, so schwer.

Demütig sein vor deinem Gott, das Dritte. Ärgerlich fast, dieses alte Wort, passend zu dem verstaubten Image des Glaubens. Statt stolz sein zu dürfen, fordernd, selbstbewusst, statt also die Tugenden haben zu können, die heute zählen: demütig sein.
Es fällt uns nicht leicht, das zu schlucken. Zu sehr sind wir Kinder unserer Welt und unserer Zeit. Zu sehr hat uns das Leben geprägt, in dem wir stehen. Groß sein, gut sein, besser als die anderen, intelligent, hübsch, tüchtig, durchsetzungsfähig ... – was das Ideal von Menschen heute eben ausmacht.
Statt dessen heißt es hier: demütig sein.
Also Gott über mir wissen. Mich ihm unterordnen. Ich brauche nicht selber mich zum Herrgott aufzuspielen. Nicht für mich und nicht für andere. Ich kann meine Grenzen kennen, die Grenzen des Machbaren, die Grenzen des Wünschbaren, des Erreichbaren. Ich kann mich dabei bescheiden. Ich kann wissen: nicht alles, was möglich ist, dient auch zum Guten.
Trivial gesagt: Ich kann herunterfinden von dem Maß, auf das ich einen Anspruch zu haben glaube, herunterfinden auf ein gutes Maß, das gut tut, mir und anderen gut tut.
Gott als Größeren wissen. Von ihm her meinen Maßstab beziehen. Seine Leidenschaft, die Welt zu erhalten und zu erlösen, zur eigenen Leidenschaft werden lassen. Darum wissen, dass er am Ende die Welt erlöst, dass er Leben, ewiges Leben für sie bereithält. Und von dieser Vision mich beflügeln lassen, die Umsetzung in kleine Münze zu versuchen. Mich einüben in die Demut, seiner Größe gegenüber.

Das ist, was gut ist, was der HERR von uns fordert, Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor unserem Gott. Ein ganzes Lebensprogramm.
In diesem Dreiklang von Gottes Wort halten / das Rechte tun und Liebe üben, / Güte lieben, barmherzig sein und demütig sein vor Gott / in Ehrfurcht den Weg gehen mit meinem Gott, in diesem Dreiklang begegnet wieder, was nicht verloren gehen sollte, auch nicht in unseren späten nachaufgeklärten Zeiten: Dass die Menschheit das Recht braucht, Gerechtigkeit, eine gute Ordnung. Und dass sie Barmherzigkeit braucht, den Ausgleich dort, wo Schwache ihr Recht nicht selber finden können. Und dass dafür der Kult, die Religion einsteht, die nicht verloren gehen darf, wenn die Welt menschlich bleiben soll. Weil der Dreiklang von Recht, Barmherzigkeit und Kult das gute Zusammenleben von Menschen fördert. Die große Entdeckung der jüdischen Religion, die wir als Christen  geerbt haben und die Muslime mit, und wir sollten, wenn wir’s gelernt haben, ihnen helfen, das auch zu entdecken.

Das ist nichts für zwischendurch mal, kein Instant-Glaube, kein Aufputschmittel, das mein Wohlbefinden in die Höhe treibt, mit dem ich für eine Zeit besser lebe, und wo ich dann einen neuen Schub brauche. Kein Besuch im Erlebnispark Glaube, der mir einen Kick verpasst, der dann ein paar Stunden oder ein paar Tage trägt.
Viel umfassender ist das, was hier angeboten wird. Wohl auch viel anstrengender, aber insgesamt viel lohnender. Ich bin ganz dabei. Mit Leib und Seele, Haut und Haaren. Es geht um mich, um meine Sehnsüchte, um meine Lebensorientierung, um die Erfüllung meiner Hoffnung.
In der alten Sprache sagte man: Es geht um mein Seelenheil. Es geht darum, dass ich einen Sinn finde in diesem Leben mit all den vielen Aktivitäten, in denen ich stehe, dass ich ein Zentrum finde, eine Orientierung. Es geht darum, dass mein Leben ein Ziel gewinnt, ein Ziel, das Anschluss hat und Verbindung mit dem letzten Ziel dieser Welt. Darum geht’s.
So sagt’s der Prophet Micha, gut 700 Jahre vor Christus. Lange her. Aber die Bedingungen menschlichen Lebens haben sich seither nicht so sehr verändert, dass es nicht für uns heute gelten könnte. Das jedenfalls haben diese paar Minuten des Nachdenkens über diesen Satz deutlich gemacht. Der Wochenspruch dieses 20. Sonntags nach Trinitatis – ein Motto für mein Leben und eine Einladung zur Diakonie, heute, morgen und bis zum Ende, in Ewigkeit:
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Amen.

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