Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 2. Juli 2011

Schwester Hildegund Fieg


Wochenspruch: Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matth. 11, 28)


Dieses Wort begleitet uns als Wochenspruch durch die kommende Woche. „Kommet her zu mir“, ruft Jesus uns zu. ER lädt ein, in seine Nähe, in seine Gegenwart zu kommen. Er ruft auch heute jeden von uns – egal, woher wir kommen, egal, wie unser Leben bisher ausgesehen hat. Er ruft heute so, wie er damals einen Zachäus vom Baum herunter gerufen hat, so, wie er einen Bartimäus von seinem Bettelplatz weggerufen hat, so wie er einen Levi am Zoll abgeholt und in seine Nachfolge berufen hat, und so, wie er die Kinder in seine Nähe gerufen hat. Jesus lädt ein, er ruft zu sich, um zu heilen, um zu segnen, um Lasten abzunehmen, um neuen Lebensmut, Lebenskraft und Hoffnung zu schenken – auch heute.

„Heilandsruf“, nennt man diesen Wochenspruch auch. Ja, der Heiland ruft – er ruft die Mühseligen und Beladenen. Mühselig und beladen – sind wir das? Brauchen wir den Heiland, den der unser Leben heil macht, den, der zu uns spricht und uns einlädt: „Kommet her zu mir!“?

Beim Lesen dieses Wochenspruches wurde ich an ein Bild des holländischen Malers Rembrandt erinnert: Das Hundertguldenblatt. Wir sehen es hier. Seinen Titel erhielt das Bild, weil Rembrandt, der oft in finanziellen Nöten steckte, es an einen vermögenden Kunstliebhaber für 100 Gulden verkaufen konnte und dann für eine Zeitlang von seinen Geldsorgen befreit war.
Mit dieser Radierung hat der Künstler die Einladung Jesu an die Mühseligen und Beladenen eindrucksvoll dargestellt. Lassen Sie uns dieses Bild miteinander betrachten!

In der Mitte sehen wir Jesus, umgeben von vielen Menschen. Er öffnet die Arme in einer einladenden Gebärde: „Kommet her zu mir!“ Wärme und Güte gehen von ihm aus. Auf der rechten Seite sehen wir Mühselige und Beladene, die die Einladung angenommen haben. Sie kommen aus dem Dunkel und begeben sich auf Jesus zu. Zwei Frauen knien vor Jesus und flehen ihn an. Sie haben eine kranke Frau mitgebracht und sie Jesus vor die Füße gelegt. Ein Mann weist mit seiner linken Hand auf einen Schubkarren, auf dem ein Kranker, vielleicht ein Gelähmter, herangefahren wird. Wir sehen in Gesichter, die gezeichnet sind von Not, Leid und Schmerz, Gesichter, die Kummer und Sorgen erahnen lassen. Aber diese Menschen haben die Einladung Jesu gehört: „Kommet her zu mir alle, ja alle, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Und sie haben die Einladung nicht nur gehört, sondern auch angenommen. Ihre Blicke, ihre Hoffnungen sind auf Jesus gerichtet.
Noch weiter rechts sehen wir Menschen, die eigentlich gesund aussehen und gut gekleidet sind. Aber auch sie stehen im Dunkeln, am Rande, vielleicht am Rande der Gesellschaft. Vielleicht sind es die Sünder und die Zöllner. Eine Frau weist mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand auf Jesus. Hat Rembrandt hier die Frau am Jakobsbrunnen dargestellt, die nach ihrem Gespräch mit Jesus in die Stadt läuft und die Menschen auffordert: „Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe; ob er nicht der Christus sei!“

Auf der linken Seite des Bildes hat Rembrandt ganz andere Menschen gezeichnet. Da sind vornehme, gut gekleidete Menschen. Sie stehen im Licht. Sie gehören offenbar zu besser Gestellten, zu den Reichen, zu Einfluss-Reichen. Einige haben sich von Jesus abgewandt und unterhalten sich. Das könnten die Pharisäer und Schriftgelehrten sein. Vielleicht diskutieren sie darüber, was dieser Jesus sich anmaßt. Vielleicht überlegen sie, wie man ihm das Handwerk legen kann, wie man ihn außer Gefecht setzen kann. Links neben Jesus steht ein alter Mann mit fragenden Augen. Das könnte Nikodemus sein, der in der Nacht zu Jesus kommt und wissen will, aus welcher Kraft er solche Wunder wirkt.

In der Mitte sitzt ein junger Mann auf dem Boden. Er hält seine linke Hand vor den Mund. Rembrandt hat hier den reichen Jüngling gemalt, der Jesus nach dem ewigen Leben fragt. Es scheint, als habe ihm die Antwort Jesu die Sprache verschlagen: „Verkaufe alles, was du hast und gib´s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben. Und komm, und folge mir nach.“

Und dann sehen wir eine Frau, die auf ihrem Arm ein kleines Kind hält. Hinter dieser Frau steht ein Junge, der seine Mutter am Rock zu Jesus zieht. Auch sie hält ein Kind in ihren Armen. Sie sind die einzigen auf der linken Seite, die in Bewegung sind. Sie durchbrechen die Mauer der Zögernden und gehen auf Jesus zu, der wiederum mit seiner rechten Hand einen Mann, wahrscheinlich den Apostel Petrus, davon abhält, die Frauen mit den Kindern wegzuschicken. Wir werden an Jesu Worte erinnert, wie er die Kinder zu sich ruft: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

Und so ergeht an alle, an die Menschen auf der rechten und an die Menschen auf der linken Seite und auch an uns die Einladung: Kommet her zu mir. Sie ergeht an die, die offensichtlich mühselig und beladen sind und an die, deren Elend und Hilfsbedürftigkeit nicht so offensichtlich ist. Denn Jesus sieht tiefer, er sieht auch hinter manche selbstsichere Fassade. Und gerade darum lädt er alle ein und sagt: „Bei mir bist du willkommen, auch mit deiner scheinbaren Sicherheit. Bei mir kannst du kommen mit deinen unausgesprochenen Fragen, mit deinen Sorgen und Nöten und mit deinen inneren Verwundungen. Ich will sie heilen. Bei mir darfst du schwach sein, ratlos, hilflos, machtlos. Bei mir brauchst du nichts vorweisen. Du kannst kommen, so wie du bist. Ja, bei mir kannst du kommen und aufatmen, neuen Mut schöpfen, Abstand gewinnen von dem, was dein Leben gefangen hält. In meine offenen, in meine ausgestreckten Arme darfst du dich bergen. Vor mir kannst du deine Ängste aussprechen. Bei mir kannst du deine Schuld, die dir die Freude am Leben nimmt, abgeben. Denn ich bin der, der deinem Leben eine neue Perspektive schenkt. Ich bin gekommen, weil ich dein persönlicher Heiland sein will und Licht in dein Leben bringen will.

Nehmen wir seine Einladung an! Gehen wir zu ihm.
Er ist immer nur ein Gebet weit von uns entfernt. Er will, dass wir ihm erzählen, was uns niederdrückt, was uns lähmt und gefangen nimmt, welche Lasten uns beschweren, was uns die Luft zum Atmen nehmen möchte. Er ruft uns zu: „Ich will euch erquicken.“ Erquicken – das Wort ist abgeleitet von quicken oder keck und bedeutet: lebendig machen, wieder beleben, ermuntern.
Bei Ihm ist der Ort, wo ich ermuntert, ermutigt werde, wo mir neues Leben geschenkt wird, wo ich ausruhen darf, wo ich nach einer anstrengenden Wegstrecke gestärkt werde, wo ich in der Hitze des Alltags an einer Quelle frisches, Leben schaffendes Wasser bekomme. Bei Ihm, in seiner Nähe, werde ich nicht überfordert. Er stellt keine Anforderungen, bei ihm muss ich keine Leistungen  erbringen.

Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin.
Du hast gesagt, dass jeder kommen darf.
Ich muss dir nicht erst beweisen, dass ich besser werden kann.
Was mich besser macht vor dir, das hast du längst am Kreuz getan.
Und weil du mein Zögern siehst, streckst du mir deine Hände hin,
und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.

Jesus, bei dir darf ich mich geben, wie ich bin.
Ich muss nicht mehr als ehrlich sein vor dir.
Ich muss nichts vor dir verbergen, der mich schon so lange kennt.
Du siehst, was mich zu dir zieht, und auch, was mich von dir noch trennt.
Und so leg ich Licht und Schatten meines Lebens vor dich hin,
denn bei dir darf ich mich geben, wie ich bin.

Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin.
Nimm fort, was mich und andere zerstört.
Einen Menschen willst du aus mir machen, wie er dir gefällt,
der ein Brief von deiner Hand ist, voller Liebe für die Welt.
Du hast schon seit langer Zeit mit mir das Beste nur im Sinn.
Darum muss ich nicht so bleiben, wie ich bin.

Amen.

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