Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 30. Juli 2011

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe

Jesaja 43, 1 – 7


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

der Wochenspruch der mit diesem Abend beginnenden neuen Woche, der 6. nach Trinitatis, steht im Buch des Propheten Jesaja. Genauer gesagt im mittleren Teil dieses Buches. Die Kapitel 40 bis 55 bilden eine Einheit, die vermutlich später aufgeschrieben worden ist als die Kapitel 1 bis 39. Wir nennen diesen Mittelteil den „2. Jesaja“, vornehm den „Deuterojesaja“.

Dieser Deuterojesaja ist wohl das schönste Buch im AT! Luther nannte es ein „Trostbüchlein“, wohl auch, weil es mit diesen Worten beginnt: „Tröstet, tröstet mein Volk...“. Manche nennen es das „Evangelium des alten Bundes“. Der Prophet spricht hinein in das Ende der Exilszeit in Babylon mit tröstlichen Worten, mit Worten der Barmherzigkeit und Güte, mit Worten der Verheißung:
„Ich habe euch einen Augenblick verlassen, aber mit großer Güte will ich mich euer erbarmen.“
„Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen – aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.“
„Und wenn auch eine Frau ihre Kindlein vergäße, so will ich dich doch nicht vergessen.“
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“
Das ist Deuterojesaja! Von ferne mögen wir schon die Stimme Jesu hindurchhören, die Stimme des guten Hirten, der uns verheißt, bei uns zu bleiben alle Tage...
Hier nun ist unser Wochenspruch angesiedelt, der 1. Vers im 43. Kapitel:
So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.

„Fürchte dich nicht!“ Ein tröstendes, beruhigendes Wort, das wir aus vielen biblischen Geschichten kennen. Immer da trifft es Menschen, wo sie entweder in tiefer Verzweiflung sind, keine Ausweg mehr sehen, sich von Gott und den Menschen verlassen fühlen:

  • Hagar, die mit ihrem Sohn Ismael ausgestoßen, in die Wüste geschickt worden war und den Tod vor Augen glaubt: „Fürchte dich nicht! Steh auf!“ Und Gott zeigte ihr den lebensrettenden Wasserbrunnen.
  • Abraham, Isaak und Jakob, die Urväter des Gottesvolkes, werden von Schritt zu Schritt auf ihren Wegen begleitet von diesem „Fürchte dich nicht!“
  • „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“, so hören es die Propheten wieder und wieder aus Gottes Mund, wenn sie ihre oft unbequeme Botschaft ausrichten sollen.

Wir kennen den Zuspruch aber auch dort, wo Menschen in erschreckender Weise dem lebendigen Gott begegnen und von Seiner Erscheinung buchstäblich zu Boden geworfen werden:

  • Die Hirten auf dem Felde. Das war ja nicht lieblich romantisch, wie sie da mitten in der Nacht von blendendem Licht umhüllt werden, sondern zutiefst erschreckend. Und da eben die Stimme der Gottesboten: „Fürchtet euch nicht!“
  • Petrus, als er mitten am Tag soviel Fische fing, dass die Netze zerrissen und er gewahr wurde, dass in Jesus Gott selbst vor ihm stand: „Fürchte dich nicht. Von nun an sollst du Menschen fangen.“

Hier nun das Wort zu einem Volk, das alles verloren zu haben glaubt, was Gott ihnen doch verheißen und dann auch geschenkt hatte und was ihren Glauben ausmachte: Land und Stadt und Tempel. Fern im heidnischen Babylon saßen sie und wussten nicht, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Sie wussten vor allem nicht, wo ihr Gott geblieben war. Hatte Er sie verlassen?
In diese Gottverlassenheit das Gotteswort aus dem Munde des Propheten: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.“

Einen Augenblick wollen wir innehalten. Gab oder gibt es in unserem Leben solche Zeiten der scheinbaren Gottverlassenheit? Als uns ein Mensch von der Seite genommen wurde, der unserem Leben Sicherheit, Liebe, Geborgenheit gab? Als eine Krankheit unser Leben bedrohte und wir verzweifelt nach Gott Ausschau hielten? Als all unser Hoffen wieder und wieder enttäuscht wurde, familiär, beruflich?

Die Verbannung des Volkes Israel aus seiner Heimat, weg vom Tempel, der doch spürbar und sichtbar Gottes Nähe garantierte, ist zu einem zeitlosen Bild geworden für alle Formen von Gottferne, von Gottverlassenheit, die Menschen, die wir in unserem Leben bisweilen erfahren.

Und deswegen spricht uns dies alte Prophetenwort über die Jahrhunderte, über mehr als zwei Jahrtausende heute noch an, ganz persönlich, in unserer Situation: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst – aus deiner Angst, aus deiner Einsamkeit, aus deiner Verzweiflung. Wo auch immer du dich befindest, wie auch immer es dir geht, was auch immer du gerade an Enttäuschungen durchlebst, was auch immer für Lasten auf deinen Schultern liegen – fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Und es geht weiter: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Es ist etwas unbeschreiblich Tröstendes und zugleich Unfassbares, dass der große Gott im Himmel, der Schöpfer Himmels und der Erden, in eine so ganz persönliche Beziehung tritt zu einem Jeden von uns: Du, Dich habe ich gerufen, ich kenne deinen Namen, ganz persönlich und vertraut deinen Vornamen! Ich habe dich ins Leben gerufen, dir dein Leben geschenkt! Du bist und bleibst mein! Auch wenn du meinst, du seist gottverlassen – nein, du bist es nicht! „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, so sagt es der auferstandene Christus seinen Jüngern, seiner Kirche, uns, jedem einzelnen von uns zu!

Liebe Gemeinde, die Verheißung Gottes, die Zusage des Auferstandenen gilt bei Jesaja dem Gottesvolk (es spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel), bei Christus Seiner Kirche in der Fortführung der Verheißungen des Alten Bundes. Als Glieder dieser Kirche, des Leibes Christi, des durch die Zeiten wandernden Gottesvolkes dürfen wir uns so persönlich gemeint und angesprochen fühlen, wie wir es gehört haben: Dich habe ich bei deinem Namen gerufen! Dich habe ich erlöst! Du bist mein! Weil du zu meinem Volk gehörst.

Für uns gibt es das unauslöschliche Siegel der Zugehörigkeit zu Gottes Volk, zum Leib Christi in der Taufe. Die Taufe ist, so kann man das sagen, der sakramentale Ort, wo der Ruf Gottes an uns ergeht, unauslöschlich und unaufhebbar: Dich rufe ich bei deinem Namen – und da kann nun jeder seinen Namen einsetzen! - , dich habe ich erlöst, du bist mein, gehörst zu mir, im Leben und im Sterben.

Luther soll, so wird erzählt, es sich auf seinen Schreibtisch geschrieben haben: „Ich bin getauft!“ So wollte er sich mitten in allen oft so verzweifelten Schwierigkeiten daran erinnern lassen: Was auch immer geschieht und wie gottverlassen ich mir auch oft vorkomme – das bleibt gewiss: Ich bin getauft! Ich bin mit Christus verbunden, ob ich lebe oder ob ich sterbe, ob ich Erfolg habe oder nicht, ob ich krank bin oder gesund, ob ich einsam bin oder verbunden mit lieben Menschen. Gottes Zusage gilt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.
Amen.

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