Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 174. Jahresfest am 15. Oktober 2011

Prälat Dr. Traugott Schächtele, Schwetzingen

Markus 9, 17 – 27


Liebe Jahresfestgemeinde,
liebe Schwestern,
liebe Freundinnen und Freunde des Diakonissenhauses Bethlehem!

Heute feiern sie das 174. Jahresfest! Das ist vor allem erst einmal ein Grund sich zu freuen. Und allemal auch Grund genug zum Danken. Es freut mich von Herzen, dass ich mit der Predigt in diesem Jahresfestgottesdienst auch einen Beitrag zur Festfreude beisteuern kann.

174 Jahre – das sind 174 Jahre lebendige, bewegte Geschichte des Diakonissenhauses. Mit allen und mit allem, was dazugehört. Mit allem Auf und Ab. Mit all den Menschen, die hier und von hier aus ihre segensreiche Wirkung entfalten konnten. 174 Jahre, in denen sich eine große Geschichte des Glaubens entfalten konnte.

Um das Thema des Glaubens soll es auch in der Predigt heute gehen. Nicht nur, weil der Glaube ein zentrales Thema des Christseins darstellt. Zum Thema des Glaubens führt uns auch der Predigttext. Es ist der Predigttext für den vor uns liegenden 17. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest. Ich lese aus Markus 9 die Verse 14 bis 27:

Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.
Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.
Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

Dieser Text braucht den dreifachen Blick, liebe Gemeinde. Beginnen wir mit dem ersten. Beim ersten Hinhören und Hinsehen wird klar: Wir haben eine Wundergeschichte vor uns. Konkret eine Heilungsgeschichte. Ein Vater bringt seinen Sohn zu Jesus. Der Sohn leidet an Epilepsie. Die Folgen dieser Krankheit bringen sein Kind immer wieder in lebensgefährliche Situationen. Das eine Mal droht er zu ertrinken. Das andere Mal gerät er in Gefahr, im Feuer umzukommen.

Dem Vater bleibt keine andere Wahl. Er muss jede Gelegenheit nutzen, den Sohn von seiner Krankheit zu heilen. „Ich muss ja nicht gleich diesen Jesus belästigen“, denkt er. „Der ist viel zu bekannt. Zu dem werde ich sowieso nicht durchkommen.“ Also versucht er es mit den Jüngern. Aber die Jünger können ihn nicht gesund machen.

Und mitten im Handgemenge, das entsteht, kommt dieser Jesus selber auf ihn zu. Wir haben gehört, wie es weitergeht: Jesus vertreibt den krankmachenden Geist. Der Junge wird gesund.

Kein Wunder! Jesus gelingt, wozu die Jünger nicht in der Lage sind. Aber eben doch ein Wunder! Wo ein Mensch krank war und wieder gesund wird, und manchmal gegen alle Hoffnung, da ist allemal ein Wunder geschehen!

Aber unser Blick auf das Wunder ist nur der erste Blick. Denn diese Geschichte ist vor allem eine Geschichte des Glaubens, habe ich gesagt. Deshalb jetzt ein zweiter Blick Ein zweites, intensiveres Zuhören und Hinsehen.

Nicht nur der Sohn bekommt sein Leben neu geschenkt. Ein Wunder ereignet sich auch mit seinem Vater. Ein Glaubenswunder. Keck kommt er daher. Und es ist schon mutig, was er da sagt: „Deine Jünger haben ihn nicht heilen können, lieber Jesus. Wenn du etwas kannst, wenn du es besser kannst als deine Jünger, dann lass mal sehen!“

Wo die Schüler an ihre Grenzen geraten, da ist ihr Lehrer gefordert. Wo die untere Leitungsebene versagt, muss die höhere ran. Der Wunsch des Vaters ist klar. Jesus soll die erbetene Heilung jetzt zur Chefsache machen. Jetzt soll er zeigen, was er kann.

Aber Jesus hat gar nicht den Jungen im Blick. Jesus geht es um den Vater. Es geht ihm um einen verzweifelten Menschen. Einen Menschen, der die irdischen Maßstäbe auch an den Himmel anlegt. Oben und unten. Zweite Reihe und erste. Aufgaben der unteren Ebene und Chefsachen.

„Wenn du etwas kannst, dann hilf mir!“, sagt der Mann. Und Jesus antwortet nicht: „Lass mal schauen, worum es geht. Ich kann das!“ Nein, Jesu Antwort lautet: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Ein schlichter Satz. Und doch einer mit einer gewaltigen Wirkung. Noch vor dem Sohn wird der Vater geheilt. Noch vor dem Sohn entdeckt der Vater das Leben. Der Vater wird nicht fromm. Er wird nicht bekehrt. Mitten im Alten gewinnt er eine neue Perspektive. Einen neuen Blick. „Ich glaube“, sagt er. „Hilf meinem Unglauben!“

Was für ein schöner Satz. Was für ein Angriff auf alle, die die Welt einteilen wollen in gut und böse. Und die in der Kirche die Gläubigen von den Ungläubigen trennen und unterscheiden wollen. „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Was für eine Entlastung. Was für eine tröstliche Zusage. Bei Gott sind wir nicht außen vor. Selbst dann nicht, wenn uns der Glaube durch die Finger rinnt. Selbst dann nicht, wenn uns der Boden unter den Füßen weg bricht. Selbst dann nicht, wenn wir nicht mehr glauben können.

Unsere Zweifel und unser Manchmal-nicht-mehr-glauben-können – selbst die Erfahrung der Gottesfinsternis dürfen wir Gott vor die Füße legen. Wie Jesus selber, als er sich nur noch in einem alten Psalmgebet bergen kann. Als er betet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Ganz ähnlich klingt es bei dem Vater des kranken jungen Mannes: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ Wer so beten kann wie dieser Mann, hat etwas davon begriffen, was Glauben meint. Der hat Entscheidendes begriffen.

Dieser zweite Blick auf den Predigttext lehrt uns: Diese Geschichte ist nicht nur eine Wundergeschichte. Es ist vor allem eine Glaubensgeschichte. Das eigentliche Wunder – es geschieht am Vater!

Was heißt dann also glauben? Glauben heißt nicht einfach nur vermuten. So wie wir das Wort häufig verwenden. „Ich glaube, morgen wird es noch einmal schön!“ Glauben ist mehr als meinen, aber weniger als wissen. Das hat Immanuel Kant gesagt. Ein großer Philosoph, der im 18. Jahrhundert gelebt hat. Aber auch das will nicht recht zufrieden stellen.

Gauben heißt aber auch nicht einfach nur für wahr halten. Ich glaube, dass etwas ist. Dass dies oder jenes existiert. Davon können wir nicht leben. Nicht einmal von dem Glauben, der sagt, dass es irgend einen Gott oder ein höheres Wesen gibt. Das glauben, so hat es eine Umfrage ergeben, immerhin 61 Prozent aller Deutschen. Aber ein solcher Glaube und der Glaube, dem alles möglich ist, das sind immer noch zwei unterschiedliche Dinge.

Ein Gott, den es gibt, wie es anderes gibt zwischen Himmel und Erde, darüber kann man trefflich in Streit geraten wie die Jünger mit den Schriftgelehrten und dem Vater des Kindes. Dieses Nachdenken kann uns sehr wohl in den Vorhof des Glaubens führen. Und ich will es deshalb überhaupt nicht schlecht machen. Doch von einem Gott, den es bloß irgendwie gibt, haben wir kaum das Wunder des geschenkten Lebens zu erwarten. Das Wunder, von dem der Predigttext berichtet.

Glauben, so wie dieser Vater glauben gelernt hat, heißt rückhaltlos vertrauen. Heißt sich auf einen anderen verlassen können, selbst dann, wenn es dafür keinen Grund gibt. Selbst dann, wenn wir nur noch mit leeren Händen dastehen. „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Aber noch müssen wir den dritten Blick wagen. Was ist noch offen nach der Wundergeschichte und der Glaubensgeschichte? Kehren wir zum Anfang zurück. Jesus ist mit dreien seiner Jünger auf einen Berg gestiegen. Mit Petrus, Jakobus und Johannes. Dort erscheinen ihnen Mose und Elia. Mitten im Alltag sind sie aus der Wirklichkeit herausgenommen. Doch als sie wieder vom Berg herabsteigen, holt sie die Wirklichkeit schnell wieder ein. Die Verklärung nimmt ein jähes Ende. Unruhe. Heftige Worte. Streit.

Wörtlich heißt es: „Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?“

Den Schriftgelehrten war nicht verborgen geblieben, dass die Jünger den kranken jungen Mann nicht haben heilen können. Die Aufforderung: „Wenn du etwas kannst, dann zeige es jetzt!“, sie wird nicht erst vom Vater ausgesprochen worden sein. Sie war heftig zu spüren, als Jesus mit den dreien zurückkommt.

Die Jünger konnten’s nicht. Und sie sind verwirrt. „Warum konnten wir diesen jungen Mann nicht heilen?“, fragen sie. Und wir haben die Antwort Jesu noch in Erinnerung. Den Satz: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Aber ebenso auch die Ergänzung: „Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“ In jüngeren Handschriften des griechischen Textes wird noch ergänzt: „Und durch Fasten.“

Solche Wunder gibt es nicht mit der linken Hand. Sie erfordern das ganze Vertrauen. Glauben heißt immer: Auf’s Ganze zu setzen. Sich gänzlich verlassen. Ein wenig glauben, das geht nicht. Selbst dann, wenn wir mit leeren Händen da stehen. Selbst dann, wenn uns der Glaube schwerfällt. Selbst dann, wenn wir uns klagend an Gott wenden.

Auch Zweifeln und Klagen – sie erfordern den ganzen Einsatz. Bei den großen Festen der Dankbarkeit reicht es nicht aus, irgendwann dann auch noch Gott ins Spiel zu bringen. In den Krisen des Lebens reicht es nicht aus, ein wenig gegen Gott anzuglauben. Unser Glauben und unser Zweifeln – sie müssen Gott und sie müssen uns herausfordern. Unser Klagen und unser Lob – sie müssen aus ganzem Herzen kommen. Damit Gott etwas daraus machen kann. Damit Gott beides zu seiner Sache machen kann.

Darum ist dieser Text, diese Wunder– und Glaubensgeschichte auch eine Geschichte der Hoffnung. Der Hoffnung, dass wir Zukunft haben. Zukunft bei Gott. Und ich bin sicher: In den 174 Jahren, auf die wir zurückblicken bei diesem Jahresfest, hat es viele solche Situationen gegeben. Zeiten des Aufblühens und des Wachstums. Zeiten der Krise und der Sorge, wie es weitergeht.

Und mehr als einmal werden die Gebete Gott erreicht haben: „Wenn du, Gott, noch etwas vermagst, dann zeige dich. Dann hilf uns!“ Und immer wieder haben sich Türen geöffnet. Und immer wieder haben die Menschen hier spüren können: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Und die Zukunft ist zur Hoffnungsgeschichte geworden.

Aber nie hat er ausgereicht, mit der linken Hand und mit halbem Herzen zu glauben. Mit Gebet und Fasten, mit ganzem Einsatz und voller Gottvertrauen, und sei’s gegen den Augenschein, ist es weitergegangen. Weil Gott im Spiel des Lebens dabei war. Weil Gott dem zweifelnden Herzen Sicherheit gegeben hat. Und den Kleinglauben verwandelt hat in das Bekenntnis: „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Und wie dieser Vater im Predigttext haben sie auch in der Geschichte des Diakonissenhauses ein ums andere Mal die Erfahrung machen können: „Alle Dinge sind uns möglich, wenn wir glauben.“ Und so hat sich diese Geschichte immer wieder zur Segensgeschichte hin wandeln können. Zu einer Geschichte des durchgehaltenen Glaubens. Und des Vertrauens in die Kraft des Gebetes.

Und wo immer der Glaube und das Gebet eine Beziehung eingehen, folgt ein Drittes: da folgt der tätige Einsatz wie von selbst. Und darum ist auch die Geschichte dieses Diakonissenhauses immer auch eine Geschichte des tätigen Einsatzes für andere gewesen. Und ihr Einsatz kam zuallererst und in unterschiedlichster Weise den Kindern zugute. In der direkten Arbeit mit den Kindern. Und in der Ausbildung von Fachkräften. Und dies bis heute.

Andere Angebote wie der Schülerhort oder das Betreute Wohnen haben den Elementarbereich des Einsatzes immer wieder ergänzt. Die Bewahrung des eigenen Erbes und die Offenheit für neue Aufgaben und Entwicklungen – sie sind eben Geschwister, die nie wirklich voneinander loskommen. Und auch das gilt bis heute.

Was Dietrich Bonhoeffer vor bald 80 Jahren formuliert hat, bleibt auch für uns alle von brennender Aktualität. In einem seiner Briefe aus der Haft schreibt Bonhoeffer: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“

Auf dem Weg zum 175. Jahresfest in einem Jahr mögen sie diese Sätze begleiten. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Aber wir können sicher sein: Wo wir beten und das Gerechte und das Rechte tun. Und wo wir unseren Glauben nicht wegwerfen, bleiben wir vor Wundern niemals gefeit. Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Mit weniger müssen wir uns nicht zufrieden geben. Und das ist allemal Grund genug, auch in diesem Jahr wieder dankbar und fröhlich dieses Jahresfest zu feiern.
Amen.

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