Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 14. April 2012

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe

Johannes 20, 19 – 29


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

„selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Diese Seligpreisung am Ende der Geschichte vom sogenannten "ungläubigen Thomas" – die gilt uns! Denn wir sind genau in der Lage, die der Evangelist Johannes in der Gemeinde, an die er sein Evangelium richtet, vor Augen hat: Menschen, die nicht sehen und die er zum Glauben locken möchte! Zum Glauben an den Auferstandenen; zum Glauben an unsere Auferstehung; zum Glauben an das Leben, das stärker ist als der Tod.

Wir stehen am Ende der Osteroktav, der acht Tage, die mit zum Osterfest gehören.
Der achte Tag ist der Tag, an dem die in der Osternacht Getauften ihre weißen Taufgewänder ablegten – deswegen „Weißer Sonntag“ – der Tag, an dem sozusagen der Ernst des Christenlebens begann – ein Leben aus der Taufe, ein neues Leben also, ein letztlich unvergängliches Leben.
Und an diesem Tag, „Quasimodogeniti“ – „Wie die Neugeborenen“ heißt das – steht nun unser Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief, der uns dazu anregt, unser neues Taufleben zu meditieren:

"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten." (1 Pe 1,3)

Ein Satz, prallvoll mit Wörtern, mit Begriffen, die ihrerseits prallvoll sind mit Bedeutung! Man könnte an jedem Wort hängen bleiben. Ich fange mal hinten an:
Die „Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ – wir haben sie an Ostern gefeiert.
Und wir haben in den Bibeltexten, die wir an den Ostertagen gehört, gelesen, gepredigt haben, wahrgenommen, wie schwer es schon damals war, diese Auferstehung zu begreifen, zu glauben, sie sich vorzustellen, sie dann in das eigene Leben hineinzunehmen.

Wir haben noch im Ohr die Erzählung von Thomas: Am Sonntag nach dem Auferstehungstag – also an Quasimodogeniti! – ist Jesus plötzlich wieder da, in der Runde der immer noch verstörten Jünger. Die waren keineswegs zum Missionieren aufgebrochen, sondern hatten sich abwartend in einer ihrer Wohnungen getroffen. Und er ließ Thomas seine Wunden berühren. Der daraufhin eins der ältesten uns erhaltenen Glaubensbekenntnisse formuliert: „Mein Herr und mein Gott!“

Auch zu uns kommt der Auferstandene jeden Sonntag, leibhaftig, im von Menschen geschriebenen, gelesenen, gepredigten Wort und in dem von uns Menschen gebackenen Brot, gekelterten Wein des Heiligen Abendmahls. Wir können nicht unsere Hände in seine Seite legen. Aber wir haben Sein Wort, wir haben teil an Seinem Leben, das Er für uns verströmt hat, an Seinem Leib, an dem wir Glieder sind. Selig sind wir, wenn wir Ihn im Wort und in den eucharistischen Gaben glaubend erkennen, auch wenn wir Ihn als irdische Person mit unseren leiblichen Augen nicht sehen!

Seine Auferstehung bedeutet eben das: Er tritt als der Lebendige unter uns. Er gibt uns Teil an sich. Wir gehören Ihm an, ob wir leben oder ob wir sterben. Wir brauchen nur noch Hände und Herz zu öffnen, um Ihn zu empfangen. Das heißt dann „glauben“.

Deswegen das Zweite in unserem Wochenspruch: die lebendige Hoffnung.
Liebe Schwestern und Brüder, ohne irgendeine Hoffnung könnten wir nicht leben. Irgendwie hoffen wir eigentlich immer – auf einen Anruf oder dass Post im Briefkasten (mindestens in der Mailbox...) ist; auf Genesung, wenn wir krank sind; wir hoffen, dass aus unseren Kindern oder Enkeln mal was rechtes wird; ja, wir hoffen, dass das Wetter endlich besser wird – ich könnte hundert ganz alltägliche Beispiele nennen; und ich möchte Sie anregen, in den nächsten Tagen bei sich selbst einmal bewusst darauf zu achten, wie sehr das Hoffen unsere Alltagsstimmung beherrscht.
Aber es gibt auch das Wort: „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren“, dann nämlich, wenn wir unser Hoffen festmachen an Dingen, die eben auch ganz anders kommen können und oft genug auch ganz anders kommen. Wehe, wenn wir uns dann mit unserem Wohlbefinden zu sehr an solchen Hoffnungen fest geklammert haben!
Hier aber ist die Rede von einer „lebendigen“ Hoffnung, einer Hoffnung also, die nicht stirbt, die ganz bestimmt nicht umsonst ist, die uns ganz bestimmt nicht zu Narren macht, die sogar unser leibliches Leben überdauert! Weil sie sich nämlich festmacht an dem lebendigen Christus.

Womöglich findet der Eine oder Andere das jetzt enttäuschend für den ganz normalen Alltag, für das ganz normale Leben in dieser Welt.
Die lebendige Hoffnung an den Auferstandenen wird vermutlich nicht unbedingt bewirken, dass Post im Briefkasten ist. Sie wird nicht einmal unbedingt bewirken, dass ein Schwerkranker wieder gesund wird, auch wenn wir noch so sehr drum beten.
Aber sie wird bewirken, dass wir nicht in Verzweiflung versinken, wenn denn unsere diesseitigen Hoffnungen enttäuscht werden.

Was uns wirklich hält im Leben und im Sterben, in der Freude und im Leiden, das kann nicht etwas „von dieser Welt“ sein. Die Antwort auf die Leiden und Enttäuschungen unseres Lebens und am Ende die Antwort auf die letzte Frage nach dem Tod – diese Antworten liegen nicht in dieser Welt. Sie liegen in der himmlischen Welt. Unsere christliche Existenz ist geprägt von unserer himmlischen Zukunft her als der eigentlichen „Wirk-lichkeit“, die in unser Leben hineinwirkt. Wo wir uns verstehen als Leute, die unterwegs sind, hin zu dem himmlischen Ziel, da erfüllt uns „lebendige“ Hoffnung, die unser Leben und Wandern unter ein positives Vorzeichen stellt.

Und nun das Dritte: Zu dieser lebendigen Hoffnung sind wir „wiedergeboren“.
Vielleicht fällt Ihnen auch so wie mir, als ich über dies Wort nachdachte, Nikodemus ein, der kluge, im Glauben gereifte Mann, der ganz schlicht Jesus die Frage stellt: Wie kann ich denn als alter Mann wieder geboren werden?
Ja – wie?
Da kommt nun die Taufe in den Blick. Die Taufe ist der sakramentale Ort, an dem wir mit dem auferstandenen Christus verbunden worden sind. Der Wasserritus symbolisiert das Mitsterben mit Jesus, das Eintauchen in die tödliche Chaosmacht des Wassers; das „Aus-der-Taufe-gehoben-Werden“, wie man früher sagte, symbolisiert das Mit-Auferstehen mit Christus. Jedes Sterben ist für den Getauften ein Mitsterben mit Christus – nicht nur der leibliche Tod am Ende unseres irdischen Lebens. Sondern all die Tode, die wir im Laufe unseres Lebens so sterben – wenn Beziehungen zerbrechen, wenn der liebste Mensch von unserer Seite genommen wird, wenn wir unsere Kraft und Gesundheit verlieren durch einen Unfall, durch eine unheilbare Krankheit, durch das ganz normale Altern. Wie oft müssen wir Abschied nehmen! Und immer ist es ein „Sterben“ mit Christus! Mit dem, der auch gelitten hat, der auch enttäuscht worden ist, der auch nicht immer so konnte, wie er wohl gewollt hätte – und der am Ende durch die Gethsemane-Angst hindurch auch leiblich sterben musste.

Dass Er auf’s Neue ins Leben geholt wurde, und zwar in ein unvergängliches, ewiges, himmlisches Leben, das wir uns gar nicht vorstellen können, das ist für uns Verheißung, „lebendige Hoffnung“, dass auch wir mit Ihm in dieses Leben gelangen werden. Und jede kleine „Auferstehung“, die wir erleben, wenn wir einen Schicksalsschlag verarbeiten und irgendwie wieder einen neuen Weg einschlagen können, wenn wir gelernt haben, mit einer Beeinträchtigung zu leben – jede solche „kleine Auferstehung“ ist so etwas wie ein Angeld, ein Vorgeschmack der letzten großen Auferstehung, der wir entgegen gehen.

„Gelobt sei Gott“, der uns zu solcher lebendigen Hoffnung in unserer Taufe wiedergeboren hat durch die Auferstehung seines Sohnes!
„Gelobt sei Gott“, der unser Leben hell macht mit dem österlichen Licht, das aus dem Himmel auf unser Leben fällt!
Amen.

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