Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 26. Mai 2012

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe

Johannes 14, 23 – 27


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

Samstag Abend, der Vorabend zum Pfingstfest. Man muss weder einen Tannenbaum schmücken noch Ostereier verstecken. Es ist einfach nur Samstag Abend. Wir versuchen, uns hineinzufühlen in Pfingstgefühle. Aber wie sehen Pfingstgefühle aus, wenn es doch nichts vorzubereiten gibt und auch keine Vorfreude auf Geschenke?
Immerhin wird das Wetter anscheinend gut und man kann einen Ausflug planen.
Oder vielleicht doch „Geschenk“? Der Heilige Geist, so heißt es und so hörten wir es eben auch im Evangelium, soll uns geschenkt werden oder sollte damals den Jüngern geschenkt werden.

Damals nur, zwecks Gründung der Kirche? Oder auch heute noch, uns, der heutigen Kirche, um die wir uns bisweilen Sorgen machen? Uns, dem Diakonissenmutterhaus Bethlehem, um das wir uns auch bisweilen Gedanken, womöglich Sorgen machen? Ist also Pfingsten doch irgendwie spannend? Geschieht da vielleicht etwas, was uns eben doch mit Erwartung erfüllen kann, mit Vorfreude?

Den Wochenspruch zur Pfingstwoche hatte ich selbst mit einer gewissen Skepsis gelesen. Er muss ja was mit Heiligem Geist zu tun haben... Ist es also einfach ein Wort, mittels Konkordanz gesucht, wo „Geist“ drin vorkommt? Oder hat dies Wort aus einem der unbekannteren Prophetenbücher des AT wirklich etwas zu tun mit unserem neutestamentlichen Pfingstfest?

Zu meiner eigenen Überraschung hat er das! Aber dazu muss man auf den Zusammenhang schauen, in dem er steht:

Der Prophet Sacharja hat gegen Ende des 6. vorchristlichen Jahrhunderts gelebt, so um 520 herum. Es war die Zeit, wo aufgrund des Ediktes des Perserkönigs Kyros die Juden aus dem Babylonischen Exil wieder heimkehren durften in ihr Land Juda, in ihre Stadt Jerusalem, die allerdings noch weitgehend in Trümmern dalag. Eine gewaltige Aufbauarbeit lag vor ihnen, ähnlich wie hier bei uns nach dem 2. Weltkrieg.
(Deswegen waren auch keineswegs alle Juden zurückgeströmt. Viele hatten sich in Babylon gut eingerichtet und blieben lieber dort.) Die Zurückgekehrten hatten alle Hände voll zu tun, um sich auf’s Neue eine Lebensgrundlage zu verschaffen.
Und da kam bei den Geistlichen, unterstützt von Worten der Propheten Haggai und Sacharja, der Gedanke auf, auch den Tempel wieder neu zu erbauen, ihrem Gott JHWH wieder eine „Wohnung“ zu errichten, so dass das Gottesvolk wieder eine Mitte hatte. Das auserwählte Volk sollte wieder zur Gemeinde werden, zur Gemeinde ihres Gottes, die sich eben darin unterscheiden sollte von allen anderen Völkern rings herum.

Man könnte meinen: Restaurative Gedanken; alles sollte wieder werden, wie es früher gewesen war. Auch das ist uns aus den Jahren nach 1945 nicht ganz unbekannt. Dabei unterschätzt man aber die völlig veränderte Lage nach 40 Jahren in der Fremde, in denen sich die jüdische Religion weiter entwickelt hatte. Es gab kaum noch etwas, auch theologisch, woran man hätte anknüpfen können. Die Religion war sozusagen vergeistigter geworden, die Frömmigkeit individualisierter, verinnerlichter.
Einfach den alten Tempelkult wieder einführen, das ging nicht. Die neue Gemeinde um den neuen Tempel herum würde ein anderes Gesicht haben.

Liebe Schwestern und Brüder, es ging um die Neuschaffung einer Gemeinde, um die neue Konstituierung des Gottesvolkes, wenn nun ein neuer Tempel gebaut werden sollte!
Und in diese Situation ergeht an den Königssohn Serubbabel, der diese Aufgabe ins Werk setzen sollte, das Wort des HERRN aus dem Mund des Propheten Sacharja: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth." (Sach 4,6)

Mit anderen Worten: Nicht ihr Menschen könnt mit euren Möglichkeiten Gemeinde schaffen. Nicht mit eurer noch so fleißigen Arbeit, noch mit eurer theologischen Geisteskraft, nicht mit eurem Geld (die damals hatten auch keins...) und nicht mit eurer Kunstfertigkeit und Kreativität. Sondern der Geist Gottes ist es – und nur er! –, der einer Gemeinde Leben einhauchen kann! So wie es der Geist Gottes ist, der allem Leben seinen Odem einbläst. Im Schöpfungspsalm 104 heißt es (V.29.30): „Verbirgst du dein Antlitz, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.“ „Odem“ und Geist“ sind im Hebräischen dasselbe Wort „ruach“; also geht es im 104. Psalm  auch um den Geist des HERRN!

Und nun sind wir tatsächlich ganz nahe dran am Pfingstgeschehen! Wir erinnern uns an die folgenreichen Worte Jesu, der angekündigt hatte, den Tempel abzureißen – den, der damals um die Wende zum 5. Jahrhundert gebaut worden war! – und ihn in drei Tagen neu wieder zu bauen. Wir verstehen im Nachhinein, wie brisant in den Ohren der damaligen jüdischen geistlichen und weltlichen Oberen diese Worte gewesen sein mussten! Sie wurden zum Anlass des Todesurteils wegen Gotteslästerung, zum Anlass der Kreuzigung Jesu!

An Pfingsten geht es nun genau um den Neubau dieses neuen Tempels Jesu Christi, nämlich seiner Gemeinde! Etwas ganz Neues sollte geschehen. Wie es bei Sacharja Serubbabel war, der im Vertrauen auf Gottes schöpferischen Geist nach der babylonischen Gefangenschaft einen neuen Tempel bauen, eine neue Gemeinde etablieren sollte, so war aus Jesu Mund der Auftrag an die Jünger ergangen: Verkündigt mein Evangelium! Tauft auf meinen Namen! Lehret die Menschen alles, was ihr von mir gelernt habt! Mit andern Worten: Baut meine Gemeinde! Und fangt damit in Jerusalem an.

Unser Wochenspruch ist also nicht irgendein Wort, in dem „Geist“ vorkommt, sondern er trifft sozusagen ins Schwarze: Damals wie heute können wir Kirche nicht bauen „durch Heer oder Kraft“, nicht mit unseren materiellen und intellektuellen Möglichkeiten. Sondern die Gemeinde Jesu Christi wird das, was sie sein soll, allein aus Gottes Leben schaffendem Geist. Wir können die Rahmenbedingungen schaffen, Gebäude errichten, kirchliche Strukturen schaffen, Menschen besolden, die darin ein Amt ausüben sollen. Das alles aber macht die Gemeinde nicht lebendig. Es ist der Geist Gottes, der in unseren Herzen Glauben weckt, den wir dann überzeugend leben und weitersagen können, in Wort und Tat. Es ist der Geist Gottes, der Menschen in seinen Dienst ruft. Es ist der Geist Gottes, der in unseren Gottesdiensten dies Besondere schafft, das uns verändert, tröstet, „erquickt“, wie es so unübertrefflich schön heißt im Heilandsruf „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken!“
Nicht die schönen Gewänder und der Altarschmuck, nicht die mitreißenden Worte eines Predigers sind es, die trösten und erquicken. Aber mit der Schönheit eines Gottesdienstraumes, mit dem Bemühen um gute Worte bereiten wir „dem Herrn den Weg“, räumen – hoffentlich! – Hindernisse aus dem Weg, so dass Gottes Geist sich in die Herzen der Gemeinde einsenke.

Das nimmt uns in die Pflicht – und entlastet uns zugleich: Der Geist weht am Ende, wo er will, und baut Gemeinde, wie es ihm gefällt. Um die Erinnerung an diesen Geist geht es an Pfingsten. Ihn wollen wir uns schenken lassen – nicht nur an Pfingsten, sondern jeden Tag neu.
Amen.

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