Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 7. Juli 2012

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. (Eph. 2, 8)

Lukas 5, 1 – 11


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

wir haben die Geschichte vom Fischzug gehört und von Petrus und den drei anderen, die Jesus zu Menschenfischern macht. Sie ist uns allen sehr vertraut, so vertraut, dass wir uns kaum noch wundern.

Aber:
Stellen Sie sich einmal vor, Jesus hätte einfach nur gepredigt, vom Boot aus, alle hätten ergriffen gelauscht, wären befriedigt von dannen gezogen – und das wär’s dann gewesen!
Es bleibt aber nicht beim Wort! Jesus bittet die Fischer darum, noch einmal auszufahren, am hellichten Tage, wo sich eigentlich kein Fisch in der Reichweite der Netze aufhält.
Und nun stellen Sie sich weiter vor, Petrus wäre als Profifischer mit überlegenem Lächeln der Bitte Jesu nicht gefolgt, weil das eigentlich ja eine unsinnige Bitte war!
Und stellen Sie sich schließlich vor, die Geschichte wäre mit dem Schrecken der Jünger zu Ende gewesen; Jesus und die anderen wären nach diesem für Fischer doch sehr spektakulären Wunder mit klopfendem Herzen einfach wieder nach Haus gegangen!

Nun, es ist müßig, sich das alles vorzustellen. Es war nun mal anders gelaufen:
Jesus hat gebeten; Petrus und die anderen sind unbegreiflicherweise der Bitte gefolgt – und erlebten etwas, was sie buchstäblich umwarf: Petrus fiel Jesus zu Füßen, weil er zitternd begriff, wer da vor ihm stand: Nicht irgendein eindrucksvoller Prediger, ein besonders begabter Mensch, sondern irgendwie Gott selber, der die Macht hatte, über das Meer und die Fische zu gebieten. Jesus, dem man dann den Titel „Gottessohn“ beilegte, eben weil Er offensichtlich in göttlicher Machtfülle handelte und sprach.

Petrus, sein Bruder und die beiden Zebedäussöhne konnten gar nicht anders, als die Netze liegen zu lassen und Jesus auf sein Wort hin zu folgen, auf einem Weg, einem geistlichen Weg, der ihr ganzes Leben in Anspruch nehmen würde und von dem sie nicht wussten, wo er sie hinführen würde. Nur eins wussten sie mit einer ganz großen Gewissheit: Sie konnten nicht anders, sie mussten bei Jesus bleiben!

Diese Geschichte, dieses Geschehen ist eine wunderbare Veranschaulichung unseres Wochenspruches: Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

Der einzige aktiv Handelnde ist Jesus. Er bringt die Jünger dazu, Ihn zu erkennen als den, der Er ist. Er richtet sie auf aus ihrem Schrecken: Fürchtet euch nicht! Er ruft sie zu sich, ja, er fordert sie auf, bei ihm zu bleiben, sein Leben zu teilen, ihm nachzufolgen. Ohne Seine Initiative wäre gar nichts geschehen.
„Gottes Gabe ist es“, die das Leben der vier Jünger vollständig verändert! Gottes Gabe, Seine Gnade ist es, die die Jünger zum Glauben führt. Und „glauben“ ist mehr, als nur für richtig halten. Glauben führt hier die Jünger in das Erkennen – und „erkennen“ ist in der Bibel ein inhaltsschweres Wort, das immer auch etwas mit lieben zu tun hat. Und Liebe führt in die Sehnsucht – in die Sehnsucht nach Bleiben in Seiner Nähe.
Jesu Ruf in die Nachfolge ist dann der letzte Anstoß für die vier Männer, Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes, alles stehen und liegen zu lassen und ein Leben an der Seite Jesu zu wagen, selig zu werden! Denn das ist wohl „Seligkeit“, an Seiner Seite zu sein, in diesem und in jenem Leben!

Nachfolge muss nicht immer genau so wie damals am See Genezareth aussehen.
Gnade kann in unserem persönlichen Leben auch ganz anders geschehen.
Es muss nicht einmal ein punktuelles, womöglich datierbares Geschehen sein.
Sondern es kann vielleicht auch eine längere Entwicklung sein, in der ich frei werde von Familienzwängen oder unguten Verhaltensweisen oder von Bindungen, die mich daran hindern, mich selbst und Gott zu finden.
Aber ich denke, es gibt Geschehensmuster, die im Sinne unseres Wochenspruches auch in unserem ganz persönlichen Christenleben erkennbar sind:
– Dass wir uns z.B. unser Glaubensleben, unsere geistliche Biographie nicht selber ausdenken oder uns vornehmen können. Sondern dass da etwas mit uns geschieht, dass uns etwas „einfällt“ zu tun – woher kommt uns denn der „Einfall“, der entscheidende Gedanke, der eventuell alles verändernde Impuls, der unserem Leben eine unvorhergesehene Richtung gibt?
– Oder dass in unserem Herzen eine Sehnsucht zu glühen beginnt, oft erst unbestimmt. Wir möchten sinnvoll leben, wir möchten unserem Glauben eine Form geben, in unserer Arbeit eine Erfüllung finden, die über die Routine und das Verdienen des Lebensunterhalts hinausgeht. Wie kommt denn solche Sehnsucht in unser Herz?
Und dann kam eines Tages der entscheidende Anstoß von irgendwoher – eine Einladung, ein Anruf, ein Brief... Ich glaube, jede(r) von uns könnte da aus seinem oder ihrem Leben erzählen... Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es!

Liebe Schwestern und Brüder, zwei Aspekte erscheinen mir wichtig, einmal der individuelle, der persönliche Lebens– und Glaubensweg. Dann aber auch der – ja, darf ich das so sagen: der gesamtkirchliche. Schauen wir noch einmal auf die vier Fischer, Petrus und Co, zurück: Als Jesus sie zu sich rief, ging es ja keineswegs nur und in erster Linie um den persönlichen geistlichen Weg der vier Männer. Der Ruf in die Nachfolge bedeutete vor allem den Ruf in die Teilhabe an der Aufgabe Jesu in dieser Welt! Die Jünger haben dann ja auch gepredigt, Kranke geheilt – wenn sie das auch bisweilen nicht so gut konnten wie ihr Herr und Meister... Und nach Ostern waren es genau die Jünger, die dann auch „Apostel“ genannt werden, die die Auferstehungsbotschaft in die Welt trugen und damit die Kirche begründeten, in Gang setzten.
Wo Jesus Menschen beruft, ihm glaubend nachzufolgen, da ist damit die Aufgabe verbunden, das Heil Gottes in dieser Welt aufleuchten zu lassen – an der Stelle, an die Gott uns ruft (und das kann ganz bescheiden aussehen!), und mit den Kräften und Gaben, die Gott uns geschenkt hat (und auch die können ganz bescheiden sein).

Nicht die Größe und Wichtigkeit einer Aufgabe macht mich „selig“, nicht das hohe kirchliche Amt. Sondern dass Gott mich anschaut, mich an eine Stelle beruft, wo ich dem Evangelium dienen kann, wo Er meine Sehnsucht weckt, meinen Glauben entfacht, so dass ich mich vertrauensvoll mit Ihm auf den Weg mache, wo und wie auch immer – das ist Seligkeit!
Amen.

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