Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 9. Juni 2012

Pfarrer Theo Freyer, Karlsruhe


Wochenspruch: Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Luk. 10, 16)

Lukas 16, 19 – 31


Vom Reichen Mann und armen Lazarus

Es wäre nicht verwunderlich und irgendwie auch verständlich, wenn manche unter uns beim Hören dieses bekannten Textes gedacht hätten, dass dieses Gleichnis zwar für viele Zeitgenossen aktuell sei, aber nicht für uns. Wir hören Gottes Wort und verachten es nicht. Wir lesen die Tageslosung und vielleicht auch eine der fortlaufenden Schriftlesungen. Wir beginnen und beschließen unsere Tage mit Gebet und gehen zum Gottesdienst.
Wir geben Spenden für Brot für die Welt, für die Christoffel-Blindenmission, für die Kindernothilfe, für die Diakonie oder sonstige karitative Einrichtungen. Manche packen vor Weihnachten den jährlichen Schuhkarton, und viele denken an die Deutsche Krebshilfe.
Mit anderen Worten: wir leben nicht wie religiös desinteressierte Egoisten in den Tag hinein, und wir wissen um den Lazarus vor unserer Tür. Aber im Blick auf unsere Zeitgenossen ist es freilich gut, dass Jesus dieses Gleichnis erzählt hat, und dass es heute noch in der Bibel steht.

Ist das wirklich so einfach? Texte, mit denen man meint fertig zu sein, haben’s häufig in sich. Da ist allemal Vorsicht geboten. Ich denke auch hier.

Lazarus lebt heute mit seinen Schwestern, Brüdern und hungrigen Kindern nicht nur in Afrika, Indien und Lateinamerika. Er schleppt sich nicht nur auf den Flüchtlingsstraßen der Welt dahin, und er vegetiert nicht nur bar jeder Hoffnung in den Slums und Favellas nahe bei den Quartieren der Reichen.

Lazarus leidet auch hier in unserer Nähe, – oft näher als wir es wahrnehmen oder wahrhaben wollen. Vielleicht ist er unsere kranke Nachbarin oder unser kranker Nachbar und bräuchte mehr als unsere flüchtige Frage „Wie geht’s?“ Vielleicht bräuchte er jemanden, der nicht nur im Vorübereilen fragt, sondern sich Zeit nimmt, der zuhört und tröstet und, wenn möglich, lindert.

Vielleicht bräuchte Lazarus jemanden, mit dem er vertrauensvoll über Familienprobleme reden könnte, jemanden der einfühlsam berät, auch kritisch Stellung bezieht und Wege aufzeigt.

Vielleicht bräuchte Lazarus Hilfe, weil er sich am Arbeitsplatz ausgebeutet fühlt, oder weil er mit seiner persönlichen Lebenssituation überfordert ist.

Vielleicht hat Lazarus Angst vor den Beschwerden des Alters, Angst vor dem Tod, und er bräuchte jemanden, der ihm sagt: Ich verstehe dich. Ich kenne deine innere Not aus eigener Erfahrung. Und ich will dir gerne sagen, wie ich versuche, damit fertig zu werden. Ich klammere mich immer wieder neu an die Botschaft von der Liebe Gottes. Ich brauche es, dass mir immer wieder – sei’s durch die Tageslosung, beim Abendmahl oder wie auch immer – persönlich zugesprochen wird: Gott liebt dich wie du bist. Er sagt es auch zu dir: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ – und – glaube mir – diese Liebe endet auch nicht im Tod.

Vielleicht verhält es sich so oder ähnlich mit dem Lazarus vor unserer Tür, und dann stehen wir vor der Frage, ob wir so aufmerksam leben, dass wir Lazarus in seiner jeweiligen Bedürftigkeit wirklich wahrnehmen, und ob wir mehr als Brosamen für ihn übrig haben? – Stellen wir uns darum mit Mut zur Wahrheit der Frage, ob wir mit diesem Gleichnistext wirklich fertig sind? Und machen wir uns auf den Weg nicht nur zu dem fernen, sondern zu allererst zu dem nahen Lazarus von nebenan.

Und nun zu dem reichen Mann. Der wird von Jesus nicht wegen seines Reichtums gescholten. Den mag er durch fleißiges Arbeiten rechtmäßig erworben haben. Dass er von seinem Besitz nun auch etwas haben wollte, darf man ihm kaum zum Vorwurf machen, – auch wenn er sich manchen Luxus leistete.

Was aber gar nicht in Ordnung war, dass Lazarus nur am Rande in seinem Leben vorkam. Für den, so mag er gedacht haben, waren andere zuständig, Angehörige und karitative Einrichtungen. Um Weihnachten herum, wenn die Wohltätigkeit allgemein Hochkonjunktur hatte, wollte auch er sich nicht verweigern, und seine Spenden waren vielleicht ganz respektabel. Aber das sollte dann auch genügen, bis übers Jahr die Opfertüten und Bittbriefe erneut ins Haus kamen.

So vergingen die Jahre wie im Flug. Doch irgendwann spürte der Reiche, dass sein Leben sich dem Ende zuneigte. Er blickte zurück und er erkannte immer deutlicher, dass in seinem Leben etwas nicht in Ordnung war. Es fehlte etwas. Da war eine Leere. Berufliche Erfolge, Reichtum, Konsum, Luxus – das war ja alles schön und gut. Doch sollte das alles gewesen sein? Diese Frage quälte ihn. Und wenn er sich auch dagegen wehrte, immer öfter musste er an Lazarus denken. Hatte er ihn nicht schmählich im Stich gelassen?

Dunkel erinnerte er sich an seine jungen Jahre. Da hatte er mehr widerwillig die Zehn Gebote gelernt so wie man eben diesen und jenen Text auswendig lernt. „Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, und deinen Nächsten wie dich selbst.“
So hatte er es gelernt, aber das Herz war nicht dabei, und darum war das Gelernte auch bald wieder vergessen. Nun am Ende musste er einsehen, dass er Entscheidendes nicht zu Herzen, also nicht ernst genommen hatte, und am meisten quälte ihn, dass er das Versäumte nicht mehr nachholen konnte, dass die Schwerpunkte seines Lebens falsch gesetzt waren. Diese zu späte Einsicht bereitete ihm Höllenqualen.

Das Gleichnis Jesu fragt auch uns nach den Schwerpunkten unseres Lebens. Darum kann dieser Text nie ein Wort sein, mit dem wir fertig sind. Und haben wir es nicht schon mehr als einmal erlebt, dass Texte wie dieser für uns zum Hahnenschrei wurden, der uns aufschrecken ließ, weil wir spürten, wie Jesus uns sagte: Ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht. Ich bin hungrig gewesen, und du hast mich nicht gesättigt. Ich war verzweifelt, – war in Ängsten, – war allein, aber du merktest es nicht? Wir brauchen solche Texte, die uns Augen, Ohren und Hände öffnen, – Texte, die dahin führen, dass unser Herz hier und heute mit Leidenschaft für Lazarus schlägt.

Eigentlich ist an dem Reichen doch noch ein positiver Zug festzustellen. Er dachte an seine Brüder, deren Leben wie das seine in falscher Richtung verlief. Ob sie noch zu warnen, zu retten waren? Nicht durch irgendeine Erscheinung. Auf Mose und die Propheten sollten sie hören. Doch wie hätte das geschehen können?

Nicht nur die Brüder und Schwestern von Lazarus leben unter uns, sondern auch die des Reichen Mannes. Sie sind, wie schon gesagt, unsere Zeitgenossen. Sie gehören noch zur Kirche, zahlen Kirchensteuer, machen von ihrem Christsein aber fast keinen Gebrauch. Mose und die Propheten und das Evangelium von Jesus Christus interessieren sie wenig oder gar nicht. Das Motto für ihr Verhalten ist das heute übliche: ‚Jeder ist sich selbst der Nächste.’ Für Lazarus sollen ein paar Brosamen genügen. Um ihn sollen sich Staat und Kirche kümmern. Doch wer kümmert sich um diese unkirchlichen, ichbezogenen Zeitgenossen? Wer ist heute für die Brüder und Schwestern des Reichen Mannes verantwortlich?

Bei ihnen handelt es sich ja nicht nur um fremde Leute, mit denen wir nicht in Berührung kommen. Das sind doch oft genug Familienangehörige, Verwandte, Freunde, gute Bekannte, Nachbarn, Mitarbeiter, Vereinskameraden – Mitmenschen, mit denen wir fast über alles reden. Nur Gott, Jesus Christus, die Bibel und unser persönlicher Glaube sind tabu. Da fehlt oft der Mut zum Bekenntnis, und uns ist nicht abzuspüren, dass wir glücklich sind, Gottes Kinder sein zu dürfen, – dass wir uns in seiner Liebe geborgen wissen, – dass wir als ehrliche Christen leben wollen. Wer sollte da auf unseren Glauben neugierig werden, wenn wir das verschweigen, wenn uns keine Begeisterung abzuspüren ist?

Dass uns dieses Gleichnis an unsere Verantwortung für Lazarus mahnt, ist uns allen bewusst. Dass wir für die Brüder und Schwestern des Reichen Mannes auch mitverantwortlich sind, gerät leicht in Vergessenheit. Doch als getaufte Glieder der christlichen Gemeinde haben wir Anteil an dem Missionsauftrag Jesu Christi. Und darum hängt viel davon ab, was unsere Kinder und Enkel von unserem Glauben erfahren. Es hängt viel davon ab, wie mutig und überzeugend wir in unseren Gesprächen mit den Mitmenschen zu unserem Glauben stehen, und es hängt viel davon ab, ob unsere Mitmenschen den Eindruck gewinnen, dass unsere Worte und Taten übereinstimmen. Wenn sie das erkennen würden, dann könnte es geschehen, dass sie sich – zunächst vielleicht zögernd, dann aber immer mehr für die Gute Nachricht von Jesus Christus interessieren und das Evangelium von der Liebe Gottes als tragendes Fundament ihres Lebens entdecken.

Bei dem Bemühen, Botschafter der Liebe Gottes zu sein, machen wir oft die Erfahrung, dass wir nichts erzwingen können, dass wir bei diesem und jenem vor verschlossenen Türen stehen, auch wenn wir uns bemühen, mit Menschen– und mit Engelzungen zu reden. Und doch sind wir darum – auch wenn wir uns ohnmächtig fühlen – nicht machtlos. Das Beste und Wichtigste, das wir für einen Mitmenschen tun können, ist die Fürbitte, und wenn Gott Gnade gibt, wird aus einem Menschen, der sich dem Glauben verschlossen hatte, einer, der eines Tages zur Gemeinde Jesu Christi gehören will.

Lazarus und seine Leidensgenossen, der Reiche Mann und seine Schwestern und Brüder sind unsere Zeitgenossen, die uns brauchen. Da tut sich ein weites Feld vor uns auf. Wenn wir dort an die Arbeit gehen, die uns aufgetragen ist, trägt unser Leben reiche Früchte, weil Gottes Segen auf uns ruht.
Amen.

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