Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 175. Jahresfest am 6. Oktober 2012

Landesbischof Dr. Ulrich Fischer, Karlsruhe

Psalm 100, 2 und 1. Petrus 4, 10


Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern, liebe Festgemeinde,

„dienet dem Herrn mit Freuden“ - seit nunmehr 175 Jahren begleitet dieses Wort aus dem 100. Psalm die Geschichte der hiesigen Schwesternschaft sozusagen als cantus firmus. Zum Eingang des Gottesdienstes haben wir diesen Psalm miteinander gebetet und eben seine Vertonung aus dem Becker-Psalter gesungen. „Dienet dem Herrn mit Freuden“. Dieses Psalmwort, dieser cantus firmus eines Gott geweihten Lebens, hat der Schwesternschaft immer wieder in Erinnerung gerufen, dass sie eine Dienstgemeinschaft ist und sein soll.

Ob das Dienen in dieser Gemeinschaft wirklich dabei immer mit Freuden geschah, werden die Schwestern besser beurteilen können als wir mehr Außenstehenden. Aber in jedem Fall hat die Schwesternschaft als Dienstgemeinschaft 175 Jahre lang der Kirche und der Gesellschaft ein Beispiel des Dienens gegeben.
Sie hat dies vor allem getan im aufopferungsvollen Dienst an Kindern und Jugendlichen. In dieser Schwesternschaft, seit 1968 im hiesigen Haus Bethlehem, entwickelte sich das Dienen von der Arbeit in der Kleinkinderbewahranstalt über die Begleitung von Kindern in Kindergärten und Schülerhorten bis hin zur Ausbildung von Erzieherinnen in der Fachschule. Aber auch der Dienst an Kranken, Pflegebedürftigen und Alten hat den Dienst dieses Mutterhauses geprägt.

Mit ihrem aufopferungsvollen Dienst an Menschen hat die Schwesternschaft des Hauses Bethlehem nicht nur ein Leben im Dienst für ihren Herrn gelebt. Sie hat auch die Kirche und die Gesellschaft immer wieder daran gemahnt, dass ein Zusammenleben von Menschen ohne die Bereitschaft zum Dienen nicht gelingen kann. Dass das Dienen eben nicht nur geschieht, um einen Auftrag Gottes zu erfüllen, sondern dass ohne die Bereitschaft zum Dienen auch die soziale Temperatur einer Gesellschaft abkühlt und der Grundwasserspiegel der Menschlichkeit sinkt. So war der cantus firmus „Dienet dem Herrn mit Freuden“ eben nicht nur eine Aufforderung zu einem Leben im Glaubensgehorsam, sondern auch eine Grundmelodie des menschlichen Miteinanders, die unsere Kirche und unsere Gesellschaft wesentlich geprägt hat.

Die Diakonie im Dienst des Herrn war immer auch ein Stück Gesellschaftsdiakonie. Und manchmal mache ich mir schon Sorgen, was geschehen wird, wenn es in einigen Jahren dienende Schwesternschaften in unserem Land nicht mehr geben wird, dafür Individualisierung und an vielen Stellen auch Egoismus zunehmen. Wer wird dann dafür sorgen, dass in unserer Gesellschaft keine soziale Kälte einzieht, die vielen Menschen Entfaltungs- und Lebenschancen raubt?

Dringlicher denn je stellt sich die Frage: Was bringt es mir, was bringt es unserer Kirche, was bringt es der Gesellschaft zu dienen? Bei der Beantwortung dieser Frage möchte ich dem Wort aus Psalm 100 ein Wort aus dem 1. Petrusbrief kommentierend zur Seite stellen. Ein Wort, das uns aus zahlreichen Einführungen kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vertraut ist: „Dienet einander mit der Gabe, die Ihr empfangen habt als die guten Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes.“
Der Verfasser des 1. Petrusbriefes ging von der richtigen Annahme aus, dass jeder Mensch natürliche Begabungen hat, die er zur Gestaltung und Bewältigung des Lebens einsetzen kann. Alle Menschen haben von ihrer Geburt an Begabungen mit auf den Lebensweg bekommen, manche mehr, manche weniger. Aber alle sind sie Begabte. Als Christenmenschen, die wir an Gott, den Schöpfer des Lebens, glauben, sehen wir in diesen Begabungen Gaben, Geschenke des gnädigen Gottes, Spiegelbilder der Gnade, der charis Gottes, also Charismen. Alle Menschen sind Charismatiker, mit Gaben Gottes ausgestattete Menschen. Den Einsatz dieser Charismen zum Besten der Gemeinde Jesu Christi wie zum Besten aller Menschen nennt das Neue Testament „Dienen“. Und solches Dienen ist nicht etwa ein Selbstzweck. Sondern indem Menschen dienen, lassen sie andere teilhaben an Gottes vielfältiger, bunter Gnade. Und indem sie so ihre natürlichen Begabungen als Gaben Gottes, als Charismen einsetzen, erweisen sie sich als gute Haushalter Gottes, oder - wie der griechische Text es nahelegt zu sagen: als gute Ökonomen Gottes.

In der Antike hatte der Verwalter, der Ökonom, die Aufgabe, als Sklave seinen Herrn im Hause angemessen zur Geltung zu bringen. Als Ökonomen der Gnade Gottes haben wir die Aufgabe, durch unser Dienen Gott zur Geltung zu bringen, „damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus.“
Ich weiß, dass es heute nicht leicht ist, Menschen zu finden, die dies tun wollen. Wer will schon die eigenen Gaben zum Dienst zur Verfügung stellen? „Was bringt es mir, wenn ich diene?“, so fragen viele. Viel ist in unserem Land vom Geld die Rede. Und in der Tat ist ökonomischer Sachverstand gefragt, wenn wir die Wirtschafts- und Eurokrise meistern wollen. Viel zu wenig aber wird von dem großen Potential an guten Gaben geredet, von den bei den Menschen vorhandenen Charismen und von den Möglichkeiten, mit ihnen einander zu bereichern. Bei dem Erlernen der Ökonomie der Gnade Gottes sind wir weithin noch Analphabeten. Statt voneinander zu profitieren, igeln wir uns im Kreis der gleich Begabten ein. Welch eine Fülle des Lebens wäre möglich, wenn wir mit unseren Charismen unbefangener einander dienen würden! Wäre dies nicht unsere wichtigste Aufgabe in der Kirche, die Ökonomie der Gnade Gottes zu erlernen? Müssten wir nicht miteinander wetteifern in Ideen für ein bessere Teilhaben und Anteilgeben an den Gaben, die Gott den Menschen geschenkt hat? Und könnten wir nicht gerade in dieser Hinsicht lernen von den Schwesternschaften und ihrer Geschichte?

„Ja, es bringt etwas zu dienen.“ Diese Botschaft an unsere Gesellschaft senden jene Menschen, die mit ihren Charismen anderen Menschen und damit ihrem Herrn dienen; die sich mit ihrem Dienst befreien von der Fixierung auf die eigene Geltung, die mit ihrem Dienst an anderen von sich selbst weg weisen.
Es bringt etwas, wenn ich nicht gefangen bleibe in der Fixierung auf mich selbst, nicht gefangen bleibe im Kreisen um mich selbst.
Es bringt etwas, wenn ich dazu beitrage, der Durchsetzung des eigenen Vorteils durch mein Dienen Wirksames entgegenzusetzen.
Es bringt etwas, der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Besitzende und Habenichtse als Gemeinschaft der Dienenden entgegenzuwirken.
Es bringt etwas, der Welt zu bezeugen, dass wir uns nicht uns selbst, sondern der Gnade Gottes verdanken.
Es bringt etwas, in die Ökonomie der Welt die Ökonomie der Gnade Gottes einzutragen, um das Leben reicher und menschlicher zu gestalten.
Es bringt etwas!

Sind wir nicht in der Kirche etwas kleinmütig geworden, wenn wir von dem sprechen sollen, was das Dienen in der Kirche bringt? Haben wir die großen Verheißungen der Propheten vergessen? Haben wir die Bilder vergessen, die Jesus in seinen Gleichnissen malte, wenn er vom Reich Gottes sprach? Haben wir vergessen, dass alles kirchliche Handeln und Reden von der Ausrichtung auf dieses Reich Gottes her seine Kraft und Gewissheit empfängt? Haben wir vergessen, dass uns eine Gemeinschaft der Fülle verheißen ist, in der alle einander das reichen, was sie zum Leben brauchen? Und haben wir vergessen, dass von diesem Zielpunkt her das „Dienen“ in der Kirche immer in einem kritischen Gegenüber zur Welt ausgestaltet werden muss?
Die Ökonomie der Gnade Gottes ist ein Gegenbild zur Ökonomie der Welt. Und auch wenn es nicht immer gelingt, dieses Gegenbild zur Welt rein zu leben, so gibt Kirche sich selbst auf, wenn sie aufhört, sich an diesem Bild des verheißenen Reiches Gottes zu orientieren.

Ich möchte schließen mit einem Gleichnis vom Reich Gottes. Es ist kein biblisches Gleichnis, aber eines, das verdeutlicht, welch ein Segen auf einer Gemeinschaft liegen kann, deren Arbeit erfüllt ist vom cantus firmus „Dienet dem Herrn mit Freuden“. Es ist ein fabelhaftes Gleichnis, das erzählt von einem Bär, der nachdachte: Warum jammern die Tiere nur immer über das Leben? Dem einen sind die Tage zu kurz, der nächst klagt über das Wetter. Irgendwie kam es ihm vor, als hätten die meisten Tiere viel oder alles am Leben auszusetzen, ohne je glücklich einschlafen zu können.
Da ging der Bär zum Reh und sagte: „Hast du schon einmal bedacht, wie schön dein Fell ist?“
Zum Hasen meinte er: „Kaum jemand kann so herrlich laufen wie du.“
Als er das Schaf traf, sprach er mit ihm über die besondere Gabe der Geduld: „Weißt du, von dir geht so viel Ruhe aus. Das tut gut in unserer hektischen Zeit.“
Am Bach begegnete er der Forelle und rief ihr zu: „Es macht Spaß, dir zuzusehen; deine Bewegungen spiegeln so viel Leben!“
Als er am Lager des schwerkranken Eichhörnchens vorbeikam, blieb er stehen, sah hinein und flüsterte: „Ich wollte dir mal richtig danken, weil du immer so gut zuhören kannst und zu schweigen verstehst. Das ist eine Gabe, die man selten antrifft.“
Und zu den Ameisen, auf die er beinahe getreten wäre, sagte er: „Hört mal, ihr Kleinen, toll finde ich euch, weil ihr zusammenhaltet.“
Nach diesen kleinen Gesprächen machte er eine Pause, legte sich unter einen Baum und sah, wie die Wolken dahin trieben. „Schön!“ dacht er. Und er bemerkte, wie ein gelber Schmetterling vorübergaukelte. Dann schlief er ein und träumte von einer Tierwelt, wo jeder den anderen anerkannte in dem, was er selber so nicht hatte. Der Traum tat gut, und so erlebte er für sich eine kleine Zeit der Begeisterung und stellte sich vor, dass sich die Tiere eigentlich untereinander mehr auf die Begabungen ansprechen sollten, die sie haben und die anderen Menschen gut tun.
„Seht euch den Faulpelz an!“ Das war eine harte Stimme, die den Bären unsanft weckte. Der Eichelhäher schimpfte laut über den trägen Zeitgenossen. Da trollte sich der Bär traurig von dannen. „Ich habe doch so Wichtiges geträumt!“, brummte er.
Bärenhafte Träume vom Reich Gottes und bärenhaftes Handeln im Dienst an anderen wünsche ich Ihnen und uns allen.
Amen.

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