Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 1. Dezember 2012

Pfarrer Wolfgang Scharf, Karlsruhe


Wochenspruch: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sach. 9, 9)


Liebe Hausgemeinde!

Gabriele Führer, eine Pfarrerin aus Dresden, erinnert sich:

„Wer im Osten Deutschlands aufgewachsen ist, erinnert sich vielleicht, wie es früher war, wenn Staatsbesuch kam: Da wurden Schulkinder vom Unterricht und Werktätige von der Arbeit freigestellt, um – versehen mit Fähnchen u. a. ,,Wink–Elementen" – an der Straße dem mit riesigem Polizeiaufgebot gesicherten Auto zuzujubeln, in dem der hohe Gast sitzen sollte. Sehen konnte man ihn nicht.

Das war noch nicht alles: Damit man sich vor dem Gast nicht der schäbigen Häuser schämen musste, wurden sie angestrichen. Aus Mangel an Farbe nur bis zu der Höhe, die er vermutlich vom Wagen aus sehen konnte. Schlaglöcher wurden notdürftig geflickt, um mit der glatten Straße eine auch sonst ,,heile Welt" vorzugaukeln. Und wenn es mit dem Gast durch ländliche Gegenden ging, mussten die Kühe von der Weide. Denn man hatte Angst, dass sich jemand mit bösen Absichten hinter den großen Tieren verbergen und womöglich auf den Autokonvoi einen Anschlag verüben könnte.“

Wenn wir uns diese Bilder vorstellen, dann können wir heute nur den Kopf schütteln. Was wurde den Besuchern, aber auch den Menschen vorgegaukelt? Im Grunde wusste doch jeder, dass diese Bilder der Wirklichkeit nicht entsprachen.

Ich erinnere mich sehr gut an einen Besuch in Görlitz in den späten 80er Jahren. Wie schon bei früheren Besuchen wurde die Stadt mit ihren alten beeindruckenden Häuserfassaden als Kulisse für einen Film genutzt. An einer Straßenbahnhaltestelle, den umliegenden Häusern und Geschäften, der Litfaßsäule war alles auf die Zeit der 20er Jahre hergerichtet. Auch hier waren die Häuser frisch gestrichen; aber nur bis in die Höhe des ersten Stocks. Höher hinauf würden die Kameras die Bilder nicht einfangen. Interessiert betrachtete ich die Auslagen mit den Gütern der 20er Jahre. Noch heute habe ich die Stimme eines Mannes neben mir im Ohr, der leise, aber doch gut vernehmlich, raunte: „Wenn’s denn heute das noch gäbe!“

Doch müssen wir nicht in den Osten unseres Landes und in die Vergangenheit eintauchen, um festzustellen: auch an anderen Orten wird uns manches vorgemacht. Wie viele Hoffnungen und Erwartungen wurden auf Menschen schon gesetzt, dass alles mit ihnen besser würde. Wie viele herrliche Zeiten wurden schon versprochen. Was dann kam, war allerdings alles andere als herrlich.

Heute, am Vorabend es ersten Sonntags im Advent, bereiten wir uns wieder auf einen Empfang vor. Auch wir haben die Kirchen und sicher auch unsere Wohnungen schon herausgeputzt, Adventskränze aufgestellt, vielleicht auch schon Lichterketten aufgehängt, um uns auf diese Zeit des Advent einzustimmen. Anders aber wie bei den eingangs geschilderten Beispielen müssen wir bei diesem König, der da kommt, unsere Fassaden nicht übertünchen, damit er nicht sieht, wie es dahinter aussieht – bei uns. Denn dieser König weiß schon längst, wie es bei uns, wie es dahinter aussieht. Und gerade deshalb, weil er dies weiß, kommt dieser König in die Welt.

Bei Sacharja ist es der König, der kommt, um die Sehnsucht auf Zukunft, die Sehnsucht nach Frieden für die Menschen seiner Zeit offen und wach zu halten. In die Unruhe und den Unfrieden der Zeit, spricht der Prophet davon, dass ein Friedenskönig kommen wird.

Wir glauben und bekennen, dass dieser Friedenskönig in Jesus Christus gekommen ist – in seine Zeit, aber auch zu uns, immer wieder. Und immer wieder neu will uns die Adventszeit daran erinnern, will die Hoffnung auf diesen König, auf Jesus Christus lebendig halten.

Jesus Christus, der als umjubelter König einzieht, ist ein anderer König und Herrscher als es Herrscher und Könige aller Zeiten sind. Er kommt als ein Gerechter, als einer der die Treue mit Gott hält und der Gemeinschaft haben will mit den Menschen. Und wenn in diesem Reiter auf dem Esel Gott selbst kommt, dann bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott Sehnsucht nach uns Menschen hat. Gottes Sohn kommt, wegen der Nöte, die uns betroffen haben. Nöte, die Gott nicht kalt lassen, sondern zu Herzen gehen. Wo wir nichts mehr zu hoffen haben, bringt er Hoffnung. Wo wir uns im Kreislauf der Jahre bewegen, gibt er uns ein Ziel: die künftige Gemeinschaft mit Gott. Wo wir erkennen, dass der Frieden in unserer großen und kleinen Welt immer ein gefährdeter Friede ist, kommt mit Jesus der Friede Gottes auf die Erde.

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ so lautet der Wochenspruch für die 1. Adventswoche. Jesus kommt als König, aber nicht als ein König, vor dem wir erschrecken müssten. Dieser König beugt nicht die Menschen, wie Herrscher dieser Welt Menschen niederdrücken. Dieser König beugt sich selbst tief hinab. Er wird zum Helfer, ja mehr noch. Dieses Wort ‚Helfer’ bedeutet an dieser Stelle eigentlich: dieser König kommt als Hilfloser.

Wenn er als Hilfloser kommt, dann erschließt sich uns seine Hilfe in einer noch ganz anderen und einer vertieften Weise. Zeichnet sich doch hier schon ab, dass er, dem Gott alle Gewalt im Himmel und auf Erden anvertraut hat, sich dieser Macht entäußert. Jesus wird Mensch, zu Weihnachten ein kleines Kind, hilflos, verwundbar, sich ausliefernd. Jesus wird hilflos, am Kreuz – und überwindet gerade dort die Mächte dieser Welt.

Dieser König also sagt sich an. Dieser König ist auf dem Weg zu uns. Daher haben wir allen Grund uns zu freuen. Kein verordneter Jubel, wie eingangs beschrieben. Wohl aber eine tiefe Freude auf die Begegnung mit Gott. Eine Freude, die sich nicht rasch erschöpft. Eine Freude, die fest in unserem Herzen verwurzelt ist. Eine Freude, die ausstrahlt und Kreise zieht.

Was der Prophet den Menschen seiner Zeit zurief, mag auch für uns gelten:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin (Sacharja 9,9)

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine frohe und gesegnete, eine von der Freude über Gottes Kommen erfüllte Zeit des Advent. Gott schenke es Ihnen.
Amen.

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