Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 15. Dezember 2012

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Bereitet dem HERRN den Weg, denn siehe, der HERR kommt gewaltig. (Jes. 40, 3+10)

Jesaja 40, 1 – 11


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

nein, adventliche Stimmung, so wie bei uns immer um diese Zeit, die herrschte in Babylon nicht, damals im 6. Jahrhundert vor Christus. Im Gegenteil! Da lebte die jüdische Gemeinde im Exil, weit weg von Jerusalem, und, wie sie zu Zeiten verzweifelt glaubte, auch weit weg von ihrem Gott JHWH, dem „HERRN“, wie Luther übersetzt. Gottverlassen fühlten sie sich, und erwarten taten sie eigentlich gar nichts. Was sollten sie auch erwarten? Advent, advenire, ankommen – wer sollte schon ankommen?
Sie hatten angefangen zu begreifen, dass die Zerstörung Jerusalems, die Zerstörung ihres Tempels, des Mittelpunktes ihrer Religion, des Ortes, an dem der HERR, an dem JHWH wohnte, und dass das Exil in Babylon zusammenhing mit ihrer Untreue Gott gegenüber, mit ihrem nachlässigen Glauben an ihren Gott, mit ihrem Schielen nach den Gottheiten anderer Kulturen und Staaten.
Wo war ihr Gott? Hatte Er sich – verständlicherweise – von ihnen getrennt?

Und da taucht nun ein Prophet auf und ruft im Namen ihres Gottes JHWH: „Tröstet, tröstet mein Volk! Redet mit Jerusalem (gemeint ist die jüdische Gemeinde im Exil) freundlich! Prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist!“

Aber wo die Verzweiflung tief ist, wo man sich seit (drei) Jahrzehnten eingerichtet hatte in Resignation, Selbstanklage, vielleicht auch Selbstmitleid, da haben es Trostworte schwer. Wo der Acker des Lebens ausgetrocknet, zur Wüste geworden ist, da haben gute Worte es schwer, Wurzeln zu schlagen, gar zu erblühen. Wo das Herz in Resignation und Trauer gefangen ist, da mag oder kann es sich nur schwer Worten der Verheißung öffnen. Da kann es nicht glauben, dass je wieder ein Licht den Weg erhellen wird, dass dies Gefangensein je enden wird.

Das ganze Buch des sog. Deuterojesaja (Jes 40 bis 55) ist ein einziger Versuch, in einer starken, wunderbaren Sprache der Liebe und der Zuwendung die Herzen der Verzweifelten zu öffnen, die Wüste der Resignation wieder zum Blühen zu bringen, Trauer in Hoffnung zu wandeln, Klagelieder in Loblieder umzustimmen.
Unser Wochenspruch zum 3. Advent beginnt eigentlich mitten im Satz. Er müsste heißen – denn so steht es im Text: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg!“ Nicht irgendwo, wo es ohnehin Straßen gibt, Prachtstraßen wie in der Metropole Babylon, sondern in der Wüste! Genau dort, wo eigentlich kein Leben ist, an einem Ort, der lebensfeindlich ist, genau dort soll dem HERRN der Weg bereitet werden. Genau dort will Gott seinem Volk wieder begegnen!

Man mag meinen, dass eine solche Vorstellung so unverständlich und so unrealistisch ist, dass die Menschen damals womöglich gleich wieder weggehört haben, vielleicht sogar erbittert, weil da einer ihre Trauer und Verzweiflung nicht wirklich ernst nimmt.
Aber für die jüdische Gemeinde klangen gerade diese Worte von der Wüste vertraut. Sie ließen sie aufhorchen! Denn das war ja das uralte Bild aus der Zeit ihrer eigenen Entstehung als Gemeinde, als Volk Gottes: In der Wüste war ihnen Gott ja am Anfang begegnet – in der Wüste Sinai, durch die Mose sie in das gelobte Land geführt hatte, in der Gott sie in der lebensfeindlichen Umwelt am Leben erhalten hatte, in der Gott ihnen durch die Hand des Mose Lebens– und Gemeinschaftsregeln gegeben hatte, die ihr Miteinander und ihr Sein vor Gott ermöglichten.

Die Wüste war für sie zum tief eingeprägten Bild für die Nähe Gottes geworden! Und nun diese Worte: „In der Wüste bereitet dem HERRN, JHWH, eurem Gott, den Weg!“ Was uns irritieren mag, das ließ damals die Herzen der Menschen erzittern, aufhorchen, erste Hoffnungsfünkchen aufleuchten. Sollte Gott doch wieder zu ihnen kommen? Noch einmal einen Anfang mit ihnen wagen – wie damals zur Anfangszeit mit Mose?

Und ich hole die Worte mal in unser Leben: Sollte Gott uns nahe sein wollen – gerade in einer Wüstenzeit, wie wir sie ja auch bisweilen erleben? Sollte Er uns begegnen wollen gerade in unserer Trauer, in unserer Resignation, in unserem Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins? Sollte Gott nun eben nicht in der gemütlichen Geborgenheit einer weihnachtlich gestimmten Familie den Weg zu uns finden wollen, sondern gerade in der Wüste unserer Einsamkeit, in dem Kummer unseres Unverstandenseins?
Wir sollten jedenfalls genau damit rechnen – und Ihm den Weg bereiten! Sein Kommen für möglich halten, Ihm unser Herz erwartungsvoll öffnen, unser Haupt erheben, wie es am vorigen Sonntag hieß, weil sich unsere Erlösung naht!

Damals vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren ging es geschichtlich tatsächlich um die Rückkehr der Exilierten in ihre Heimat nach Jerusalem. Die stellt der Prophet hier in Aussicht. Und der Weg von Babylon nach Jerusalem ist tatsächlich geographisch ein Weg durch die Wüste, an dessen Ende wieder der Einzug in das gelobte Land steht.
Historisch–Geographisches und Symbolisch–Überzeitliches greifen ineinander!

Am Ende unseres Lesungsabschnitts ändert sich die Perspektive: Jerusalem wird zur „Freudenbotin“, die auf einen hohen Berg steigt, Ausschau hält und den HERRN kommen sieht: „Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig“ – und führt Sein Volk mit sich.

Als die ersten Christen, Paulus und andere, in der „Schrift“ forschten, um das Christusgeschehen zu deuten, da lasen sie – und wir mit ihnen bis heute! – die Worte des Jesaja mit neuen Augen. Sie hörten über die geschichtliche Situation hinaus eine geistliche Tiefendimension, in die wir mit hineingehören. Gott, JHWH, der HERR, ist tatsächlich gekommen, um Sein Volk aus der Gefangenschaft in das neue Jerusalem zu führen: In Christus kommt Er gewaltig, um uns an Seiner Hand aus unseren Gebundenheiten in die Freiheit zu führen, aus unseren Traurigkeiten in die Freude an Ihm, aus unserer Angst vor Tod und Sinnlosigkeit in den Trost Seiner Nähe in unseren Wüsten.

Es ist in der Tat der Sinn der jährlichen Adventszeit – aber auch aller anderen Zeiten! – unsere Herzen zu bereiten, der Hoffnung den Raum zu öffnen, den Trost anzunehmen.
Wenn uns dazu brennende Kerzen, tröstliche Adventslieder, die ja voll sind von Anklängen gerade an Jesaja–Texte, helfen, dann wollen wir getrost solche Hilfen in Anspruch nehmen – nicht wegen der „Stimmung“, sondern als Schlüssel zu unseren Herzen!
Amen.

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