Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 27. April 2013

Pfarrer Theo Freyer, Karlsruhe


Wochenspruch: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Psalm 98, 1)

Kolosser 3, 12 – 17


Innerhalb des Kirchenjahres durchleben wir in diesen Wochen den Osterfestkreis. Seine Sonntage mit ihren Namen und den ihnen zugeordneten Bibeltexten wollen uns sagen: „Eine freudige Nachricht breitet sich aus!“, – die Nachricht vom Sieg des Lebens über den Tod; denn „der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Das ist Grund zum Singen und Jubeln. Darum trägt der morgige Sonntage zu recht den Namen „Cantate“, Singet!

Auch schon in der Zeit des Alten Bundes ist Gottes Volk ein singendes Volk gewesen. Im Vertrauen auf Gottes Liebe und Treue hat Israel in den Psalmen alles Erleben vor Gott gebracht, Lob und Dank, Bitte und Fürbitte, Klage, Anklage und selbst der Schrei aus der Tiefe haben Eingang in seine Lieder gefunden. In den guten und in den schweren Zeiten sollten die Glaubenslieder nicht verstummen. Daran erinnerte neben anderen immer von neuem auch der 103. Psalm: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Aus gutem Grund hat die Christenheit diesen Liedschatz dankbar aufgenommen, denn auch wir finden alle unsere Lebenssituationen in den Psalmen vor und können mit diesen uralten Worten unser heutiges Ergehen Gott sagen, – es sei Freude oder Leid. Und wenn es uns zu Zeiten die Kehle zuschnürt, dann können uns die Psalmen helfen, nicht ganz zu verstummen.

Die Aufforderung des 98. Psalms: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ hat dann durch Ostern für die Christenheit noch eine erweiterte Bedeutung bekommen. Fortan ging es um den Auftrag, das Evangelium von Jesus Christus, die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod in die Welt hinaus zu singen, nach Ost und West, nach Nord und Süd, in allen Sprachen und in den Melodien aller Völker und Zeiten.

Der jüdische Tenor Joseph Schmidt, der 1942 im schweizerischen Exil gestorben ist, hat in seinen Tagen gesungen: „Ein Lied geht um die Welt, ein Lied, das euch gefällt… Von Liebe singt das Lied, von Treue singt das Lied, und es wird nie verklingen, man wird es ewig singen.“ Freilich ging es in diesem Lied um die Liebe von Mann und Frau; aber ich könnte mir denken, ja ich bin mir ziemlich sicher, dass dem Juden Joseph Schmidt auch einmal der Gedanke gekommen ist, dass sein Lied noch einen viel tieferen Sinn haben könnte als Lied von der Liebe und Treue Gottes zu uns Menschen, und dass es mit dieser Botschaft wirklich um die ganze Welt gehen und nie verstummen soll.

Ein Lied geht um die Welt. Im Munde Jesu lautete es: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Oder aus der Feder des Apostels Paulus in seinem Hohelied des Glaubens (Rö.8): „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?... Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“

Und dann war dieses Lied bald da, bald dort zu hören. In den Katakomben haben die ersten Christen das Lied von der Liebe und Treue Gottes gesungen, und selbst die Märtyrer in den Arenen der römischen Kaiser stimmten es an. „Der Tod ist verschlungen in den Sieg.“ Und es erklang weiter von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Kontinent zu Kontinent, in Klöstern, in Domen und Dorfkirchen, als Choräle und Kantaten mit Texten ungezählter Liederdichter wie Luther, Paul Gerhardt und Matthias Claudius, wie Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer, – bis hin zu den Hoffnungsschreien Schwarzer Sklaven, wenn sie sangen: „Nobody know’s the trouble I 've seen, nobody know’s but Jesus“.

Heute gehören wir zu dem weltweiten Chor, der das Lied von der Liebe und Treue Gottes, von der Erlösung durch Jesus Christus singt, – bald in Dur und bald in Moll, weil uns in unseren Tagen je nach Lebenssituation ganz unterschiedlich zumute ist.

Da gibt es Zeiten, in denen es uns leicht fällt, Gott zu danken für einen mutigen Glauben, für Gnade und Vergebung, für Bewahrung in mancherlei Gefahr, für Genesung nach Tagen der Krankheit und für das tägliche Brot in des Wortes weitester Bedeutung. Und vielleicht ist es gut, wenn uns der jährlich wiederkehrende Sonntag Cantate nach unserer Dankbarkeit, nach unseren Lob– und Dankliedern fragt, weil wir die, wenn wir gut drauf sind, so leicht vergessen.

Und dann sind da die anderen Zeiten, in denen es uns nicht ums Singen ist und wir beim Gesang der Gemeinde – wenn überhaupt – nur zögerlich mitsummen. Dann singen die andern stellvertretend für uns, und dann lautet die Botschaft des Sonntags Cantate für uns: Das Lied von der Liebe und Treue Gottes gilt noch immer auch für dich. Gott liebt dich. Er weiß, wie es um dich bestellt ist. Er kennt deine Zweifel, und er weiß, welche Schuld dich quält, – unter welcher Last du stöhnst, – welche Fragen nach Antworten verlangen, – welche Wege du nicht verstehst, und was dich traurig macht. Hör hin! Ein Lied geht um die Welt mit ihren tausend Plagen, und es ist nicht verstummt, weil Generationen des Volkes Gottes bis heute die Erfahrung gemacht haben, dass Gott auch den Schrei aus der Tiefe hört und erhört. Sollte er dann nicht auch deine Klagelieder hören!

Ein Lied geht um die Welt, und es hat mit Worten und Melodien auch in unserem Gesangbuch seinen reichen Niederschlag gefunden. Vielleicht könnte der Sonntag Cantate manch einer und manch einem unter uns den Anstoß dazu geben, das Gesangbuch nicht nur für die Gottesdienste hervorzuholen, sondern es auch daheim aufzuschlagen, darin zu blättern und nach Liedtexten  zu suchen, die ihr und ihm aus dem Herzen sprechen und besonders gut tun, weil sie trösten, Mut machen, Hoffnung wecken und Freude schenken.

Wer in unserem Gesangbuch auf Entdeckungsreise geht, findet Lieder mit denen er Gott loben und danken kann, Lieder, in denen er sich mit seinen Fragen und Ängsten, seinen Sorgen und Nöten aufgehoben weiß, und er findet gewiss auch den einen oder anderen Vers, von dem er sich wünscht, dass einmal jemand da sein wird, der ihm in seiner letzten Stunde diese Worte zuspricht. Solche Fund–stücke sollte man auswendig lernen, um sie als eiserne Ration parat zu haben, wenn wir ihren Trost brauchen.

Ich hatte einen älteren Freund, der erst in den Adventswochen 1949 aus  russischer Gefangenschaft nach Hause kam. In unseren Gesprächen ging es nicht zuletzt darum, wie er diese lange schwere Zeit überleben konnte. Da sagte er: Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dankbar ich für jedes tröstliche Bibelwort, für jeden ermutigenden Gesangbuchvers und für jedes gute Wort aus der Literatur war, – für Worte, die ich im Gedächtnis hatte und die ich mir vorsagen konnte, und die so für mich zur echten Überlebenshilfe wurden.

Aus der Mongolei stammt das Sprichwort: „In einem guten Wort ist Wärme für drei Winter.“ Suchen wir darum nach solchen guten Worten – nicht zuletzt in unserem Gesangbuch – damit sie uns wärmen in Stunden, in denen unsere Seele friert.

Cantate! Singet! Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Über dieser vergehenden Welt hat Gott den Ostermorgen aufziehen lassen und uns durch Jesus Christus erlöst von Sünde und Tod. Darum singt die Gemeinde Jesu das Lied der Freude über Gott.

Doch nun muss noch etwas ganz Entscheidendes von uns bedacht werden. Auch Gott will sich freuen. Wenn er auf sein singendes Volk schaut, dann soll er Grund zur Freude haben, Freude an unserem Denken, Reden und Tun. Dann soll unser Singen von Herzen kommen und glaubwürdig sein.

Es hat seinen guten Grund, dass dem Sonntag Cantate als altkirchliche Epistel ein Abschnitt aus dem Kolosserbrief zugeordnet ist, ein Abschnitt, der nach unserer Lebensweise, nach unserer Nachfolge Jesu fragt. Ich lese uns aus Kolosser 3 die Verse 12 bis 17:

„So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; – mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und danket Gott, dem Vater, durch ihn.“

Das sind deutliche Worte, die keiner Auslegung bedürfen, und die uns anschaulich sagen: So soll es um euch bestellt sein. Dann sind eure Lieder glaubwürdig, und euer Gesang klingt harmonisch. Dann seid ihr ein Segen für den nahen und fernen Nächsten. Für ein solches Leben bitten wir Gott um seinen Geist.

Zum letzten Vers dieses Episteltextes aus dem Kolosserbrief hat Dietrich Buxtehude die wunderschöne Kantate „Alles, was ihr tut“ geschrieben und dem biblischen Text diese beiden Choralstrophen hinzugefügt:

Gott will ich lassen raten, denn er all Ding vermag;
er segne meine Taten, mein Vornehmen und Sach.
Ihm hab ich heimgestellt mein’ Leib, mein’ Seel', mein Leben,
und was er sonst gegeben; er mach’s wie’s ihm gefällt.

Darauf so sprech' ich Amen und zweifle nicht daran:
Gott wird es all’s zusammen ihm wohl gefallen lan;
und streck nun aus mein’ Hand, greif an das Werk mit Freuden,
dazu mich Gott bescheiden in mein’m Beruf und Stand.

Ein Lied geht um die Welt, – ein Lied, das uns froh und getrost machen will, denn es singt von der Liebe und Treue Gottes, von dem Versprechen, das Jesus Christus seiner Gemeinde und damit auch uns gegeben hat: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Und: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage – in Sternstunden und in jeder denkbaren Not – bis an der Welt Ende.“ Darum: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Er tut sie auch in unserer Zeit und in unserem Leben. – Dafür danken wir ihm mit unserem Lied: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen…“ (321,1-3)

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