Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 4. Mai 2013

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. (Psalm 66, 20)

Johannes 16, 23b – 33


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

unser Wochenspruch zum Sonntag Rogate ist der letzte Vers des 66. Psalms. Und dieser Psalm ist ein Lobpsalm! Im ersten Teil lobt das ganze Volk den Gott, der es in die Freiheit geführt hat, der das ganze Volk zum Aufatmen gebracht hat, ihm das Herz zum Lob geöffnet hat. Und im zweiten Teil ist es ein einzelner Beter, der Gottes Güte, Gottes Zuwendung erfahren hat, als er in der Not zu ihm rief, und der nun in Jubel ausbricht.
Ich möchte Ihnen gern auch die vorangehenden Verse vorlesen (ab V. 16):

Kommt her, höret zu, alle, die ihr Gott fürchtet;
Ich will erzählen, was er an mir getan hat.
Zu ihm rief ich mit meinem Munde
Und pries ihn mit meiner Zunge.
Wenn ich Unrechtes vorgehabt hätte in meinem Herzen,
so hätte der Herr nicht gehört.
Aber Gott hat mich erhört
Und gemerkt auf mein Flehen.
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft
Noch seine Güte von mir wendet.

Da erzählt einer von seiner Gebetserfahrung. Worum es genau geht, worin die Not bestand, worin das „Erhören“ bestand, wird nicht wirklich gesagt. Nur das „Dass“: Er rief zu Gott, mit reinem Herzen, und Gott hat ihn erhört, hat gemerkt auf sein Flehen, hat sein Gebet nicht verworfen, hat seine Güte nicht abgewendet. Der Beter wendet sich Gott zu, voller Vertrauen, und schon mit dem auf der Zunge bereitliegenden Lob – und Gott wendet sich dem Beter zu, hörend, aufmerkend, das Beten ernst nehmend, voller Güte.

Ich stelle mir zwei Menschen vor, zwischen denen so etwas geschieht – dass der Eine sich dem Anderen vertrauensvoll öffnet, bereit zum Danken, und dass der Andere Ihm zuhört, aufmerksam, ihn ernst nimmt, ihn voller Güte anschaut, sich ihm liebevoll zuwendet. Und ich denke: Zwischen zwei solchen Menschen muss eine große Liebe sein, ein inniges Vertrauen. Da kann kein Rest von Misstrauen sein, keine Skepsis, keine Genervtheit, keine innere Reserve – ein wunderbares Ineinander zweier Herzen. Ein seltenes, ein kostbares Geschenk, wenn das denn so sein kann.
Ob es dann noch so wichtig ist, dass eine konkrete Bitte, ein konkreter Wunsch wirklich erfüllt wird? Ob es im Raum eines solchen Vertrauens nicht auch möglich ist, einen anderen Weg zu gehen, als den, den man sich erhofft hatte? Ob es da nicht viel entscheidender ist zu wissen: Welchen Weg auch immer ich jetzt gehen muss – ich gehe ihn nicht allein. Ich kann mich auf die Güte und Liebe des Anderen verlassen. Ich kann mit seinem Verstehen rechnen. Ich kann ihm immer sagen, wie es mir geht – und er wird sich nicht von mir abwenden!

Ein solches Verhältnis zwischen zwei Menschen ist schon beglückend; es ist selten; und es lässt uns fast Tränen der Dankbarkeit in die Augen treten. Es kann in einem sehr tiefen Sinn unser Leben glücklich machen, in allen Höhen und Tiefen.

Und nun der Beter und Gott! Es kann hier nicht um eine dieser vordergründigen „Gebetserhörungen“ gehen, von denen wir manchmal hören, sie manchmal auch vielleicht selber erleben und weiter erzählen. So schön das manchmal sein kann, so müssen wir doch zugeben, dass unsere Wünsche oft genug in einem solch vordergründigen Sinn nicht erfüllt werden. Und nicht nur unsere Wünsche, sondern auch die Hoffnungen und Wünsche anderer Menschen und ganzer Menschengruppen. Wie sehr wird um Frieden in der Welt gebetet! Wie sehr ersehnen wir uns Maß und Anstand im Umgang mit (viel) Geld! Mit wie heißem Herzen wird bisweilen um die Gesundheit eines Menschen gebetet! Und wir schauen um uns und müssen feststellen: Irgendwie ändert sich nichts; die Welt, unsere Welt liegt im Argen, im Kleinen und im Großen.

Die Bibel ist da gottlob sehr realistisch: Die Psalmen sind voller Klagen über Leid und Ungerechtigkeit. Das Gottesvolk musste durch die Wüste und hat dort Hunger und Durst, Gefahren, Leid und Tod erfahren. Gott selbst hat in Jesus das Leid der Welt durchlitten, bis hin zum Sterben, zum qualvollen Sterben.

Eine der mich immer wieder am meisten bewegenden Geschichten ist die Erzählung von der Szene im Garten Gethsemane: Jesus fleht, dass der Kelch an ihm vorüber gehe. Der ging dann aber nicht an ihm vorüber – aber, so erzählt es Lukas, ein Engel kam und stärkte ihn! Das bedeutet doch wohl im Bild des Engels genau das: Sein himmlischer Vater hat ihn erhört, hat auf sein Flehen gemerkt, hat sein Gebet nicht verworfen, hat seine Güte von ihm nicht abgewendet. Aber ER hatte Größeres mit ihm vor, nämlich an ihm seine Macht auch über den letzten, von uns unbesiegbaren Feind zu erweisen, Seine Macht über den Tod. Und so ließ er den Sohn Seine Nähe spüren, Seine unwandelbare Zu-wendung. Und im innigen Einssein mit dem Vater konnte der Sohn seinen Weg gehen, mag vielleicht unser Psalmwort im Herzen klingen gehört haben...

Liebe Schwestern und Brüder, „Rogate“ heißt der Sonntag morgen, „Betet!“. Der 66. Psalm lehrt mich, dass Beten nicht heißt, Gott eine Wunschliste vorzulegen und dann die erfüllten Wünsche dankbar abzuhaken.
Beten ist etwas viel Tieferes. Es ist ein Sich-Öffnen vor Gott und zu Gott hin, voller Vertrauen und Dank, in der Gewissheit, dass Gott sich vorbehaltlos öffnet zu mir hin, voller Güte, aufmerksam, verstehend, liebevoll. Beten ist dies einverständige innige Ineinander von Gott und mir, dem ich mich überlassen kann und auf das ich vertraue in hellen und in dunklen Stunden. Es ist das Ineinanderfließen von meinem Willen und Gottes Willen, ohne jeden Hauch von Resignation, sondern in liebendem Vertrauen. Jesus sagte es in Gethsemane: „Aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Ich gebe mich, meinen Willen, hinein in deinen Willen.“ Und wir beten es so im Vaterunser.

Beten ist die Bewegung hin zu Gott, der sich schon längst zu mir hin bewegt.
Dann mag es uns geschenkt werden, dass wir betend gar nicht mehr viel reden, sondern still werden in Ihm. Und es mag uns geschenkt werden, dass wir mit dem Psalmbeter einstimmen können in das Lob Gottes: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet!
Amen.

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