Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 25. Mai 2013

Schwester Hildegund Fieg

Johannes 3, 1 – 8

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.
8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.


Ein Mann kommt zu Jesus. Mitten in der Nacht. Es ist Nikodemus, ein Pharisäer, ein anerkannter religiöser Führer, der zum Hohen Rat gehört. Einer, der die Schrift in- und auswendig kennt und sie täglich studiert.
Dieser Nikodemus besucht Jesus bei Nacht. Warum wohl nachts? Will der Obere der Pharisäer – dieses angesehene Mitglied der Gesellschaft – nicht mit oder bei dem Wanderprediger gesehen werden? Sucht er ihn deshalb im Schutz der Dunkelheit auf? Will er nur ein unverbindliches Gespräch, das – je nach Verlauf – schnell wieder ad acta gelegt werden kann?
Oder hatte Nikodemus schon genügend schlaflose Nächte hinter sich? Nächte, in denen ihn die Fragen nach echtem, wahrem, gelingendem Leben umtrieben? Fragen, auf die er sich von Jesus Antworten erhofft? Fragen, die sich bei Tage ganz gut verdrängen lassen, die jedoch nachts wieder mit aller Wucht aufbrechen und nach Antworten verlangen.
Nächtliche Zwiegespräche haben es in sich. Nachts geht man sich selbst und den Dingen auf den Grund. Nachts ist man empfindsamer und offener. Man ist bereiter, Fragen zu stellen und Ängste zu äußern. Manches kann anders angesprochen und angedacht, diskutiert oder geklärt oder entschieden werden. Nikodemus sucht das Gespräch mit Jesus.

„Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ – So eröffnet Nikodemus sein Gespräch. Damit bringt er seine Achtung, seinen Respekt zum Ausdruck. „Wir wissen“ – er spricht dabei aber nicht nur für sich. Jesus war Gesprächsthema bei den Pharisäern und Gelehrten. Die Zeichen und Wunder, die er getan hatte, sein Auftreten und sein Handeln erweckten Aufmerksamkeit und Neugier, aber auch Skepsis. Denken wir nur an die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelte. Oder wie er die Händler und Wechsler aus dem Tempel wegjagte.
Wer ist dieser Jesus? Hat er einen besonderen Zugang zu Gott, dass er all das tun kann, was er tut? Nikodemus sucht nach Antworten.
Doch bevor er weiterreden kann, unterbricht ihn Jesus und gibt ihm eine Antwort auf eine gar nicht gestellte Frage.
Jesus will nicht bei Oberflächlichkeiten stehen bleiben, er sieht die Fragen, die hinter der vordergründigen Aussage stehen: „Du bist von Gott gekommen“. Er hat Nikodemus durchschaut, er weiß, was ihm fehlt, er will ihn weiter führen. Und deshalb lenkt Jesus das Gespräch weg von seiner Person hin auf Nikodemus. Um ihn, um sein Leben soll es gehen. Er, der sich in den Schriften auskennt, er, der die Gebote und Vorschriften und Gesetze kennt und sich darum müht, sie peinlichst genau zu befolgen und einzuhalten, lernt nun bei Jesus eine andere Sichtweise kennen. Nicht die eigene Anstrengung zählt, weder die des Tuns noch die des Erkennens. „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
„Von neuem geboren werden?“ Was soll das? Wie soll das gehen? Warum neu geboren werden, ein neues Leben beginnen?
Ja, Nikodemus, es geht nicht nur um das Leben hier, es geht nicht nur darum, Gesetze und Vorschriften und Ordnungen zu befolgen – es geht auch um das ewige Leben. „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“. Zweimal betont Jesus in diesen Versen: So kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Die erste Geburt, die leibliche Geburt befähigt uns zu einem Leben in dieser Welt, aber um das ewige Leben, das Leben in Gottes Reich zu erlangen, müssen wir von neuem geboren werden. Und diese zweite Geburt, dieses wiedergeboren werden, geschieht durch Wasser und Geist.

Wasser ist ein Grundelement der von Gott geschaffenen Welt. Ohne Wasser ist kein Leben möglich, es ist Grundlebensmittel. Wasser ist einerseits Zeichen des Gerichts – denken wir nur an die Sintflutgeschichte – andererseits aber auch Zeichen des Heils. Wasser ist Reinigungsmittel. Im kultischen und religiösen Leben spielen Waschungen und Reinigungsriten eine große Rolle. Ein Mensch, der sich verunreinigt hatte, musste bestimmte Reinigungsvorschriften befolgen, ehe er wieder am kultischen Leben teilnehmen konnte. Wasser, Reinigung und Taufe gehören zusammen. Wasser – das ist ein Hinweis auf die Taufe. Johannes forderte die Menschen am Jordan auf: Tut Buße und lasst euch taufen. Zur Zeit Jesu wurden die Menschen durch Untertauchen getauft. Das alte Leben wurde sozusagen ertränkt – ein neuer Mensch stieg aus dem Wasser. Neues Leben wurde ihm geschenkt.

Nun können sich die wenigsten von uns an ihre eigene Taufe erinnern, da wir als Kinder getauft wurden, ohne unser eigenes Zutun, ohne unseren Wunsch. Und genau das ist es: Das neue Leben bekomme ich nicht durch das Studieren der Schriften, durch Diskussion und neue Erkenntnis, durch eigene Leistungen und Verdienst. Wir können uns nicht selbst erlösen. Das neue Leben ist Geschenk Gottes. Er bietet es uns an. „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ – Ja, Gott beschenkt uns, ohne Vorleistungen, ohne Bedingungen. Er gibt uns sozusagen einen Scheck in die Hand, den wir einlösen sollen. Und das heißt: die uns entgegengestreckte Hand Gottes immer wieder erfassen, Tag für Tag in seiner Gegenwart leben.
Doch die Taufe allein kann dieses neue Leben nicht bewirken oder garantieren. Dazu brauchen wir den Geist, der lebendig macht und lebendig erhält, der uns leitet und führt, der uns das Verständnis für die Schrift öffnet, der uns immer wieder neu Gottes Liebe und Fürsorge vor Augen stellt.

Johannes erzählt uns nicht, wie Nikodemus zumute war, als er Jesus an diesem Abend verließ. Aber im Verlauf des weiteren Evangeliums erfahren wir, dass er sich im Hohen Rat vor Jesus stellte und nach Jesu Tod mit Josef von Arimathia den Leichnam mit kostbaren Ölen salbte. Vielleicht war das eine Folge dieses Gespräches, vielleicht war diese Nacht der Zeitpunkt, an dem er durch den Geist Gottes neu geboren wurde und glaubte.
Amen.

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