Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 15. Juni 2013

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Luk. 19, 10)

Lukas 15, 1 – 7


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,
in Lukas 15 stehen die Geschichten von den verlorenen Sachen, Schaf, Groschen und Sohn. Es lohnt, einmal darauf zu achten, wer denn eigentlich „selig“ ist, nachdem das Verlorene wiedergefunden wurde: Der Hirte oder das Schaf? Die Frau oder der Groschen? Der Vater oder der Sohn?
Beim Groschen ist das vielleicht am einfachsten: Einen seligen Groschen kann man sich nicht gut vorstellen. Aber eine Frau, die ihre Geldbörse oder ihren Hausschlüssel oder, was man alles so verlieren kann, wiederfindet, die kann durchaus „selig“ sein.
Beim Schaf und beim Hirten und erst recht beim verlorenen Sohn und dem überglücklichen Vater ist die Sache nicht so einfach. Das Schaf wird sich in der Gemeinschaft der Herde vermutlich wohler fühlen als allein. Aber der eigentlich Glückliche und Erleichterte dürfte doch der Hirte sein. Bei Vater und Sohn werden wohl beide aus sehr unterschiedlichen Gründen und in sehr unterschiedlicher Weise „selig“ sein.
Alle drei Gleichnisse zielen jedoch darauf ab, dass das oder der jeweils Verlorene auf der Bildebene den „Sünder“, den verlorenen Menschen meint, und dass über das Wiederfinden dieses „Sünders“ im Himmel „Freude“ herrscht.
Geht es nun also um die Freude des Schafs oder um die Freude des Hirten? Um die Freude, die „Seligkeit“ des Sünders oder um die Freude Gottes über den zurückgekehrten Sünder?

Der Wochenspruch für die neue Woche mag uns Klarheit schenken: "Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist."
Das ist der letzte Vers der Erzählung von Zachäus, dem kleinen Steuereintreiber, der die Steuern keineswegs nur für die Obrigkeit eintreibt, sondern der sich auch selbst aus der Kasse bedient und auf diese Weise sehr reich geworden ist. Er kletterte auf einen Baum, um Jesus sehen zu können, weil dessen jubelnde Bewunderer ihm die Sicht versperren.
In dieser Zachäusgeschichte geschehen zwei eigentlich „verkehrte“ Dinge:
Zum Einen stellt sich als viel wichtiger heraus, dass Zachäus von Jesus gesehen wird, als dass dieser Jesus zu sehen bekommt: Jesus „sieht“ Zachäus und lädt sich bei ihm ein!
Und das Zweite, ein theologischer Stolperstein, weswegen am Schluss die Frommen auch „murren“: Jesus erwartet von Zachäus nicht erst einmal ein Sündenbekenntnis und die Bitte um Entschuldigung, bevor er ihm Tischgemeinschaft schenkt. Nicht erst Beichte und dann Teilnahme am Heiligen Abendmahl...! Sondern genau umgekehrt: Erst die Tischgemeinschaft, erst der barmherzige Blick Jesu auf den Sünder – und als Folge dieser vorweg geschenkten Zuwendung und Annahme dann die Erkenntnis der Schuld und die Bereitschaft, die Schuld, so gut es geht, wieder gut zu machen! Verkehrte theologische Welt, so könnte man sagen.
Und verkehrte psychologische Welt! Diese Reihenfolge entspricht nämlich ganz und gar nicht unserer seelischen Befindlichkeit: Wer hätte da nicht schon einmal drüber nachgedacht, was geschehen muss, ehe ich einem Menschen, der mir Unrecht getan hat, vergeben kann! Empfinden wir das nicht auch eher so: Der soll erst einmal begreifen, was er mir angetan hat! Der soll sich erst einmal entschuldigen – und dann kann ich – vielleicht – vergeben!
Aber einfach so auf’s Geratewohl vergeben? Den ersten Schritt tun, obwohl ich der Geschädigte, der Verletzte bin??

Ich glaube, es ist wichtig sich klar zu machen, wie verständlich und vielleicht sogar berechtigt das Murren der Frommen ist. Damit wir ein Gefühl dafür bekommen, wie ganz anders Jesus handelt, als wir es tun würden und für richtig empfinden, wie völlig undogmatisch und unkonventionell. Und damit wir zum Zweiten einen Blick auf eine oft übersehene Besonderheit im Handeln und Wirken Jesu wahrnehmen: Wie in vielen anderen Geschichten, die uns in den Evangelien überliefert sind, wendet er sich gezielt dem einen Menschen zu, seelsorgerlich, so würden wir heute sagen, ohne Rücksicht auf die Reaktionen der anderen. Nur dieser Eine ist jetzt wichtig. Und da kann es denn eben auch einmal undogmatisch und unkonventionell werden. Man kann sein Verhalten dann nicht als Norm verallgemeinern!

Was könnte die Kirche aus solchem Verhalten alles lernen, wenn sie denn hinschaute – im Blick auf Geschiedene, die wieder heiraten wollen, im Blick auf unverheiratet Zusammenlebende, die gern ein kirchliches Amt übernehmen würden...
Jesus sagt ja nicht, dass das alles richtig ist. Er hätte sicher etwas gegen Steuerhinterziehung. Aber er beginnt nicht mit Vorwürfen und mit Wiedergutmachungsforderungen oder mit Zugangsvoraussetzungen.
Sondern er schaut den Menschen an, liebevoll, zugewandt. Er stellt keine Forderungen und Bedingungen – „erst einmal das und dann Zulassung zur Kommunion“. Sondern er schenkt sich dem Menschen, schenkt ihm seine bedingungslose Liebe – und dann geschieht das Wunder der Umkehr im Leben des Menschen.

Den Murrenden liefert er nachträglich die theologische Begründung: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. An anderer Stelle heißt es, die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Er hat keine Freude am Tod des Sünders, sondern an seiner Rettung.

Um nun auf die Frage am Anfang zurück zu kommen: Es geht tatsächlich um die Freude im Himmel! Aber diese göttliche Freude entzündet sich an der Seligkeit eines Menschen! „Geht ein zu meiner Freude“, so heißt es Matth. 25.
Ist das vielleicht unsere „Seligkeit“, einzugehen in die göttliche Freude? Es ist ja schon auf Erden, unter Menschen, schön, wenn jemand sich über mich freut, wenn jemand mich vermisst, wenn ich nicht da bin, wenn erst einmal alle einen in den Arm nehmen, wenn man irgendwo auftaucht. Und genau damit vergleicht Jesus die Seligkeit des gefundenen Verlorenen: Gott hat ihn vermisst, schmerzlich, wie der Vater den „verlorenen Sohn“. Und Gott freut sich, umarmt ihn, wenn er wieder da ist!

Der Sohn wird wohl die eine oder andere Träne geweint haben, aus Scham, weil er „beschämt“ wurde von der unzerstörbaren Liebe des Vaters. Zachäus wird sich wohl nicht ganz leicht damit getan haben, zuzugeben, wieviel Geld er auf die Seite geschafft hat. Und das alles irgendwie wieder zurück zu geben ist ja auch kein leichtes Unterfangen. Aber er macht den Schritt, er kehrt zurück – und Gott freut sich.
Um dieser göttlichen Freude willen hat Er den Sohn, den Menschensohn, geschickt, auf die Suche zu gehen nach uns Verlorenen!
Amen.

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