Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 6. Juli 2013

Pfarrer Wolfgang Scharf, Karlsruhe


Wochenspruch: So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes. 43, 1)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Einige unter Ihnen wissen, dass ich leidenschaftlich gerne Filme anschaue. Einer der Filme, die mich am meisten beeindruckt und beschäftigt haben ist der Film ‚Das Leben der anderen‘. Es ist eine Stasigeschichte um ein Künstlerpaar. Eine der Szenen aus diesem Film greife ich heraus. In der Kantine der Zentrale der Staatssicherheit essen zwei Offiziere zu Mittag, einige Stühle entfernt weitere Mitarbeiter dieser Behörde. Zu jenen gesellt sich ein weiterer Mitarbeiter, der sogleich seinen neuesten politischen Witz über den Staatsratsvorsitzenden erzählen will. Erst die warnenden Blicke der Freunde lassen ihn aufmerken und die beiden Offiziere am Tisch wahrnehmen. Er bricht ab. Auf die ermutigende Aufforderung des einen Offiziers erzählt er dann doch den Witz zu Ende. Sobald er die Pointe erzählt hat, fallen wie Peitschenhiebe die Fragen: „Name? Dienstgrad? Abteilung?“ Die Atmosphäre wird eisig. Angst macht sich breit. In der Sekunde des Schweigens läuft gedanklich das ganze Arsenal möglicher Bestrafungen ab. Ein Witz sei seine Nachfrage gewesen, meint nun der Offizier. Aber außer ihm kann keiner darüber lachen.

Mit einem Namen ist die Person verbunden. Der genannte Filmausschnitt hat sehr deutlich gezeigt, welche Macht mit dem Wissen um den Namen verbunden ist. Mit dem Namen wird ein Mensch zur Persönlichkeit, wird greifbar und konkret. Das Erschrecken im Film geht nahe, denn der Zuschauer spürt: das könnte auch ich sein, der hier greifbar und ausgeliefert ist.

Es gibt auch die andere Erfahrung mit dem Namen. So hörte ich vor längerer Zeit von der Beerdigung eines obdachlosen Mannes. Nur zwei seiner Kumpel von der Straße waren da. Auf dieser Beerdigung wurde das Wort Jesajas gelesen: "So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst. Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein." Einer von den beiden kam später zum Pfarrer: „Das war ein schönes Wort, das mit dem Namen. Wir sind doch nur noch Nummern, auf dem Sozialamt, beim medizinischen Dienst, auf der Polizei. Wie ging das noch mal genau?“ „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein.“
„Genau! Das ist gut, das ist richtig gut!“ Der ganze Mann richtete sich auf, seine Augen waren wach und klar. „Das werde ich mir merken!“ Er ging vom Friedhof, mit leichterem Schritt und geradem Rücken; ein Mensch, den Gott an seine Würde erinnert hatte.

Der Name und die Würde des Menschen gehören eng zusammen. Daher ist es so wichtig, dass mit dem Namen auch die konkrete Person deutlich wird. Der Name oder die ‚namenlose‘ Person für sich ergeben keine Vorstellung, keine wirklich tiefere Erkenntnis eines Menschen. Sehen wir nur das eine oder das andere, so bleiben wir in Vor – Urteilen verhaftet. Es ist immer eine Horizonterweiterung, wenn wir einen Menschen wirklich kennen lernen und nicht bei dem ersten Eindruck stehen bleiben.

So ergeht es uns in vielen Situationen, mit vielen Menschen. Es gibt diese Vorurteile, wenn etwa ein bestimmter Begriff fällt: die Politiker, die Ausländer. Jeder unter uns verbindet mit diesen Begriffen bestimmte Vorstellungen. Manche dieser Vorstellungen würde sich deutlich verändern, wenn die Person konkret wird und wir merken: Es ist oft doch anders als wir denken!

Der Wochenspruch für den morgigen Sonntag – wir haben den Spitzensatz schon im Zusammenhang mit der Obdachlosenbeerdigung gehört – zeigt uns ganz deutlich an: Gott bringt unsere Namen, unsere Person und die Vorstellung ‚Mensch‘ in einen ganz engen Zusammenhang. ‚Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst. Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein (Jes. 43, 1).‘

Gott löst die Furcht, die doch in vielen Varianten in uns sitzt. ‚Fürchte dich nicht!‘ Ein heilsamer Zuspruch für uns. Wir spüren: hier sucht Gott die Beziehung, den Kontakt zu uns.
Hier klingt eine Geborgenheit an, die Sicherheit im Leben zu geben vermag. Das ist wie wenn Eltern ihren Kindern Rückhalt geben in Geborgenheit. Wenn sie Vertrauen in die Herzen ihrer Kinder als einen Samen aussäen, der im Laufe des Lebens keimen und wachsen kann.

So darf und kann auch bei uns der Glaube wachsen. Denn wir benötigen die Wiederholung, wir bedürfen die wiederholte Anrede, damit wir unsere Furcht wirklich verlieren.
‚Ich habe dich erlöst.‘ Aus dem Zusammenhang des Textes wissen wir, dass mit diesem Begriff das Loskaufen eines Menschen aus der Schuldhaft gemeint ist. Es sind keine Heiligen, die Gott anspricht. Es sind die Menschen, es sind wir, mit all unseren Licht– und Schattenseiten, die hier losgekauft werden.

Wäre es nicht absurd, wenn Eltern ihr Kind verstoßen würden, dann wenn es nicht die Wege geht, die sie sich für ihr Kind wünschen. Auch wenn das unglaublich hart sein kann, solche anderen Wege eines Kindes zu ertragen, so bleibt es doch das eigene Kind. Und man muss ganz und gar nicht mit allem einverstanden sein – und kann das auch sagen. Aber die Beziehung soll doch tragen.

Gott tut dies für uns. Gott trägt uns, obwohl wir in vielem ganz und gar nicht dem entsprechen, wie wir nach seinem Willen und Gebot sein sollten. Was müsste sich jeder von uns vor den anderen schämen, wenn alle meine Taten, meine Gedanken, meine Worte den Nachbarn in der Kirchenbank offenbar würden. Wir hätten wohl so viele Löcher im Boden, wie hier Menschen versammelt sind, einschließlich dem Loch im Kanzelboden.

Gott sei dank ist eine solche nachhaltige Sachbeschädigung nicht nötig. Gott kennt uns doch schon längst – und er hält dennoch an uns fest. ‚Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst. Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein.“ Das sind Worte des Evangeliums. Das ist gute Botschaft, ja die beste Nachricht! Hier spricht mich keiner an, der mir Übles will, der mich dingfest macht und unnachgiebig bestraft. Hier spricht mich keiner an, der in mir nur die Nummer oder die abstrakte Vorstellung mit moralischer Abwertung sieht. Hier spricht mich einer an, der mir zugewandt ist und mich liebt. Wenn Gott mich bei meinem Namen ruft, dann darf ich kommen so wie ich bin – und ich muss nicht bleiben so wie ich war. Wer Liebe und Geborgenheit ohne Vorbehalt und Vorhaltungen erfährt, hat einen tragenden Grund unter den Füßen, um seinen Weg in dieser Welt zu finden und zu gehen. 

Gott, der unsere Namen kennt, sei mit uns auf unseren Wegen.
Amen.

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