Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 21. September 2013

Pfarrer Theo Freyer, Karlsruhe


Wochenspruch: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh. 5, 4)


„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Der Verfasser des 1. Johannesbriefes mag das so erlebt haben; aber wir heute – nähmen wir den Mund nicht zu voll, wenn wir diesen Satz unbesehen nachsprechen würden? Die Welt nach 2000 Jahren Christentum ist kein Ort der Gerechtigkeit und des Friedens geworden. Kriege, Hunger und Flüchtlingsströme sind mehr denn je Kennzeichen unserer Zeit.

Glaube, Hoffnung und Liebe führen eher ein Winkeldasein. Auch die zweitausendjährige Geschichte der Kirche ist kein Ruhmesblatt, oftmals eher ein Trauerspiel. Darunter leiden wir. Religionskriege, Ketzerprozesse und Scheiterhaufen, Spaltungen und wechselseitige Verdammungen, Machtansprüche einerseits und ängstliches Schweigen, wo klare Worte dringend erforderlich wären andererseits, sind bis heute an der Tagesordnung.

Dennoch möchten wir gerne in diesen mutigen Satz mit einstimmen: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Und darum suchen wir, um der Wirklichkeit gerecht zu werden, nach Zeiten und Orten, an denen der Glaube nicht unter die Räder kam, sondern den Sieg davon trug.

Wenn wir die Reisen des Apostels Paulus betrachten, dann erkennen wir etwas von dem Siegeszug des Evangeliums durch die Welt. Oder wenn wir die Biographien der Märtyrer lesen, staunen wir über den Bekennermut, zu dem der Glaube dieser Männer und Frauen zu allen Zeiten befähigt hat.

Wir sind dankbar, dass zur Geschichte der Kirche Namen gehören wie Franz von Assisi, Martin Luther und Johannes Calvin, Friedrich Bodelschwingh und Mutter Theresa, Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald, und Dietrich Bonhoeffer, Graf Moltke und die Gemeinden, die in Leipzig und an anderen Orten die unblutige Wende herbeigebetet haben. Da hatte und hat der Satz seine Berechtigung: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

So oft der Siegeszug des Glaubens und der Liebe der Bosheit und dem Macht– und Gewinnstreben unterlegen sein mag, so ist er doch Jahrhundert um Jahrhundert weiter gezogen, hat Ehrfurcht vor dem Leben bewirkt, hat Frieden gestiftet, Gefangene befreit und Hungrige satt gemacht.

Ja, der Glaube hat zu allen Zeiten viele Siege errungen. Aber in unserem Textwort ist nicht allgemein vom Glauben die Rede, sondern von unserem Glauben. Nun wird es also persönlich. Und darum stellt sich die Frage, ob und wenn ja, welche Siege wir als glaubende Menschen auf unserer Lebensstraße errungen haben?

Wir sind gerufen: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, dazu du berufen bist.“ Und wir müssen gestehen, dass sich unsere Erfahrungen zwischen plus und minus, zwischen Siegen und Niederlagen hin und her bewegen. Alles gehört dazu: Glaube, Zweifel, Kleinglaube, Gehorsam und Sündenfall, Gebetserhörungen und die Meinung, Gott hört mich nicht, er ist ganz ferne von mir.

Unser Leben ist ja keine Bagatelle. Wir werden schuldig und tragen schwer daran. Wir fragen: Wer bin ich? und sind wie ein geknicktes Rohr. Wir kennen die Warumfragen, und bekommen keine Antwort. Wir geraten in Feindschaften und schaffen die Versöhnung nicht. Wir kennen vielerlei Leid und Krankheit aber die Genesung ist fern. Wir begegnen dem Tod und zentnerschwere Gedanken und Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Lebens lassen uns nicht zur Ruhe kommen.

Da ist es gut, dass wir mit allem Fragen und in allen Anfechtungen nicht allein gelassen sind, sondern zu den Kindern Gottes aller Zeiten und an allen Orten gehören, – dass wir Glieder sind dieser Zeit und Welt umspannenden Gemeinde Jesu Christi, die den Ruf vernommen hat: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Ich will versuchen zu erklären, wie ich das persönlich erfahre. Wenn ich schuldig geworden bin, an mir selbst irre werde und mich schäme, dann werde ich immer wieder von neuem dankbar dafür, dass Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn und seinem gnädigen Vater erzählt hat, und wage zu hoffen, dass Gott auch für mich die Tür offen hält.

Wenn ich feige bin und es mir an Bekennermut gebricht, denke ich an Petrus, der von Jesus nicht verstoßen, sondern ins Apostelamt berufen wurde. Die Szene der Verleugnung und des Hahnenschreis hat Rembrandt eindrücklich gemalt. Dieses Bild gehört seit langen Jahren als ernsthafte Anfrage aber auch als Trost zu den Bildern in meinem Arbeitszimmer.

Wenn mein Glaube ins Wanken gerät und Zweifel mir zu schaffen machen, dann fällt mir Martin Luther ein, der mit der Frage rang: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, und der zur Ruhe kam durch die Erkenntnis, dass wir uns ganz auf die Gnade Gottes verlassen dürfen.

Ich bin dankbar für die „Wolke der Zeugen“ zu allen Zeiten und an allen Orten. Dabei denke ich nicht nur an allgemein bekannte Frauen und Männer der Kirchengeschichte, sondern gerade auch an Menschen, denen ich begegnet bin und die für mich auf meinem Weg zu Leitbildern und Glaubenshilfen geworden sind. Bei ihnen habe ich erfahren, zu welcher Leben gestaltenden Kraft der Glaube für sie geworden ist. Solche Begegnungen machen Mut, selbst das Wagnis des Glaubens einzugehen, und ich möchte hoffen und wünschen, dass Sie alle in ihrem bisherigen Leben solche Begegnungen und Erfahrungen machen durften.

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Wenn die Gemeinden Jahr um Jahr in den Reformationsgottesdiensten voll Begeisterung singt: „Ein feste Burg ist unser Gott!“, dann scheint es an dem Glaubenssatz aus dem Johannesbrief keine Zweifel zu geben. Aber die Siege, die der Glaube in dieser Welt erringt, sind nicht immer der Stoff, aus dem Triumphgesänge bestehen. Oft muss der Glaube unter Ängsten und Tränen den Sieg mühsam erringen. Und ich glaube, am härtesten wird unser Gottvertrauen in der Begegnung mit dem Tod auf den Prüfstand genommen.

Und da komme ich wieder zurück auf die „Wolke der Zeugen“ und denke an den vorhin schon erwähnten Paul Schneider, der im Konzentrationslager Buchenwald am Ostermorgen aus seiner Einzelhaftzelle den Mithäftlingen auf dem Appellplatz zurief: „Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Die letzten Worte konnte er nicht mehr ausrufen, weil er unter den brutalen Schlägen seiner Bewacher zusammengebrochen war.)

Und ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der auf dem Weg zur Hinrichtung zu seinen Leidensgefährten sagte: „Das ist das Ende. Für mich der Anfang des Lebens.“

Da ist Glaube, der selbst über den Tod den Sieg davongetragen hat.

Zu welchen flehentlichen Worten der bedrohte Glaube in Lebensgefahr finden kann, erkenne ich in Versen des Juristen Justus Delbrück, der zu den Widerstandskämpfern des Dritten Reiches gehörte. Er betete:

In den Tiefen, die kein Trost erreicht,
lass doch deine Treue mich erreichen.
In den Nächten, da der Glaube weicht,
lass nicht deine Gnade von mir weichen.

Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
wenn die Finsternis mich kalt umweht,
wollest du in meiner Not mich finden.

Wenn die Seele wie ein irres Licht
flackert zwischen Werden und Vergehen,
wenn des Geistes Kraft zu Nichts zerbricht,
wollest du an meinem Lager stehen.

Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
nimm die meine doch in deine Hände!
Nimm dich meiner Seele gnädig an!
Führe mich zu einem guten Ende.

Das ist wohl der größte Sieg, den unser Glaube in dieser Welt erringen kann, wenn er in der tiefsten Tiefe und Verlassenheit allem Augenschein zum Trotz seine Zuflucht zu Gott nimmt: „Herr, höre meine Stimme!“ „Wenn ich deine Hand nicht fassen kann, nimm die meine doch in deine Hände!“

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ In dieses Bekenntnis des Volkes Gottes dürfen wir einstimmen in den guten und schweren Zeiten unseres Lebens, mit frohem Gesang und mit bangem Herzen, in der Mitte des Lebens und wenn unsere Zeit zu Ende geht – allemal im Vertrauen auf die Zusage unseres Herrn Jesus Christus: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Amen.

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