Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 28. September 2013

Pfarrer Wolfgang Scharf, Karlsruhe


Wochenspruch: Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Joh. 4, 21)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Während einer Demonstration wurde Martin Luther King in Chicago von einem Stein getroffen. Zuerst voller Wut auf den Steinewerfer, ging der Getroffene auf diesen zu. Er sprach ihn an. Aber er zog ihn nicht zur Rechenschaft. Martin Luther King forderte keine Entschuldigung. Der schwarze Bürgerrechtler fragte diesen Mann nach seinem Leben, fragte woher er käme, wo er arbeite und was ihn bedrücke. Als Christ und Menschenfreund verweigerte er einmal mehr das gewohnte Spiel ‚Wie du mir, so ich dir!’.

Geschichten wie diese gehen zu Herzen. Geschichten wie diese sind bewegende Geschichten, Geschichten, die uns nahe gehen. Bewegend ist diese Geschichte, weil sie aus dem zu erwartenden Schema möglicher Reaktionen ausbricht und Ungewohntes, nicht Erwartetes vollzieht. Die natürliche Reaktion wäre ja die Vergeltung gewesen. Gewalt, die als Reaktion wieder Gewalt auslöst. Zumindest aber eine harsche Reaktion, die den Steinewerfer verbal und emotional niedermacht.

Martin Luther King hat sich – dem Text nach wohl auf dem Weg zum Steinewerfer – von solchen Reaktionen ab– und dem Mann zugewandt. Von der Reaktion auf dessen Tat kommt es zum Nachfragen nach der Person. Wer ist dieser Mann, der mit Hass Steine wirft? Wer ist dieser Mensch, der einem anderen Menschen Leid zufügen will und zugefügt hat?

Hier öffnet sich eine ganz neue Dimension. Martin Luther King geht es darum, den Menschen wahrzunehmen und kennenzulernen. Dieser Mann gewinnt durch dieses Verhalten ein Gesicht. Er ist nicht mehr eine gesichtslose Gestalt in der Front von gewaltbereiten Gegendemonstranten, sondern wird zur Person mit ihrer ganz eigenen Geschichte. Es kommt zur Begegnung von Mensch zu Mensch.

In dem Verhalten von Martin Luther King spiegelt sich die Haltung Gottes zu uns Menschen wider. In der Lesung aus dem Kontext unseres Wochenspruches heißt es: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen (1.Joh.4, 9).“

Gott kommt in Jesus Christus in die Welt, kommt zu den Menschen, zu uns, damit es zu einer Begegnung kommen kann. Jesus Christus geht zu den Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen, damit sie Gottes Liebe erkennen können. Hier wie dort geht es um echte Begegnung, nicht um ein abstraktes Wissen oder um hehre Gedanken. Jesus Christus zeigt uns den Weg, wie wir Gott kennenlernen können. Es geht nicht um den erhobenen moralischen Zeigefinger, wenn vom Gebot Gottes die Rede ist. Zu Recht spricht dies Papst Franziskus in seiner aktuellen Botschaft an. Es geht um Begegnung und Dienen, damit Menschen – auch wir – die Liebe Gottes erfahren können.

Jesus hat dies seinen Jüngern etwa in der Fußwaschung deutlich gemacht. „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe (Joh. 13, 15).“ So lesen wir es beim Evangelisten Johannes im 13. Kapitel. Jesus wäscht die Füße, wo Menschen gegenseitig doch oft heftig den Kopf waschen. So soll es nicht sein.

Ich bin mir sicher, dass wir, die wir diesen Gottesdienst miteinander feiern, diesen Gedanken gut zustimmen können. Wie aber geht das in der gelebten Praxis? Wie können Gräben überwunden werden, damit es zu Begegnung zwischen Mensch und Mensch kommt?

Ein mich sehr bewegendes Beispiel dafür finde ich verdichtet in dem Film ‚Merry Christmas’. Es ist der Film über eine Situation im ersten Weltkrieg, wie sie sich an mehreren Frontabschnitten so oder doch so ähnlich abgespielt hat. Als Zuschauer werden wir mit hineingenommen in den Stellungskrieg bei dem sich deutsche Soldaten auf der einen, französische und schottische Soldaten auf der anderen Seite gegenüberstehen. Blutige Auseinandersetzungen, Sturmangriffe aus den Gräben heraus, die viele Tote fordern, aber keinen militärischen Fortschritt bringen, gehen in den Wochen und Monaten dem Weihnachtsfest 1914 voraus. Und dann ist er da, dieser Heilige Abend. Jede Truppe wird von ihrer Heeresführung für diesen Abend versorgt: die einen mit zusätzlichen Bierrationen und Weihnachtsbäumen, die sie entlang den Schützengräben aufstellen sollen, die anderen mit Champagner und Whisky. Trübselig sitzen die Soldaten diesseits und jenseits in ihren Stellungen. Jeder wünscht sich Frieden – und sei es nur für diesen einen Tag, diese eine Nacht. Im Film ist es ein deutscher Opernsänger, als Soldat zum Kriegseinsatz eingezogen, der zunächst für seine Kameraden das Lied ‚Stille Nacht’ anstimmt. Und indem er singt, steigt er eine Leiter empor und verlässt die schützende Deckung. Sein Gesang wird inzwischen begleitet von schottischen Dudelsäcken auf der anderen Frontlinie. Das Unglaubliche geschieht. Die Abschnittskommandanten treffen sich und vereinbaren für die Weihnachtstage eine Waffenruhe. Mehr noch: die Soldaten kommen zueinander, teilen ihre Weihnachtsgaben und lernen einander kennen. Sie bestatten miteinander ihre Gefallenen in einem gemeinsamen Gottesdienst.

Danach ist nichts mehr wie es war. Als nach den Festtagen der Alltag wieder einkehrt, der Krieg weitergeht, bieten sie einander Schutz in ihren jeweiligen Schützengräben, wenn die jeweils eigene Artillerie die gegnerischen Schützengräben unter Beschuss nimmt. Sie können im Grund nicht mehr aufeinander schießen, weil nun nicht mehr der namen– und gesichtslose Feind gegenüber liegt, sondern Menschen mit Namen und Geschichten, die man kennt. Damit dieses geschah, bedurfte es hier eines Menschen, der heraustrat aus dem Kreislauf der Gewalt, der sich exponierte, angreifbar machte und darin Begegnung möglich machte. Hier war es jener Sänger, der den Schritt wagte.

Liebe zum Nächsten kann auch auf diese Weise Gestalt gewinnen, wie ich sie in meiner Rastatter Gemeinde erleben durfte. Im Anschluss an einen Gottesdienste war eine junge Frau auf mich zugekommen, die als Asylbewerberin aus dem Iran nach Deutschland geflohen war. Man mag es Zufall nennen, dass sie gerade in unsere Kirche gekommen war. Sie wolle getauft werden, war ihr sehnlichster Wunsch. Wissend, dass die Taufe ein gewichtiger Grund für die Anerkennung eines Asylantrags ist, vereinbarte ich mit dieser Frau eine längere Vorbereitungszeit auf die Taufe. So kam sie fortan nahezu jeden Sonntag zum Gottesdienst, hatte unendlich viele Fragen zu Gottesdienst und Glauben. Sie war ganz mit dem Herzen dabei die Bibel zu lesen. Eines Nachmittags kam sie zu mir zu einem dieser Gespräche und übergab mir einen Geldbeutel, den sie unterwegs auf der Straße gefunden hatte. Es war für sie eine Selbstverständlichkeit das Fundstück abzugeben, in dem sich einiges an Geld fand. Die Versuchung bestand für sie nie, Geld an sich zu nehmen, auch wenn sie selbst als Asylbewerberin nur sehr geringe finanzielle Mittel erhielt. Als ich die Besitzerin anderntags erreichte und ihr den Geldbeutel übergab, war diese überglücklich. Die ganze Nacht hatte sie nicht geschlafen. Ihre Mutter hatte ihr gesagt: „Du hast nur eine Chance, wenn dein Geldbeutel von einem Deutschen gefunden wird. Ausländer geben nichts zurück.“ Wie überrascht war diese Frau, als ich ihr eröffnete, dass es gerade eine Ausländerin war, die ihren Geldbeutel gefunden und zurückgegeben hatte. Auch eine Begegnung, die Menschen, Meinungen und Einstellungen veränderte.

Gott sieht uns an und sucht die Begegnung mit uns. Gleiches darf Gott auch von uns erwarten: dass wir ihn und unseren Nächsten suchen und ansehen, um ihn kennen – und dann auch – mit Gottes Hilfe – hoffentlich lieben zu lernen.
Amen.

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