Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 12. Oktober 2013

Pfarrer Volker Fritz, Waldbronn / Karlsbad


Wochenspruch: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6, 8)


Liebe Gemeinde,

Motiv des Sonntags und der Woche ist der Hinweis auf Gottes gute Ordnungen. Der Predigttext des kommenden Sonntags ist die Episode vom Ährenraufen der Jünger Jesu am Sabbat.
Allerdings: bei näherer Befassung mit dem Text ist eine Überraschung drin, wenn wir ihn in anderen Übersetzungen lesen:

ER hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist, und was der HERR von dir fordert: Nichts anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben und in Einsicht mit deinem Gott zu gehen. (Zürcher Bibel)

Angesagt hat man‘s dir, Mensch, was gut ist, und was fordert ER von dir sonst als Gerechtigkeit üben und in Holdschaft lieben und bescheiden gehen mit deinem Gott! (Martin Buber)

Man hat dir mitgeteilt, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und demütig zu gehen mit deinem Gott? (Elberfelder)

Ich will den Text zunächst in seinem Kontext hören und bedenken.
Die literarische und historische Situation:
In der Zeit zwischen 700 und 600 vor Christus ist Israel unter assyrischer Herrschaft.
Das Volk ist angefochten, müde und voller Glaubenszweifel.
Dahinein spricht der Prophet Micha die Frage Gottes.
In der Form eines Rechtsstreites bringt der Prophet Gottes Anfragen und seine Vorhalte vor:

3 Mein Volk, was habe ich dir angetan? Und womit habe ich dich ermüdet? Sage gegen mich aus!
4 Ich habe dich doch heraufgeführt aus dem Land Ägypten und dich erlöst aus einem Sklavenhaus! Und vor dir her habe ich Mose, Aaron und Mirjam gesandt.
5 Mein Volk, erinnere dich doch, was Balak, der König von Moab, beschlossen und was Bileam, der Sohn von Beor, ihm geantwortet hat, was von Schittim bis Gilgal geschah, damit du die gerechten Taten des HERRN erkennst!

Hier spricht ein leidenschaftlicher, besorgter Gott.
Er ringt um die Beziehung zu seinem Volk.
Was habe ich dir getan?
Und diese Worte bewegen die Herzen Israels.
Israel erkennt, dass es sich zu wenig um seine Gottesbeziehung gekümmert hat, zu sehr eigene Wege gegangen ist, zu wenig auf seinen Gott vertraut hat.
Daher kommen Verdrossenheit und Glaubensmüdigkeit.
Was sollen wir tun?
So fragen die Menschen in Israel und sie bieten an, was ihnen aus ihrer Tradition bekannt ist:

6 Mit welcher Gabe soll ich vor den HERRN treten, mich beugen vor dem Gott der Höhe?
Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern?
7 Gefallen dem HERRN Tausende von Widdern, ungezählte Bäche von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für mein Vergehen, die Frucht meines Leibes als Sündopfer für mein Leben?

Aufgezählt wird, was durch die Propheten weitgehend zurückgewiesen ist,
Eure Opfer sind mir ein Gräuel! – Jeremia
Das zum Schluss genannte Menschenopfer: – meinen Erstgeborenen… ist doch seit der Erzählung von der versuchten Opferung Isaaks abgelöst.
In diese total verunsicherte Situation hinein, in dieses so hilflos erscheinende Fragen ertönt das Gotteswort, der Wochenspruch:
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
So übersetzt Luther,
im Hebräischen steht aber:
…Recht tun und Güte lieben und in Demut wandeln vor deinem Gott.
Die Stuttgarter Bibel schreibt dazu:
Was Gott als Allererstes fordert, ist (wörtlich): Recht und Gerechtigkeit tun. …
Luther setzte dafür: Gottes Wort halten; dazu trieb ihn die vom Tun des wahren Gotteswillens oft abweichende Werkgerechtigkeit seiner Zeit und das Anliegen, die Christen in der Erkenntnis und im Tun dessen zu verankern, was Gott gesagt und wirklich gefordert hat.

Schauen wir uns die Botschaft der Propheten an, eines Amos ebenso wie des Micha,
so geht es in ihren Worten darum, Gerechtigkeit im Miteinander des Volkes anzumahnen, immer wieder soziale Gerechtigkeit einzufordern.
Und es sind Gottesworte, die die Propheten weitersagen.
Die Aufforderung, Gerechtigkeit zu üben, finden wir, wenn wir auf Gottes Wort hören, wie es uns auch die Propheten übermitteln.
Es bleibt die Frage, ob wir diesen Text heute so hören. Ist uns dieser Zusammenhang heute noch bewusst? Oder sollten wir nicht vielleicht über Luther hinaus – seinem Anliegen folgend – wieder zum Urtext kommen?

Gottes Wort tröstet nicht nur, es ermutigt, ja es ermahnt zum Handeln.
Durch das ganze AT zieht sich das Wort, den Armen, den Witwen, den Waisen und auch
den Fremden Gerechtigkeit und Barmherzigkeit widerfahren zu lassen, denn auch Du warst Fremdling...
Es soll ein und dasselbe Recht unter euch sein für den Fremdling wie für den Einheimischen; ich bin der HERR, euer Gott. (3. Mose 24, 22)

Ist das so bei uns, wenn für Asylsuchende um Mindestunterstützung, um Freizügigkeit sogar für Familienzusammenführung, für die Chance auf Arbeit mühsam gekämpft werden muss?
Gerechtigkeit – darum geht es auch, wenn wir in der Landeskirche und in der Ökumene
um den rechten Weg zum Frieden ringen.
Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden, aber ohne Fairness in der Debatte auch nicht.
Uns Christen muss auch bewusst werden, dass diese Gerechtigkeit ein Geschenk ist,
Gottes Gerechtigkeit.

Aber – das entbindet uns nicht davon, unter uns für möglichst gerechte Verhältnisse einzutreten; hier vor allem für soziale Gerechtigkeit.
Immer wieder halten die Propheten Israel vor:
wie geht ihr mit Witwen, Waisen und Fremdlingen um?
Das waren damals die klassisch Benachteiligten.
Und auch wir – als eines der reichsten Länder – müssen uns fragen lassen, ob es wirklich reicht, was von uns getan wird, z.B. im Blick auf Flüchtlinge an Europas Grenzen…
oder ob wir nicht manchmal über unseren Schatten springen müssten und einfach Liebe üben.

Es gibt einen falschen Begriff von Gerechtigkeit, einen, der aufrechnet statt nach dem Ergehen, den Lebensgrundlagen der Menschen zu fragen.
Der Predigttext des morgigen Sonntags, die Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat, zeigt uns, was passieren kann, wenn Recht dem Buchstaben nach – ohne Liebe – eingefordert wird:
Recht will den Menschen schützen, ihm Räume zum Leben schaffen, das ist auch die Botschaft Jesu: Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen. (Joh. 10, 10)

Recht – Liebe – Demut
Es wird damit auch deutlich, Gottes Gerechtigkeit lässt sich nicht mit menschlicher Gerechtigkeit gleichsetzen; sie ist mehr, anders.
Hier kommt die Güte und Liebe ins Spiel, von der im Micha–Wort die Rede ist:
Nichts anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben (Zürcher)
Gerechtigkeit üben und in Holdschaft lieben (Buber)

Schon im AT begegnet uns immer wieder ein Gott, der gnädig ist, der vergibt, der Neuanfänge ermöglicht (so bei Kain, bei Jakob und Israel…)
Wie oft lesen wir: da gereute es den HERRN! (z.B. auch bei Jona)

Das ist die Inkonsequenz einer Liebe, die um die Beziehung ringt, wirbt.
Das war ja aus den Worten Gottes im Kontext herauszuhören. Und dieses Ringen bestätigt Paulus, wenn er an seine Gemeinde in Korinth schreibt:
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Kor. 5, 20)

Dieser Dreiklang der Weisungen Gottes, die Antwort Gottes auf die Frage, wie wir die Beziehung zu Ihm leben können, klingt so nüchtern, so natürlich, – und erscheint doch so schwer.
Schauen wir uns in unserer Welt um.
Vielleicht liegt es daran, dass wir über den ersten beiden Satzteilen – Recht tun und Güte lieben [Liebe üben] – den dritten Satzteil geflissentlich überlesen:
Demut üben, demütig sein vor deinem Gott, oder auch:
und bescheiden gehen mit deinem Gott! (Buber)
Das geht ja auch einer Gesellschaft, in der Autonomie, Selbstverwirklichung und Individualismus um jeden Preis wichtig ist, mächtig gegen den Strich.
Demut – oder wie Buber übersetzt – Bescheidenheit, das müssen wir – zumindest zum großen Teil – wieder lernen.
In einer Gesellschaft, in der alles machbar scheint, anerkennen, dass unsere Kräfte begrenzt, unser Vollbringen – biblisch gesprochen – Stückwerk ist, anerkennen, dass rücksichtsloses, ja gedankenloses Selbstbewusstsein nicht nur voranbringt, sondern auch viel zerstört – und blind machen kann.

Syrien, Afghanistan, Afrika…
Da erleben wir dann plötzlich Ratlosigkeit, wie – nicht nur wir – machtlos dastehen, wenig bewirken – ratlos sind.
Und doch vergessen viele oft: Einer hat auch hier die Macht, Herzen zu bewegen, zu wirken.
Und viele unterschätzen die Kraft des Gebets, das uns auch immer wieder darauf verweist: selbst wenn es durch unsere Hände geht, es kommt Gott.
Er bewirkt Wollen und Vollbringen.
Die treuen Friedensgebete weniger Menschen in Leipzig über die Jahre zu DDR–Zeiten,
sie hielten durch und waren der Ort, wo die friedliche Veränderung Deutschlands
ihre Orientierung und Kraft bekam.
Viele konnten sich hinzugesellen.
Auch heute sind es oft kleine Gruppen, die regelmäßig beten, sei es für das Haus, für die Stadt und das Land, immer aber nicht nur für sich selbst, sondern für „andere“, weil wir nur dann Kirche Jesu Christi sind, wenn wir nicht nur um uns selbst kreisen, sondern unsere Mitmenschen ins Gebet nehmen.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Gerechtigkeit und Liebe üben – und demütig sein vor deinem Gott;
unsere Welt immer wieder neu Ihm ans Herz zu legen.
Amen.

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