Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 16. November 2013

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Kor. 5, 10)

Römer 8, 18 – 23


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

die Epistel zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres ist der einzige Text im ganzen NT, der die Natur, die gesamte Schöpfung in den Blick nimmt. Es nimmt nicht Wunder, dass die Kirche in den ersten 1 1/2 Jahrtausenden diese Verse kaum zur Kenntnis genommen hat. Oder sie hat sie irgendwie (allegorisch) umgedeutet. Denn die Kirche war – und ist eigentlich noch immer – gewohnt, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
Und nun sagt Paulus hier nicht mehr und nicht weniger: Die gesamte Schöpfung ist mit eingeschlossen in die menschliche Schuld– und Unheilsgeschichte, aber eben auch in die göttliche Heils– und Erlösungsgeschichte! Der Mensch ist nicht nur das Gegenüber zur Schöpfung, eingesetzt als Haushalter, sie zu hegen und zu pflegen und auch zu begrenzen und sie sich nutzbar zu machen. Sondern der Mensch ist auch Teil der Schöpfung, steht mit ihr Gott gegenüber auf derselben Seite!

Immerhin hat bereits Luther im 16. Jh. im Blick auf diesen Paulustext seinen Studenten gesagt: „Ihr werdet die besten Philosophen, die besten Wissenschaftler sein, wenn ihr vom Apostel lernt, die Natur zu betrachten als erwartende, stöhnende, in den Wehen liegende, d.h. als eine, die das, was ist, verabscheut und (die das) begehrt, was zukünftig, (was) noch nicht ist.
Aber nach Luther wurde es dann wiederum still um diese Paulusworte.
Es scheint, dass erst in der Gegenwart das Bewusstsein dafür wach wird, dass der Mensch und die Schöpfung nicht auseinandergerissen werden können und dürfen. Die Kirche beginnt heute allmählich, das Pauluswort als prophetische Warnung zu erkennen und ernst zu nehmen, jetzt, wo die verheerenden Folgen der planmäßigen und umfassenden Ausbeutung der Natur offenkundig werden. Die Kirche und wir alle beginnen zu begreifen, welche tiefgreifenden politischen, kulturellen und ethischen – und eben auch theologischen Probleme heute aufgeworfen werden.
Wir lesen oder hören bisweilen Sätze wie „Die Natur rächt sich“, „Die Natur schlägt zurück“. D.h. die Natur wird zum Subjekt, sie tut etwas. Sie bleibt nicht eine passive Sache, mit der man machen kann, was man will.

Wir spüren erstaunt, wie nahe wir plötzlich dem Römerbrief sind! Da tut auch die Schöpfung etwas, wird zum Subjekt: Sie stöhnt, sie seufzt, sie sehnt sich, sie harrt ängstlich und wartet, ja, sie hofft. Sie tut mit uns dasselbe, was wir tun, wenn wir leiden: Stöhnen, seufzen, ängstlich warten, ja, und immer auch hoffen...
Die gesamte Schöpfung, wir, die Menschen, eingeschlossen, das scheint Paulus sagen zu wollen, ist eine Schicksalsgemeinschaft in dieser Erdenzeit. Eine Schicksalsgemeinschaft aber in doppelter Hinsicht:

– Zum Einen hinsichtlich des Leidens. Darauf weist Paulus hin, und das ist ja auch überdeutlich: Wir schauen einfach nur zurück auf unser eigenes Leben mit seinen Krankheiten, seinen Schicksalsschlägen, seinen Angstzeiten. Wir denken an das unvorstellbare Leid, das Menschen sich in Kriegen, Bürgerkriegen, Terroranschlägen gegenseitig angetan haben und anscheinend immer weiter antun. Aber eben nicht nur sich, sondern auch der Natur! Wir nennen das heute „Kollateralschäden“. Wir denken an Naturkatastrophen, wie gegenwärtig auf den Philippinen. Und wir denken an Tierversuche, von deren Ergebnissen wir wohl alle, so fürchte ich jedenfalls, mehr oder weniger profitieren – und nicht nur die böse Pharma–Industrie, die ja von unserer Nachfrage lebt...
Der Mensch – Teil der Schöpfung, in einer Schicksalsgemeinschaft des Leidens, dessen wir ganz offensichtlich nicht Herr werden.

Welch ein Hoffnungszeichen, dass es auch immer wieder Versuche gibt, das Leiden wenigsten einzudämmen, wenigstens punktuell zu lindern, wenigstens hier und da die Ursachen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Gottlob gibt es diese Hoffnungszeichen auch, und zwar weltweit. Und sie sind wichtig, als Hoffnungszeichen, als Zeichen der Hoffnung, die wir in dieser unserer Welt trotz allem und über allem haben dürfen!

– Das nämlich ist die andere Seite der Schicksalsgemeinschaft Schöpfung Gottes: Mit der ganzen Kreatur sind wir eingebunden in das endgültige und letztlich alles umfassende Heil, das Gott uns verheißen hat und das schon angebrochen ist in Jesus Christus. In dem Menschen Jesus – das ist der Kern unseres christlichen Glaubens – ist Gott, der Schöpfer, eingegangen in die Schöpfung, hat sich unter die unheilvollen Gegebenheiten dieser Welt begeben, hat selber gelitten bis zu einem schrecklichen Tod.
Aber das war dann eben nicht das Letzte! Und deswegen dürfen wir darauf vertrauen, dass auch unser Leiden und auch unser Sterben, das für jeden von uns eines Tages geschehen wird, nicht das Letzte sein wird. Gott hat Jesus aus dem Tod herausgeholt, hat ihn endgültig ins Recht gesetzt. Und ER wird auch uns aus dem Tod herausholen, uns in dem Guten, was wir wollten, ins Recht setzen, auch wenn es noch so unvollkommen geblieben sein sollte. Und mit uns die ganze Schöpfung, die Anteil haben wird an der Erlösung!

Im AT klingt in Bildern dieser Erlösungsgedanke schon an:
Die Erlösung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten ist zum Bild geworden für die Erlösung des ganzen Gottesvolkes, des alt– und des neutestamentlichen!
Der Durchgang durch das Schilfmeer wurde zum Bild für unsere Taufe, die uns mit Christus verbindet und uns aus dem Tod erlöst.
Das in der Wüste aus dem Felsen hervorquellende Wasser nimmt Jesus als Bild, wenn er sagt: „Das Wasser, das ich einem gebe, wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Joh 4,14)
Diese Bilder verbinden uns wiederum mit der Natur und stellen uns mit ihr in eine Erlösungsgemeinschaft und damit in eine Gemeinschaft endzeitlichen Jubels!
Und damit, liebe Schwestern, bin ich beim Tanzen! Denn es gibt einen wunderbaren Psalm, in dem all die erwähnten Bilder vorkommen und in dem die Natur tanzt und hüpft und jubelt in der Freude über ihre Erlösung! Ich lese Ihnen abschließend den 114. Psalm vor in einer neueren Übersetzung , die sehr eng am hebräischen Urtext ist und sich vor dessen Deutlichkeit nicht scheut:

Tanze, du Erde, vor dem Antlitz des Gottes Jakobs!
Als Israel aus Ägypten auszog,
Jakobs Haus aus dem Volk mit fremder Sprache,
da wurde Juda sein Heiligtum,
Israel das Gebiet seiner Herrschaft.
Das Meer sah es und floh erschrocken,
der Jordan wandte sich rückwärts.
Die Berge hüpften wie Widder,
die Hügel wie junge Lämmer.
Was ist dir, o Meer, dass du flüchtest,
dir, Jordan, dass du rückwärts dich wendest?
Ihr Berge, was hüpft ihr wie Widder,
ihr Hügel, wie junge Lämmer?
Vor dem Antlitz des Herren tanze, du Erde,
vor dem Antlitz des Gottes Jakobs,
der den Fels zur Wasserflut wandelt
und Kieselgestein zu quellendem Wasser.
Tanze, du Erde, vor dem Antlitz des Gottes Jakobs!

Das ist der endzeitlich–jubelnde Kontrapunkt zu unserer Sonntagsepistel aus dem Römerbrief!
Amen.

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