Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 18. Januar 2014

Pfarrer Volker Fritz, Waldbronn / Karlsbad


Wochenspruch: Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (Joh. 1, 17)


Liebe Gemeinde,

Wir finden den Wochenspruch in dem großem Hymnus, mit dem Johannes sein Evangelium beginnt. Unser Glaube wurzelt in der Geschichte Israels mit seinem Gott.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.(Joh. 1, 1) Im Wort Gottes ist Er, der Ewige, gegenwärtig:
Denn wenn Er spricht, so geschieht's; wenn Er gebietet, so steht's da. (Ps. 33, 9)
So erlebt Israel seine Geschichte mit Gott, von der Schöpfung über die Wegweisungen, die Gebote Gottes, mit denen Mose dem Volk Israel den Weg wies.
Auch Wolken– und Feuersäule waren Zeichen dieses Wortes Gottes, aufgezeichnet in der Thora, dem Gesetz. Und dieses Gesetz ist mehr als eine Forderung, es ist der wegweisende rote Faden in der Geschichte Israels mit seinem Gott.
Thora – von uns mit Gesetz übersetzt – sind die gesamten Freiheitserfahrungen Israels,
aufgeschrieben in den fünf Büchern Moses. Das ist das Gesetz, von dem hier die Rede ist: "Das Gesetz ist durch Mose gegeben..."

Drei Begriffe: Gesetz – Gnade – Wahrheit.
Diese drei Begriffe bestimmen unseren Text. In der langen Tradition christlicher Auslegung ist oft ein Gegensatz konstruiert worden zwischen dem Gesetz und Jesus Christus. Doch schon wer die Bergpredigt ernst nimmt, wird auf diesem Gegensatz nicht bestehen. Jesus hat sich ganz klar in der Glaubenstradition seines Volkes gesehen.
Er ist und war Jude – bis ans Ende.
Und von daher ist auch der Begriff „Wahrheit“ zu verstehen. Das hebräische Wort eh’meth, verwandt mit aman (Amen), bedeutet zunächst Verlässlichkeit, Treue.
In der Menschwerdung Gottes zeigt Er uns Seine Verlässlichkeit und Treue zu uns. Trotz allem, was immer wieder zwischen Ihm und uns steh – Zweifel, Resignation, mangelndes Zutrauen in Sein Wirken, …
Das Wort „Wahrheit“ kommt in den Evangelien nur bei Johannes vor (in der Lutherübersetzung!)– mit einer einzigen Ausnahme bei Markus, wo es im alltäglichen Sinn verwandt wird.
Was ist Wahrheit – diese Frage steht eindrücklich am Ende des Johannesevangeliums:
Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König?
Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?
Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. (Joh. 18, 37f)
Lesen wir auch hier das Wort „Wahrheit“ im Sinne der Treue und Verlässlichkeit Gottes: In Jesus Christus bezeugt Gott, Er ist für uns da, koste es Ihn, was es wolle. Und ist es auch das eigene Leben. (am Kreuz)
Und wer sich diesem Gott anvertraut, die Treue erwidert, der hört Ihn – und folgt Ihm.
Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Das zu begreifen geht nicht aus der Distanz des philosophisch Betrachtenden.
Pilatus bleibt deshalb außen vor, kann Jesus nicht verstehen.
Das Reden von Wahrheit ist für Johannes in diesem Sinne wichtig, ja unverzichtbar:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. (Joh. 14, 6a) sagt Jesus zu seinen Jüngern, als sie – aufgeschreckt von seiner Leidensankündigung – ihn fragen:
Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? (Joh. 14, 5)
Jesus zeigt so auf: in mir begegnet euch Gott. Geht den Weg, den ich mit euch gegangen bin, den Weg hin zu den Menschen, die alleine sind, die krank sind, die bedürftig sind – in jeder Hinsicht.
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14, 6)

Der Weg zu Gott – das bedeutet, nach Gottes Wegweisungen und Geboten leben,
dem Weg Jesu nachzufolgen. Mit dem Weg knüpft Jesus an den ersten Teil des Wochenspruchs an: … das Gesetz ist durch Mose gegeben ...
Wenn Er sagt: ich bin die Wahrheit, bekräftigt Er die Treue Gottes seinen Jüngern gegenüber, ja allen, die sich an Gott halten.
Eine weitere Sicht auf den Begriff der Wahrheit führt uns schließlich zum Begriff der Gnade. Wahrheit bedeutet ja auch immer, Offenlegen, was nicht erkennbar ist,
oder auch verborgen werden soll.
Im Angesicht Gottes aber kann nichts verborgen werden.
Und dann zeigt sich oft genug, dass wir vom Weg abkommen, so leben, als wüssten wir besser, was für uns gut ist. Vom Weg abkommen heißt auch, sich verlaufen
und in die Irre gehen.
Gott will, dass wir leben, dass wir „zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1.Tim. 2, 4)
Dazu brauchen wir Seine Hilfe, oft Gnade vor Recht.
In Jesus Christus begegnen uns Gnade und Wahrheit Gottes.

Auf der Suche nach Wahrheit
Ein russischer Philosoph war einmal Gast in einem Kloster und hatte bis spät in die Nacht ein Gespräch mit einem der Mönche. Er wollte in seine Zelle zurückkehren und trat auf den Gang. Aber die Türen zu den Zellen waren alle gleich und alle geschlossen. Es gelang ihm in der Dunkelheit nicht, die Tür seiner Zelle zu finden. Auch die Zelle des Mönches, die er verlassen hatte, konnte er wegen der Dunkelheit nicht mehr finden. Auch wollte er während des strengen Stillschweigens in der Nacht niemanden stören. Somit beschloss er, die Nacht damit zu verbringen, den Korridor des Klosters, der plötzlich geheimnisvoll ungastlich geworden war, in Gedanken vertieft langsam auf und ab zu schreiten. Die Nacht war lang und beschwerlich, aber schließlich ging sie vorüber,
und der erste Schimmer der Morgenröte erlaubte es dem Philosophen, die Türe seiner Zelle ohne weiteres zu finden, an welcher er soundso oft vorübergegangen war,
ohne sie zu erkennen.
Und er meinte dazu: Denen, die die Wahrheit suchen, ergeht es oft so. Sie gehen im Laufe ihrer Nachtwachen ganz nahe an ihr vorbei, ohne sie zu finden, bis dann der Strahl der Sonne kommt.

Wir Christen vertrauen darauf, Christus, und in Ihm Gott, erleuchtet uns die Nacht.
Christus, das Licht, macht die Tür weit auf, schon mitten in der Nacht. Das ist Gnade!
Wenn wir die Ohren und Herzen öffnen, wenn wir wachsam sind, dann werden wir die Tür zur Wahrheit sehen.
Wir dürfen darauf vertrauen, Er hilft uns auf, Er kommt auf uns zu:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14, 6)
Amen.

Coypright Diakonissenhauses Bethlehem, Karlsruhe
Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem, Karlsruhe-Nordweststadt
[ Kontakt | Sitemap | Suchen | Impressum | Datenschutz ]
[ Aktualisiert am 16.11.2017 | powered by ConPresso 4 ]