Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 25. Januar 2014

Pfarrer Theo Freyer, Karlsruhe


Wochenspruch: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Luk. 13, 29)

Apostelgeschichte 10, 21 – 35 (+ Kontext)


Predigttext für den 3. Sonntag nach Epiphanien sind Verse aus dem 10. Kapitel der Apostelgeschichte. Für deren Verständnis ist es wichtig, dass wir den Textzusammenhang, die Vorgeschichte, kennen, und die verlief so:

In Caesarea lebte ein römischer Hauptmann namens Kornelius, der sehr gottesfürchtig war und täglich zu Gott betete. Welcher Art sein Glaube war, erfahren wir nicht. Vermutlich setzte er seine Hoffnung auf den Gott Israels. Eines Tages hatte Kornelius eine Erscheinung und sah einen Engel Gottes, der zu ihm sprach: „Kornelius, deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen, und er hat ihrer gedacht. Und nun sende Männer nach Joppe (das heutige Jaffa) und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus.“ Diesem Auftrag kam Kornelius umgehend nach und sandte Boten nach Joppe.

Am nächsten Tag bereitete Gott den Petrus in außergewöhnlicher Weise auf diesen Besuch aus Caesarea vor. Als dieser um die sechste Stunde zum Gebet aufs Dach stieg, bekam er Hungergefühle, die ihn in Verzückung geraten ließen, und er sah ein Tuch vom Himmel herabkommen, in dem sich allerlei vierfüßige und kriechende Tiere und Vögel befanden und er hörte eine Stimme, die sagte: „Steh auf, Petrus, schlachte und iss!“ Dagegen wehrte sich der fromme gesetzestreue Petrus. Er habe noch nie etwas Unreines gegessen. Aber die Stimme sagte: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten!“ Das ereignete sich dreimal hintereinander. Petrus aber war ratlos und wusste nicht, was diese Erscheinung bedeuten sollte.

Zwischenzeitlich waren die Boten des Kornelius in Joppe angekommen und fragten nach Petrus. Dem sagte der Geist: „Geh mit diesen Männern, denn ich habe sie gesandt.“ An dieser Stelle des Geschehens beginnt nun unser heutiger Predigttext:

Lesung Apg. 10, 21 – 35

Nun waren für Petrus die Zusammenhänge plötzlich klar. Die Vision mit dem Tuch und den kriechenden Tieren wurde zu einer für alle Zukunft wichtigen Lektion, die in der Kirche nie in Vergessenheit hätte geraten dürfen. Petrus hatte jedenfalls damals in Joppe begriffen: „Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll.“ Und so machte er sich mit den Gesandten des Kornelius auf den Weg nach Caesarea.

Mit diesem neuen Blick auf die Mitmenschen fühlte er sich nun frei und ermächtigt, das Evangelium von Jesus Christus auch in einem nichtjüdischen Haus zu verkündigen, und er tat seinen Mund auf und sprach: „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“

Und er predigte, was geschehen war, angefangen bei Johannes dem Täufer bis hin zur Kreuzigung und Auferstehung Jesu, und dass der Auferstandene seinen Aposteln geboten habe, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten, und alle, die an ihn glauben, sollen Vergebung der Sünden empfangen.

Davon wird im Anschluss an unseren Predigttext berichtet, – und noch mehr: Dort in Caesarea muss sich damals ein Pfingstwunder von kirchengeschichtlicher Bedeutung ereignet haben; denn es heißt: „Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.“

Unbegreifliches war geschehen. Die Begleiter des Petrus, gläubig gewordene Juden, „entsetzten sich, weil auch auf die Heiden die Gabe des heiligen Geistes ausgegossen wurde.“ Das, so meinten sie bisher, sei Gottes Gabe allein für Juden, die an Jesus Christus glaubten. Als sie nun aber erlebten, wie Heiden zum Glauben an Jesus Christus fanden, sprach Petrus: „Kann jemand denen, die den heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir das Wasser zur Taufe verwehren?“ Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi. Damit war eine heidenchristliche Gemeinde entstanden, – ein Anfang auf dem Weg zur Weltchristenheit.

Was sich damals zwischen Joppe und Caesarea abspielte, kann man in seiner kirchengeschichtlichen Bedeutung gar nicht überschätzen. Wenn das Evangelium von Jesus Christus und die Gabe des heiligen Geistes nur den an Christus glaubenden Juden vorbehalten sein sollte, dann hätte es nur judenchristliche Gemeinden gegeben, die über ein Sektendasein kaum hinausgekommen wären. Der Missionsbefehl Jesu „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker, und taufet sie auf den Namen das Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, wäre auf missionarische Tätigkeiten in der jüdischen Diaspora beschränkt geblieben.

Wäre – hätte – lauter Konjunktive, zu denen es nicht kommen konnte, „denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Und so konnte, nachdem es Petrus und den anderen Aposteln und den ersten judenchristlichen Gemeinden wie Schuppen von den Augen gefallen war, das Evangelium seinen Weg hinaus in alle Welt antreten und schließlich auch uns erreichen!

Dem hätte eigentlich von Anfang an nichts im Weg stehen dürfen. Die Jünger hatten es doch miterlebt, dass Jesus keinerlei Berührungsängste hatte, und dass die von ihm gepredigte und gelebte Liebe Gottes keine Grenzen kannte. Er setzte sich mit Sündern und Zöllnern an den Tisch, eine Frau aus Samarien bat er um Wasser, und einer kanaanäischen Frau, die um Heilung für ihre kranke Tochter bat, half er.

Das neue Leben in seiner Nachfolge hatte er mit dem Doppelgebot der Liebe auf den Punkt gebracht: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen… und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Und da durften keine religiösen Unterschiede eine Rolle spielen. Als einer, der das Gebot eingrenzen wollte, Jesus fragte, wer denn sein Nächster sei, erzählte er ihm das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, und sagte ihm damit: Wer in Not ist und Hilfe braucht ist dein Nächster, der auf dich wartet, – ganz gleich ob Jude, Samaritaner oder Heide. Und entsprechend hatte es Jesus vorgelebt: Wer an seiner Schuld litt und daran zu Grunde zu gehen drohte, dem sprach er Vergebung zu und eröffnete ihm einen Neuanfang. Und diese Gnade sollte nicht auf das Volk Israel beschränkt bleiben; denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch und erst recht der Vater Jesu Christi, den alle, die an Jesus Christus glauben, anrufen dürfen: „Vater unser im Himmel…“

Nun wäre es ein verhängnisvoller Irrtum, wenn wir meinen würden, diese irrtümliche Begrenzung des Evangeliums, wie sie sich die ersten Judenchristen vorstellten, gäbe es heute nicht mehr, oder wenigstens wir wären davon frei. Ein Blick auf zweitausend Jahre Kirchengeschichte zeigt uns, wie viel Streit, Rechthaberei und Spaltungen es unter Christen gegeben hat und noch gibt bis auf diesen Tag, weil bald diese, bald jene glaubten, sie wären allein die rechten Sachwalter des Evangeliums. Blutige Religionskriege wurden geführt, Verdammungsurteile ausgesprochen und Scheiterhaufen errichtet.

Bis heute nehmen Konfessionen, Gemeinschaften und Sekten für sich in Anspruch, die alleinigen, rechtmäßigen Hüter der Wahrheit zu sein, so als könne es eine allein selig machende Kirche oder allein rechtgläubige Glaubensgemeinschaften geben. An so viel Selbstüberschätzung und Hochmut kann Christus keine Freude haben, denn er meinte damals und meint heute alle, die sich rufen lassen, wenn er zu sich einlädt: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Lassen sie mich an dieser Stelle eine Anekdote einschieben. Vielleicht habe ich sie schon einmal erzählt, dann mögen sie die Wiederholung bitte entschuldigen. Sie macht jedenfalls immer wieder von neuem nachdenklich:

„Ein Farbiger wünschte in eine New Yorker Gemeinde aufgenommen zu werden. Der Pfarrer war reserviert. Tja, sagte er, da bin ich nicht sicher, Mr. Jones, ob es unseren Gemeindegliedern recht sein würde. Ich schlage vor, sie gehen erst mal nach Hause und beten darüber und warten ab, was ihnen der Allmächtige dazu zu sagen hat.
Einige Tage später kam Mr. Jones wieder. Er sagte: Herr Pfarrer, ich habe ihren Rat befolgt. Ich sprach mit dem Allmächtigen über die Sache, und er sagte zu mir: Mr. Jones, bedenke, dass es sich um eine sehr exklusive Kirche handelt. Du wirst wahrscheinlich nicht hineinkommen. Ich selbst versuche das schon seit Jahren, aber bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen.“

Wenn Jesus keine Vorbedingungen stellte, wer zu ihm gehören darf und er alle einlädt, dann müssen die Türen unserer Kirchen und Gemeindehäuser und unsere Herzen ganz weit offen stehen. Dann muss es möglich sein – und nun wähle ich das aktuelle Vokabular – dass Konfessionen, Volkskirchen und Freikirchen, Pietisten und Fundamentalisten, Liberale und Ökumeniker, fest im Glauben Stehende und Suchende gleichberechtigt zu Gottes Volk in aller Welt gehören dürfen, und dass evangelische und römisch katholische Christen miteinander Abendmahl feiern können.

Ich möchte zu einer Kirche gehören, in der Platz ist für Thomas mit seinen Glaubensproblemen, für Petrus, dem der Bekennermut abhanden gekommen war, für Maria aus Magdala, die niemand ihrer Vergangenheit wegen schief ansieht, für Zachäus und seine Berufskollegen, die ihre Schuld erkannten, für Mr. Jones, der eine geistliche Heimat suchte, und für alle, die der Gnade bedürfen. Und ich bin froh und dankbar, dass es bei unserem Heiland Jesus Christus diesen offenen Raum der Barmherzigkeit gibt.

Da ist kein Glaubender, der frei ist von Anfechtungen und Schuld, – keiner, den nicht auch Zweifel beschleichen, – keiner, der sich nicht irren könnte, – keiner, der in seiner Schwachheit um sich herum nicht eine Gemeinde bräuchte, die mit ihm betet und für ihn betet: „Gott, sei uns Sündern gnädig! Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben!“

Ein Wort der Schriftstellerin Gudrun Pausewang sagt, wie es unter uns sein soll, sein sollte:

„Zweifelst du? Ich glaub für dich.
Zweifle ich, glaubst du für mich.
Schlaf! Ich wache.
Wach! Ich ruh.
Tröstlich der Schimmer:
Einer von uns, ich oder du,
einer bläst immer in die Glut.
Das zu wissen, tut gut.“

Ja, nicht Abgrenzungen, Spaltungen und Rechthaberei sind die Lebensform der Kinder Gottes, sondern die Liebe, die in den andern die Schwestern und Brüder sieht, die miteinander auf dem Weg sind. Das zu erkennen und so zu leben „tut gut“.
Amen.

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