Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 1. Februar 2014

Pfarrer Wolfgang Scharf, Karlsruhe

Johannes 12, 34 – 36


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Am übernächsten Sonntag endet der Weihnachtsfestkreis. Wir treten dann mit dem Sonntag Septuagesimae – 70 Tage vor Ostern – in die Vorfastenzeit ein. Was in evangelischen Kirchen in aller Regel längst geschehen ist wird nun auch in katholischen Kirchen vollzogen. Die Weihnachtskrippen werden erst jetzt – nach Ablauf des weihnachtlichen Festkreises – abgebaut. Entgegen dem Rhythmus und dem Empfinden unserer Zeit leben wir als Christen von etwas her und nicht – wie wir es gesellschaftlich zutiefst verinnerlicht haben – auf etwas hin. Sie werden sich noch daran erinnern können, dass die Wochenkalender vor langer Zeit als ersten Tag der Woche nicht wie heute üblich den Montag, sondern den Sonntag vermerkten. Hier lebte die Erinnerung daran, dass es etwa bei Matthäus heißt: „Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.“

Ganz selbstverständlich war es, dass der Sonntag der erste Tag der Woche war und es nach unserem Verständnis bis heute ist. Wir leben von dem Geschenk Gottes her, das er uns gegeben hat. Wir müssen uns den Tag der Ruhe, die Auferstehung und das ewige Leben nicht verdienen, sondern erhalten es als eine Gabe von Gott. Und mit dieser Gabe, diesem Geschenk gehen wir in die Woche hinein.

So ganz anders sieht es im Empfinden und Erleben der Gesellschaft aus. Wir leben auf das Wochenende hin, Menschen leben auf ihren Urlaub hin, leben auf bestimmte Festtage hin. Was als etwas Besonders gedacht war – etwa Lebkuchen, Spekulatius und andere Köstlichkeiten – gibt es schon Monate zuvor und ist manchmal kurz vor Weihnachten nicht mehr zu haben.

Bei dieser Haltung ist es nicht verwunderlich, dass sich das meiste vor dem Fest, vor dem Ereignis abspielt und dann wie schlagartig abgeschlossen ist. Auch bei Weihnachten ist dies so. Nach den Festtagen war Weihnachten für die allermeisten Menschen vorbei.

Der heutige Gottesdienst lädt uns dazu ein die gewohnte Blick– und Denkrichtung zu verlassen. Weihnachten, das Kommen des Gotteskindes liegt nicht hinter uns, sondern ist gegenwärtig. Das niedlich anzuschauende Kind in der Krippe hat allerdings auf dem Weg durch die weihnachtliche Zeit an Eindeutigkeit gewonnen. War Jesus am Christfest ein winziges Kind, das unsere Herzen anrührte, so begegnet Jesus uns heute als der Sohn Gottes in der Vollmacht des Vaters, der die Entscheidung unserer Herzen herausfordert.

Wir haben dies im Predigttext aus dem Johannesevangelium gehört.

„Wer ist dieser Menschensohn?“ Das Volk, das Jesus damals zuhörte, legte diese Frage Jesus selbst vor. Von dem Christus, den sie erwarteten, hatten sie andere Vorstellungen. Der Christus, der Gesalbte Gottes, sollte doch in Ewigkeit bleiben. Jesus aber kündigte seine Erhöhung an. Und dabei nimmt er sowohl seine Kreuzigung als auch seine Rückkehr zum himmlischen Vater in den Blick. Eine Kreuzigung, dieser schmachvollste aller Tode, das passte nicht mit dem Christus zusammen, den das Volk im Blick hatte. Ein leidender und sterbender Christus war nicht das, was sie erwarteten.

„Wer ist dieser Menschensohn?“ Auch wir sind gefragt. Denn auch wir haben unsere Vorstellungen, wie Christus sein soll. Geleitet werden wir in unseren Vorstellungen oft davon, dass Gott der ‚liebe Gott‘ sei. Der liebe Gott, der dafür sorgt, dass alles glatt läuft und uns und unseren Kindern nichts geschieht. Doch merken wir sehr schnell in dem was uns im eigenen Leben, der eigenen Familie, in unserem Umfeld geschieht, dass diese Gleichung nicht einfach aufgeht. Denn wir durchleiden es doch, dass Menschen plötzlich und unvermittelt vor der Zeit sterben; der eigene Mann, der Sohn, der Lebenspartner. Und dann kommt sie schon diese Frage: „Wer ist dieser Menschensohn eigentlich?“ Ist Weihnachten nur eine schöne, fromme Tradition; eine Geschichte, die unsere Herzen für einige Stunden oder vielleicht Tage zu erwärmen vermag?

Es ist höchst interessant, wie Jesus auf die Frage des Volkes antwortet. Eigentlich gibt er keine direkte Antwort, jedenfalls nicht im Sinne einer Diskussion, die auf die vorgebrachten Argumente eingeht. Jesus spricht: „Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.“

Es ist eine Einladung, eine Aufforderung, die Jesus ausspricht. Jesus lädt das Volk ein: „Folgt mir nach! Probiert es aus und geht den Weg im Licht.“ Das erinnert daran, dass Jesus von sich selbst gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ In der Nachfolge Jesu, im Erproben des Weges von Jesus, in seiner Begleitung wird das Volk erkennen, wer dieser Menschensohn ist. Es geht nicht um eine rein gedankliche Auseinandersetzung mit Jesus und der Bibel, sondern um praktisches Hören und Tun – und um Gehorsam.

Jesus will nicht, dass wir in unseren Fragen und unseren Gedanken gefangen bleiben und darin um uns selbst kreisen. Viele unter uns wissen, wie rasch dies geschehen kann, dass wir zuweilen kaum an etwas anderes denken können. Jugendliche etwa an Freizeitbeschäftigungen, Musik, den Freund, die Freundin. Erwachsene oft mehr an Sorgen und Nöte und dabei immer wieder an die Frage nach dem ‚Warum?“. Um diese Frage ‚Warum?‘ können wir kreisen ohne zu einem Ende zu kommen.

Auch Veränderungen, die in unser Leben oder auch in unser Werk eingreifen, können uns überaus beschäftigen, ja können uns nicht nur manchmal den Schlaf rauben. Die Unsicherheit, wie sich manches entwickeln, wie es zukünftig sein wird, macht zu schaffen und zieht unendlich viel Energie auf sich. Hautnah werden Sie alle ja im März die Veränderung vor der Haustür erleben, wenn die Cafeteria abgebrochen wird. Und ab heute ist sie ja auch schon stillgelegt. Der Ort an dem Sie manches Fest, manche Versammlung erlebt haben, wird dann nicht mehr sein.

Angesichts solcher Empfindungen, solcher Gedanken ist es gut, wenn wir uns erinnern, ja daran erinnert werden, dass wir eine Ausrichtung für unser Leben haben. Dem Licht nachzufolgen, Jesus nachzufolgen, bedeutet eine Ausrichtung für sein Leben zu erhalten, eine Ausrichtung, die aus dem Kreisen heraus führt. Dem Licht zu folgen bedeutet ein Ziel für sein Leben zu haben, auch wenn der Weg dadurch nicht immer ein einfacher Weg sein muss. Aber der Lebensweg im Lichte Jesu gegangen kann zu einem Weg werden, der in zunehmender Hoffnung und Zuversicht zurückgelegt wird. Auf diesem Weg spüre ich: Ich muss nicht alle Rätsel meines Lebens verstehen und ich muss nicht alle Last und Not meines Lebens allein tragen. Auch sagt mir das Licht des Lebens in Jesus Christus: der Tod hat für mein Leben und das Leben lieber Menschen nicht das letzte Wort. Vielmehr spricht Jesus Christus das letzte Wort über unser Leben. Durch Jesus will Gott uns aus dieser, dem Sterben unterworfenen Welt, retten.

Das Leben ausrichten nach dem Licht. Was uns nicht so leicht angeht, das können wir in der Pflanzenwelt anschaulich lernen. Im Flur unserer Rastatter Wohnung hatte meine Frau eine kleine Osterglockenpflanze aufgestellt. Die Pflanze war hochaufgerichtet. Aber sie stand nicht unmittelbar vor dem Fenster, sondern im Flur neben der Tür. Unsere Tochter machte wenige Tage danach eine Entdeckung. Die Pflanze hatte sich knapp über dem Topfrand um 90 Grad geneigt und zum Türrahmen ausgestreckt. Gewissermaßen ‚auf Zehenspitzen‘ spitzelten die Blüten dann gerade noch um weitere 90 Grad gebogen durch das Wohnzimmer in Richtung Balkontür. Wir stellten nun die zweifach gebogene Pflanze direkt vor die Balkontür. In weniger als zwei Tagen hatte sie sich wieder voll aufgerichtet.

Für mich ist diese Pflanze zu einem eindrücklichen Bild geworden. Die Pflanze weiß, dass sie das Licht braucht und ohne Licht nicht leben kann. So verbiegt sie sich lieber um ins Licht zu kommen, als aufrecht und gerade ohne Licht zu verkümmern und abzusterben. Was die Pflanze ihrer Natur entsprechend tut, ist bei uns Menschen eine Entscheidung unseres Willens. Wollen wir an das Licht glauben, solange es da ist und Jesus, dem Licht des Lebens, nachfolgen? Wollen wir auch in den Dunkelheiten unseres Lebens das Licht suchen und finden – auch wenn dies Mühe bereitet? Wollen wir inmitten aller Ungewissheiten eine Ausrichtung und Orientierung für unser Leben?

Jesus lädt uns dazu ein. Jesus, den wir bereits kennen. Jesus von dessen Kommen in dieser Welt wir her leben. Diese Vergangenheit bestimmt unsere Gegenwart und eröffnet uns eine lichtvolle Zukunft.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn und Heiland.
Amen.

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