Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 29. März 2014

Pfarrer Wolfgang Scharf, Karlsruhe


Wochenspruch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12, 24)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Auf den Schwarzwaldhöfen war es – so hörte ich in meiner ersten Gemeinde – Brauch, dass die Bauern das Korn für ihre Aussaat zweifach über den Winter aufbewahrten.
Eine Aussaat lag im Wirtschaftsgebäude des Hofes. Die andere Aussaat lag auf dem Dach der Hofkapelle. Ob dies bei allen Höfen so war – auch bei denen, die kleine Kapellen hatten – vermag ich nicht zu sagen. Der dahinter liegende Sinn war: brannte das Wirtschaftsgebäude ab, dann war wenigstens noch die Frucht für die Aussaat im nächsten Frühjahr gesichert. So auch im umgekehrten Falle. Die Bauern wussten wie wichtig, ja überlebensnotwendig es war, dass sie diese Aussaat sicher hatten, letztlich um zu überleben.

Auch wenn wir in der Stadt lebende Menschen recht weit weg sind von der Landwirtschaft mit Aussaat und Ernte: Sie wissen mit Sicherheit darum, wie das früher war, wenn die Saat ausgebracht wurde. Oft genug musste sie vom Munde abgespart werden. Denn im Frühjahr waren auf den Höfen die Vorräte meist aufgebraucht und es fiel schwer dieses Korn nicht zum Brotbacken zu verwenden. So war die Freude der Menschen groß, wenn sich mit dem Frühjahr die Natur regte und sich die ersten Blumen und Halme zeigten und auf die kommende Fülle hinwiesen.
Auch wir freuen uns ja auf das Frühjahr, das uns schon warme Tage gebracht hat, die uns gut tun. Und wenn das nächste Frühjahr kommt, dann können auch Sie wohl an die Aussaat gehen, in den Beeten, die entstanden sind wo heute noch die traurigen Reste der einstigen Cafeteria stehen.

Bei unserem Weg durch die Passionszeit kommen wir morgen beim Sonntag Lätare ‚Freuet euch’ an. Wir denken an die Freude, die dem Leiden folgt.
Lätare, das ist eine Atempause auf dem Weg nach Golgatha, ist eine Vorahnung der Auferstehung.
Lätare, das erinnert uns daran: der Weg ist klar, vom Korn zum Brot, vom Tod zum Leben. Das ist mehr als ein Grund zur Freude. Die Freude wird auch das letzte Wort behalten, gerade da, wo wir es am wenigsten erwarten.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Die Menschen, die Jesu Worte hörten – sie werden erschrocken sein ob seiner Worte.
Sicher, sie wussten so gut wie die Schwarzwälder Bauern: wenn das Korn nicht ausgesät wird, dann gibt es keine Ernte, gibt es kein Überleben.
Aber bei Jesus? Die Menschen verstanden schon, dass er dieses Wort auf sich selbst bezog, dass er seinen Weg nach Jerusalem zum Passafest als einen Weg in den Tod verstand.
Waren sie deswegen zu ihm gekommen – jene griechischen Männer, die Philippus baten ihnen Jesus vorzustellen. Waren sie gekommen, um einen Menschen zu sehen, der in den Tod ging? Wohl kaum.
Sehr viel verständlicher ist es, dass sie kamen, weil sie von Jesu Taten gehört hatten, von der Auferweckung des Lazarus. Oder Jesus bei seinem triumphalen – an einen König erinnernden – Einzug in Jerusalem erlebt hatten. Diesen Jesus wollten sie kennenlernen, diesem Jesus nahe sein. Mit diesem Jesus wollten sie unterwegs sein.
Und es gäbe ja wahrlich noch genug zu tun für ihn: Kranke, die der Heilung bedurften; Niedergedrückte, die er aufrichten könnte, Sinn Suchende, denen er zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben werden könnte. Menschen, die der Vergebung bedurften, deren wunde Seele Jesus heilen könnte.
Warum also der Weg nach Jerusalem? Der Weg in den Tod?
Ist dies nicht auch unsere Frage? Warum geht der Weg Jesu in den Tod, hinauf ans Kreuz?

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Es ist für uns offensichtlich schwer zu ertragen, dass manches, ja vieles sich in unserem Leben ändert, ja ändern muss.
In dem Film ‚Wer früher stirbt ist länger tot’ sucht ein Junge nach Antworten auf die Fragen des Lebens, auf die Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod.
Bei ihren Versuchen dies dem Jungen zu erklären, zeigt ihm einer der Erwachsenen den Stammtisch des Wirtshauses, den der Junge als Sohn des Wirtes natürlich gut kennt. Schau, wenn der Alois und der Sepp, der Fritz und der alte Maier alle noch da wären, dann gäbe es ja gar keinen Platz mehr am Stammtisch.
Ob diese Erklärung dem Jungen hilfreich ist mag dahin gestellt bleiben. Zutreffend ist aber gewiss, dass Bestehendes und damit oft auch Vertrautes sich ändern und sterben muss, damit Neues entstehen kann.
Auch wenn wir uns wünschen, dass alles so bleibe wie es ist: wir wissen in unseren Herzen – und sei es noch so schwer zu tragen – dass dies niemals der Fall ist.
Das Leben ist ein ständiges Wachsen und Verändern, ist Herausforderung und Unsicherheit, ist Abschied und Aufbruch.
Eltern, die ein neugeborenes Kind in den Armen wiegen, nehmen diese Veränderung gern an. Wer aber einen lieben Menschen verloren hat, hängt manchmal lange´in der Trauer fest und findet nicht zurück ins Leben.
Zum Glück gibt es immer wieder Menschen, die uns behutsam die Augen öffnen und uns helfen, die schmale Tür zu finden, hinter der das Leben verändert weitergeht.
Zum Glück nehmen uns andere Menschen manchmal die Angst davor, diesen Weg zu wagen.

Denn es ist so:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Was wäre geschehen, wenn Jesus seinen Weg nicht nach Jerusalem, nicht den Weg ans Kreuz gegangen wäre?
Jesus wäre ein längst vergessener Wanderprediger geblieben. Von denen gab es damals viele.
Aber Jesus ging den unbequemen Weg.
Er ging durch die schmale Tür vom Tod zum Leben und wurde so selbst zur Tür des Lebens.
Er scheute es nicht, sich den dunklen und finsteren Machenschaften der Menschen auszuliefern und wurde so zum Licht der Welt.
Scheinbar geriet er in die Sackgasse. Keine Auswege mehr. So aber wurde er zum Weg und zur Wahrheit und zum Lebens. Daran erinnert uns sein Wort:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Jesu Frucht ist das Fest, das wir an Ostern feiern. Grund sich heute schon zu freuen – in allem Leide.

Ein letzter Gedanke – eine Begebenheit aus meiner ersten Gemeinde.
In jener Hofkapelle, der Bärenhofkapelle in Titisee, turnte einstmals eine Maus am Glockenseil hinauf, verfolgt vom gesammelten Interesse der Gottesdienstteilnehmer.
War sie auf der Suche nach Körnern jener Saat, die vielleicht noch in Bodenritzen unter dem Dach verborgen waren?
Ich möchte es glauben und mir die Maus zum Ansporn werden lassen: dass auch ich mich auf die Suche nach dem Korn mache, dessen Frucht mir Leben verheißt, ein Leben das mehr ist als nur Überleben. Leben aus der Gnade Gottes heraus.
Amen.

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