Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 3. Mai 2014

Pfarrer Theo Freyer, Karlsruhe


Wochenspruch: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Joh. 10, 11.27.28)

Johannes 10, 11 – 16

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“


Wie unfassbar Gott letztendlich für uns Menschen ist, wird an den vielen Titeln und Begriffen deutlich, mit denen Israel und die Christen bis heute von Gott sprechen, ihre Gotteserfahrungen zum Ausdruck bringen und zu ihm beten. Jeder Titel, jede Anrede sagt nur unzureichend etwas aus von der Herrlichkeit und Allmacht unseres Gottes. Wenn wir von Gott und mit Gott reden wollen, lassen wir uns am besten von Jesus leiten. Er hat uns erlaubt, „Vater unser im Himmel“ zu sagen. In diesem Wort „Vater“ ist die Liebe, Fürsorge und Barmherzigkeit Gottes enthalten, und ich denke es verhält sich ähnlich mit dem Wort „Hirte“.

So kommt es wohl nicht von ungefähr, dass der Psalm 23, das Loblied vom guten Hirten, vor allem für die Christenheit zum bekanntesten und beliebtesten Psalm geworden ist. Mit diesen Worten danken Millionen für ein behütetes und gesegnetes Leben auf „grüner Aue“, und ebenso bringen Millionen aus „finsteren Tälern“ alle Angst und Not ihres Lebens vor Gott.

Hinter dem Psalm vom guten Hirten stehen die Glaubenserfahrungen Israels und der Christenheit aus Jahrhunderten und Jahrtausenden. Da war die Erfahrung, wie Gott sein Volk auf dem Weg in das Land der Verheißung begleitete, am Tag in einer Wolke und bei Nacht in einer Feuersäule, – wie er den Verdurstenden in der Wüste Wasser aus dem Felsen gab und ihren Hunger mit Manna stillte. Da erfuhr Israel in seiner Geschichte Gottes Gegenwart in Gericht und Gnade bis hinein in die Feueröfen von Auschwitz und Birkenau, und ebenso erlebte die Christenheit in den Epochen ihrer Geschichte bis auf diesen Tag, dass die Zusage ihres Herrn gilt: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich bin ei euch alle Tage!“

„Der Herr ist mein Hirte!“ – so beten Juden und Christen in den wechselnden Zeiten ihres persönlichen Lebens, in den Sternstunden eines fröhlichen, getrosten Glaubens ebenso wie in den dunklen Tagen der Anfechtungen und Ängste, – auf der Höhe des Lebens, und wenn der Tod an die Türe klopft.

Morgen also feiern wir im Verlauf des Kirchenjahres den „Sonntag des guten Hirten“, und wir haben einen Text gelesen, in dem Jesus das Bild des guten Hirten auf sich bezieht. „Ich bin der gute Hirte“, sagt er seiner Gemeinde, die an  Karfreitag seines Leidens gedachte, und die in den Osterjubel einstimmte: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Wie leben wir weiter nach Karfreitag und Ostern? Wie ist das, wenn wir mit dem guten Hirten Jesus Christus in unseren Tagen unterwegs sind?

Das Bild des Hirten, der mit seiner Schafherde unterwegs ist und sie von Weideplatz zu Weideplatz führt, ist vielen vor allem in der Stadt lebenden Menschen nicht mehr vertraut. Vielleicht sprechen wir daher von der Gemeinde, die ihrem Herrn folgt, besser von einer Weggemeinschaft, und mit diesem Begriff wird schon deutlich, dass wir zusammen gehören, dass wir Verantwortung füreinander tragen und Aufgaben haben.

Das Leben in dieser Weggemeinschaft des guten Hirten ist ein behütetes und zugleich ein bedrohtes Leben. Wie eine Schafherde die Lockrufe ihres Hirten hört, so hört die Gemeinde die Stimme ihres Herrn, und solange sie dieser Stimme folgt, ist sie auf gutem und sicherem Weg. „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen! – und deinen Nächsten wie dich selbst!“ So lautet die Devise für die Weggemeinschaft, und wo Christen so leben, ist keiner allein und keiner verloren.

Aber nun ist in unserem Text auch von Mietlingen und Wölfen die Rede, die für die Gemeinde zur tödlichen Gefahr werden. Doch was sind das für Leute, die Mietlinge? Vielleicht denken wir gar nicht daran, aber es ist Tatsache: wir selbst können zu Mietlingen werden. Der Mietling, der wie ein Tagelöhner nur an seinen Verdienst denkt, nicht aber am Wohlergehen der Schafe interessiert ist, entspricht innerhalb der Weggemeinschaft jenem, der die Schwester und den Bruder aus den Augen verliert, weil ihm die eigenen Interessen wichtiger geworden sind als alles andere. Nun versucht er zwei Herren zu dienen und entscheidet für sich selbst, was gut und böse ist.

Und da kommen nun die Wölfe ins Spiel, die die Herde bedrohen und auseinander treiben. Vielleicht ist es hilfreich an den Wolf im Märchen zu denken, der Kreide frisst, damit seine Stimme vertrauensvoller klingen soll. Denn die Wölfe von heute wollen uns zu einem so genannten modernen Lebensstil verleiten, der sich nicht oder nur wahlweise an der Stimme des guten Hirten orientiert. Da werden die Anweisungen Gottes für ein gelingendes Leben in Frage gestellt. Da gelten die Gebote Gottes, die segensreiche Lebenshilfen sein wollen, als revisionsbedürftig.

Ich habe meine Konfirmanden manchmal gefragt, ob sie die Zehn Gebote für noch zeitgemäß halten, und welche Gebote sie für überholt ansehen? Da blieb meist nicht mehr viel übrig. Der Sonntag kam unter die Räder. Vater und Mutter ehren hing von der jeweiligen Familiensituation ab. Notlügen waren selbstverständlich erlaubt, und Ehebruch an der Tagesordnung. Die Gebote Gottes eine Zwangsjacke, in die ein paar Fromme noch hinein schlupfen mögen; aber kein Lebensentwurf für den modernen Menschen von heute.

Von dieser Lebenseinstellung der Mietlinge sind wir umgeben. So wird gesprochen und gelebt, und wir sind gefragt, ob wir mit den Wölfen unserer Tage heulen oder mutig und unmissverständlich dafür eintreten, dass die Stimme des guten Hirten hier und heute noch gehört wird? Wo sie nicht mehr gehört wird, ist Gefahr im Verzug.

Kürzlich berichteten die BNN unter der Überschrift „Zug rast in Schafherde“ von einem Zwischenfall auf der Bahnstrecke zwischen Aalen und Stuttgart. Eine ausgebüxte Schafherde war auf die Gleise geraten, wo ein Zug in sie hineinraste und Mutterschafe und Lämmer erfasste. Ein modernes Gleichnis für die Irrtümer der Mietlinge und ihre Folgen, – für das Unheil, das dort lauert, wo man sich der Rufweite Jesu entzieht.

Gott sei Dank geschieht aber immer wieder auch dies, dass Mietlinge, die in die Irre gelaufen sind, erkennen: Ich habe mich verführen lassen. Ich bin schuldig geworden. Ich kann und darf so nicht weiter leben. Und dann ist es unsere Rettung, dass der gute Hirte unseren Irrtümern nicht gleichgültig zusieht, sondern die Chance der Umkehr gewährt: „Ich lasse mein Leben für die Schafe.“ „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater.“ Die mir von meinem Vater anvertraute Herde soll nicht verloren gehen. Darum: Was verloren zu gehen droht, will ich erretten.

Uns zum Heil gibt es in dieser Welt nicht nur die Mietlinge und Wölfe, die Unruhe in die Weggemeinschaft bringen, die mit Jesus durchs Leben geht, sondern vor allem den guten Hirten, der das verlorene Schaf sucht, um es wieder zur Herde zurück zu bringen.

Irgendwann kam mir das Bild einer eigenartigen Weihnachtspyramide in die Hände. Im unteren Bereich befinden sich Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm und Josef. In der zweiten Etage darüber sind die Hirten, von denen einer ein schwarzes Schaf auf den Armen trägt, und dieser Hirte steht direkt über Maria mit dem Kind. Damit wollte der Künstler, der diese Pyramide geschaffen hat, sagen: Das Kind in der Krippe wird einmal der sein, der die ausgebüxten Schafe nicht verloren gibt, sondern jedem einzelnen schwarzen Schaf nach geht, es sucht und lockt, ob es nicht umkehren und ihm folgen will.

Wir dürfen uns zum Heil und Segen das Gleichnis vom verlorenen Schaf und Jesu Rede vom guten Hirten zusammen lesen:
Jesus sprach: „Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut.“  „Ich bin der gute Hirte und lasse mein  Leben für die Schafe!“

Darum singt die so behütete Weggemeinschaft, die Karfreitag und Ostern gefeiert hat: „Tausend, tausendmal sei dir, liebster Jesu Dank dafür!“
Amen.

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