Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 168. Jahresfest am 8. Oktober 2005

Oberkirchenrat Dr. Michael Trensky, Karlsruhe

1. Samuel 2, 8 und Matthäus 7, 24 – 25


Liebe Schwester Elisabeth, liebe Schwester Wera, liebe Gemeinde,

viele von uns werden den heutigen Festtag mit Losung und Lehrtext aus dem Herrnhuter Losungsbuch begonnen haben: „Der Welt Grundfesten sind des Herrn, und er hat die Erde darauf gesetzt.“ steht dort aus 1.Sam 2. Und am Schluss der Bergpredigt Jesu, das ist der Lehrtext, heißt es: „Jesus spricht: Wer meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“

Gute Worte der Heiligen Schrift sind das für den heutigen Tag, für das 168. Jahresfest dieses Werkes. Eine lange Geschichte hat es unter Gottes gütigem Geleit, eine Segensgeschichte ist es, auf die wir zurückblicken dürfen. Eine Segensgeschichte, die in den letzten 22 Jahren verbunden ist mit Ihrem Namen als Oberin, liebe Schwester Elisabeth. Ich weiß, Sie mögen es nicht, wenn man von Ihnen als Person redet, schon gar nicht von Verdiensten, aber ein bisschen muss es doch sein. Freilich immer auf dem Hintergrund dessen, was Losung und Lehrtext uns als Cantus firmus für den heutigen Tag angeben: Gott ist es, der der Welt Grundfesten gründet und der die Welt in ihren Grundfesten zusammenhält – „He´s got the whole world in his hand“, sangen die Negersklaven auf den Baumwollfeldern der USA – sich zum Trost und der grausamen Welt zum Bekenntnis. Gott hat die Erde auf die Grundfesten gesetzt, fast spielerisch klingt das und ist doch das feste Fundament unseres Glaubens.

Wenn wir auf die Geschichte dieses Werkes, des Diakonissenhauses Bethlehem, blicken, dann war es das Vertrauen in den von Gott gefestigten Grund, der es getragen hat, denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, Jesus Christus. In seiner Nachfolge, im Vertrauen auf Gottes Geleit in Jesus Christus haben die Schwestern ihren Dienst verrichtet auf dem Weg durch die Zeiten. Und da ging es manchmal ja wirklich zu wie bei dem Mann, der sein Haus auf den Fels baute: Platzregen fiel, die Wasser kamen, Winde, Stürme wehten und stießen an das Haus, an die verschiedenen Häuser, in denen die Schwestern lebten.
In den letzten 22 Jahren, liebe Schwester Elisabeth, haben Sie der Schwesternschaft als Oberin gedient und manchen Platzregen und manche Stürme bestanden. Eine gute Strecke Wegs sind wir im Verwaltungsrat zusammen gegangen, haben mit den weiteren Mitgliedern Verantwortung geteilt: Da ist die unendliche Geschichte mit Gernsbach-Scheuern, die mehr als eine schlaflose Nacht verursacht hat. Da ist die Übergabe der Fachschule für Sozialpädagogik an die neue Träger GmbH. Da ist die Umgestaltung des Mutterhauses, die Pflege der alten Schwestern, die Sicherung ihres Lebensabends, das Haushalten mit den Kräften, die Bestimmung dessen, was leistbar ist, wenn die Kräfte schwinden.
Die Wasser kamen, die Winde, die Stürme bliesen und rüttelten am Haus.
Da ist es notwendig, sich des festen Grundes zu vergewissern, von dem unser Herr spricht: Das Haus ist auf Fels gegründet, Gott hält die Welt in seinen Händen, unsere Zeit steht in seinen Händen.
In der Gemeinschaft der Schwestern, in den Gottesdiensten, im Gebet und im Bewusstsein, dass viele Menschen Sie in ihre Fürbitte einschließen, haben Sie sich immer wieder, wenn Stürme bliesen und Wasser kamen, des festen Grundes vergewissert und Gottes gütiges Geleit erfahren. So ist die Geschichte dieses Werkes bis heute Segensgeschichte gewesen und geblieben. Denn Sie und Ihre Mitschwestern sind der Weisung Jesu gefolgt, haben seine Rede gehört und danach getan, zum Segen der Kinder, zum Segen derer, die mit Ihnen, den Schwestern verbunden sind im Tun und im Gebet. Und das sind, wie wir heute wieder erleben dürfen, sehr, sehr viele.
Staunen kann man nur immer wieder, staunen und dankbar sein für Menschen, die, getragen und bewegt von ihrem Glauben, viel gewagt haben, um den Glauben und die Liebe zusammenzuhalten, die Liebe vor allem zu den Kindern, die der Zuwendung und Pflege bedürftig sind und denen die Frohe Botschaft von Jesus Christus auf keinen Fall vorenthalten werden soll.
Nach 22 Jahren als Oberin geben sie nun die Verantwortung weiter an Schwester Wera Ledebuhr. Abschied aus der Leitungsverantwortung.

Wir haben zuallererst Grund zur Dankbarkeit, Grund, diesen Tag mit Freude und mit Hoffnung für den Weg in die Zukunft zu begehen. Der Grund der Hoffnung ist allein die Zusage unseres Herrn; der Grund, da ich mich gründe, ist mein Herr Jesu Christ! Halten wir uns an seine Verheißung, so wird sie uns tragen in Zeit und Ewigkeit, jede und jeden von uns und uns alle miteinander.

Freilich, das Abschiednehmen gehört zu unserem Leben. Sie, liebe Schwester Elisabeth, nehmen Abschied vom Amt der Oberin, ich nehme an, die Erleichterung überwiegt bei weitem alle anderen Gefühle, die damit verbunden sein mögen – aber eine gewisse Ambivalenz mag doch im Spiele sein. Abschiednehmen gehört zu unserem Leben. Sie, liebe Schwester Wera, haben sich entschlossen Abschied zu nehmen von Niesky, von den Schwestern dort, und dem Ruf in die neue Verantwortung zu folgen, hier nach Bethlehem zu kommen.
Abschied und Aufbruch. Auch darüber kann man in der Bibel einiges erfahren. Auch im Glauben gibt es das Abschiednehmen. Vom Kinderglauben z.B. Unsere Schwestern haben solches Abschiednehmen begleitet. Nicht immer gelingt es. Immer wieder kommt es zu einem Abschied von Erwartungen, wenn wir erfahren, dass Gott, wie Bonhoeffer sagt, nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt.
Prälat Gerd Schmoll hat es in seiner Predigt im benachbarten und geschwisterlich verbundenen Diakonissenhaus Rüppurr so klassisch und eindringlich gesagt, dass ich ihn heute zitieren möchte: „Abschied nehmen gehört zum Leben und zum Glauben. Oft ist der Abschied mit Schmerzen und mit Ratlosigkeit verbunden. Jesus sagte seinen Jüngern und sagt uns, was hilft, die Abschiedssituation zu bestehen, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen und den uns bestimmten Weg zu gehen. Das Entscheidende ist: Wir sind keinen Augenblick verlassen! Alle Tage und für immer soll der Tröster bei uns sein! Der Tröster, so hat Luther wunderschön übersetzt. Beistand, Anwalt Fürsprecher ist die genaue Übersetzung (des griechischen Parakletos). Ein Beistand… ein Anwalt, der für uns eintritt, wenn uns Zweifel bedrängen, Versäumnisse plagen, wenn unser Mangel an Liebe die Gewissheit nimmt, dass wir geliebt werden; ein Fürsprecher, der auch dann noch für uns spricht, wenn unser Reden mit Gott zu verstummen droht, weil unser Vertrauen kraftlos wurde. Ein Helfer also zum Leben… Ein Helfer zu einem Leben, in dem sich Gottes Liebe immer wieder stärker erweist als das Bedrängende, in dem darum das Vertrauen nicht verloren geht und dabei bleiben kann, dass wir geliebt und keinen Augenblick verlassen sind.“ So hat es Prälat Schmoll gesagt.

Jetzt haben wir viel von Abschied geredet und gehört. Abschied kommt vor im Leben eines Christen, einer Christin. Und doch, wenn wir genau hinschauen in der Bibel, uns die Abschiede vor Augen führen, dann ist es doch anders. Abraham nimmt Abschied, bricht auf, sucht einen neuen Weg und er weiß bei aller Ungewissheit der Zukunft doch um die Verheißung Gottes, der mit ihm auf dem Weg ist. Die Jünger nehmen Abschied, sind kleinmütig und verzagt. Z.B. die beiden auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Aber sie erfahren Jesu Gegenwart in der Gemeinschaft mit ihm beim Brotbrechen und sie gehen gestärkt und voll neuer Hoffnung zurück nach Jerusalem. Von Jesu Tod und Auferstehung fällt Licht und Glanz auf ihren Weg: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete auf dem Wege?“

Der Maler Karl Schmidt-Rotluff hat das in seinem berühmten Holzschnitt über diese Szene so eindrucksvoll und erleuchtend dargestellt: der segnende Christus mit den beiden Jüngern auf dem Weg und von hinten, von Jerusalem, vom Kreuz Jesu Christi fallen die Lichtstrahlen auf den Weg, den die beiden mit Jesus gehen. Ich bin das Licht der Welt. So verdeutlicht es uns der Maler, so singen wir es immer wieder aus unserem Gesangbuch: „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dirs nicht, dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.“

Mit dieser Verheißung Gottes, in dieser Gemeinschaft mit Jesus Christus sind wir auf dem Weg in die Zukunft, die wir aus seinen Händen entgegennehmen. Abschied ja, aber als Aufbruch in die Zukunft, die Gott in Christus für uns bereithält. So kommt Gottes Leben schaffender Geist zu Entfaltung und zur Wirkung. So wird aus dem Halt im Vertrauen auf Jesus eine Haltung und ein lebensförderndes Verhalten. So ist von diesem Werk viel Segen ausgegangen und so soll es, darauf vertrauen wir, in Zukunft auch sein.

Dass solches Vertrauen seinen festen Grund hat, das sagen uns noch einmal Losung und Lehrtext für den heutigen Tag, der ein Festtag ist hier in Bethlehem. „Der Welt Grundfesten sind des Herrn, und er hat die Erde darauf gesetzt.“ Das ist ein gewaltiges Wort des Vertrauens, das Hanna, die Mutter des Propheten Samuel in ihrem Dankpsalm spricht. Sie hat es erfahren, dass Gott zu seinen Verheißungen steht, dass er den Durstigen aus dem Staub hebt und den Armen aus der Asche, dass er behütet die Füße seiner Heiligen. So sagt es Hanna in ihrem Dankgebet gegen Gott, weil sie es so erfahren hat von Gott, der die Grundfesten der Welt hält und die Erde darauf gesetzt hat.

Wenn wir heute Schwester Wera Ledebuhr in ihr Amt als Oberin einführen, dann dürfen wir dessen gewiss sein, dass der Herr der Welt, der Herr der Kirche zu seinen Verheißungen steht und Zukunft und Hoffnung schenkt. Dann dürfen wir darauf vertrauen, dass dieses Haus auf felsigem Grunde steht, dass ihm Wind und Wasser nichts anhaben können. Das ist, liebe Schwester Wera, eine gute Wegzehrung, wenn Sie nun die Verantwortung von Schwester Elisabeth übernehmen. Und es ist gut zu wissen, dass Sie nicht allein auf dem Weg sind. Schwester Elisabeth ist weiter mit Ihnen auf dem Weg, die Schwestern sind es, der Vorsteher, Pfarrer Koch, wir im Verwaltungsrat sind es.

Christinnen und Christen sind ja nicht allein, sie sind als Teil des wandernden Gottesvolkes unterwegs, sind hineingenommen in die Fürbitte und das immerwährende Gebet. Das begleitet auch Sie und nimmt Sie hinein in die Gemeinschaft der Zeugen Jesu Christi, der Licht und Leben, Weg und Wahrheit, Tröster und Erhalter ist. Und der ist bei uns alle Tage, bis an der Welt Ende.
Amen.

Coypright Diakonissenhauses Bethlehem, Karlsruhe
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