Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 9. Mai 2015

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. (Ps. 66, 20)

Johannes 16, 23b – 28 + 33


Liebe Schwestern, liebe Gemeinde,

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet – so betet im Psalm ein Mensch, der offensichtlich in großen Nöten war, der Gott mit Bitten und Flehen bestürmt hat und der dann Gottes Nähe erfahren hat. Ob sein Gebet in dem Sinne „erhört“ worden ist, dass alle Nöte aufgehoben wurden, das steht nicht da. Dass Gott unser Gebet nicht „verwirft“, muss ja nicht die Erfüllung unserer Wünsche bedeuten.
Und obwohl wir das wissen, ist es nicht ganz einfach für uns, uns die Sicherheit des Psalmisten zu eigen zu machen:
Darf ich z.B. von Herzen danken, dass ich die Stelle bekommen habe? Was ist mit den Mitbewerbern, die das Nachsehen hatten? Darf ich von Herzen danken, dass ich wieder gesund geworden bin – im Wissen um die Mitpatientin im Wartezimmer, die inzwischen ihrer Krankheit erlegen ist?
Und worum genau sollen wir denn bitten in unseren Sorgen? Wissen denn wir, was wirklich gut ist für mich, für den anderen? Soll ich verzweifelt um Heilung bitten, wo ich doch sehr genau weiß, dass die Krankheit unheilbar ist? Ist ein womöglich sehr eingeschränktes Leben für den Kranken und seine Familie wirklich wünschenswert? Oder soll ich um Vertrauen und inneren Frieden oder um ein Wunder beten? Wage ich das zu unterscheiden?
Wage ich betend, Gott Vorschriften zu machen, ihn mit meiner Wunschliste zu bedrängen, wenn ich gar nicht weiß, ob die Erfüllung meiner Wünsche gut ist? Habe ich nicht tatsächlich in meinem Leben schon bisweilen die Erfahrung gemacht, dass Dinge ganz anders liefen, als ich es mir gewünscht hatte – und später, von hinten gesehen, bin ich einen guten Weg geführt worden!

Dass ich nicht missverstanden werde: Wir dürfen drängend beten, von Herzen! Auch Jesus hat das getan. Und doch hat er im Letzten seinen Willen in den Willen des Vaters eingebettet, z.B. in seinem ergreifenden, mich immer wieder tief bewegenden Gebet im Garten Gethsemane: „Ist’s möglich, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“ Wir wissen, dass der Kelch nicht an ihm vorüberging – und dass Jesus genau darin, im Leiden, seine Sendung erfüllte, dem Sinn seines Lebens entsprach! Und dass ein Engel, die göttliche Kraft, zu ihm kam und ihn darin stärkte, dem Sinn seines Lebens zu entsprechen!
Nein, Gott hat sein Gebet nicht verworfen, und er hat seine Güte nicht von ihm gewendet!

Liebe Gemeinde, heißt Beten überhaupt in erster Linie Reden?
Könnte es sein, dass wir in unserer Unsicherheit in Sachen Beten vielleicht dazu kommen, nachdenklich zu schweigen? Nicht weil wir resignieren, sondern im Gegenteil: Weil wir offen werden möchten für die Möglichkeit, dass Gott etwas für uns hat, das er uns schenken möchte? Etwas, was wir uns noch gar nicht ausdenken können?
Ich erinnere mich noch an meine weihnachtlichen Wunschzettel... Und ich weiß, dass es mehr als einmal passiert ist, dass meine Wünsche keineswegs alle erfüllt wurden, aber dass meine Eltern mich mit etwas überrascht haben, woran ich selber gar nicht gedacht hatte oder was ich mir gar getraut hätte, mir zu wünschen, und woran ich dann die größte Freude hatte!
Das ist jetzt sehr schlicht, menschlich, kindlich – aber vielleicht gerade deswegen sehr nahe dran an unserem Verhältnis zu Gott! Jesu Beten zu seinem himmlischen Vater, in das er uns mit hineinnehmen möchte, war geprägt von eben diesem kindlichen unbedingten Vertrauen, von dieser rückhaltlosen Nähe.
Es wird in den Evangelien öfter erzählt, dass Jesus sich zurückzieht von den Menschen, auf einen „Berg“ oder in die „Wüste“ geht – beides Bilder für die ungeteilte Gottesnähe! – um zu beten, um neue Kraft zu tanken, um zur Ruhe zu kommen, um sich der göttlichen, väterlichen, mütterlichen Nähe zu vergewissern. Aus dieser Stille heraus konnte er sich dann wieder den Menschen zuwenden, den Kranken, den Mühseligen und Beladenen, die sich zu ihm drängten, und ihnen seine ungeteilte Liebe schenken.

Es gibt einen sehr schönen Text von Sören Kierkegaard, der in diese Richtung weist:

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.
So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt, still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.

„Beten heißt, sich lieben lassen“ – das Wort hörte ich einmal im Rahmen von Exerzitien. Manchmal bedarf es nicht der vielen Worte. Manchmal ist es genug, sich zu öffnen, jemanden in mein Herz schauen zu lassen und die Liebe des anderen in mein Herz hineinströmen zu lassen. Dann mag auch, sozusagen in einem zweiten Schritt, manches aus mir herausströmen, vielleicht auch Tränen, vielleicht ein glückliches Lachen, vielleicht all meine heißen Wünsche und Sehnsüchte im Blick auf mich und auf andere.

Nein, beten heißt nicht unbedingt reden. Es heißt auch nicht, sich hinsetzen und gleichsam passiv schweigen. Sondern es heißt: Sich zu Gott hin öffnen; seine Liebe in mich einströmen lassen; hören auf seine leise Stimme in meinem Herzen. Das ist intensive Aktivität, bereit Sein! Und das setzt voraus, dass ich solche Stille zulasse und aushalte, dass ich wie Jesus erst einmal den Berg erklimme, mich in die Wüste begebe, die Einsamkeit aushalte. Auch menschliche Liebe braucht die „einsame Zweisamkeit“ – aber dann kann ich mich beglückend, stärkend, ermutigend lieben lassen!
Und dann kann ich doch wohl mit dem Psalmisten einstimmen in das Lob und die Erfahrung: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet!
Amen.

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