Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 24. Januar 2015

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir (Jes. 60, 2)

Apostelgeschichte 9, 1 – 19a


Liebe Schwestern und Brüder,
um es gleich vorweg zu sagen: So wie bei Paulus muss nicht Bekehrung verlaufen! So, dass Jesus persönlich direkt vom Himmel eingreift, und zwar so unwiderstehlich, dass dann einfach auch alles ganz klar ist, man sich taufen lässt und flugs anfängt zu predigen (vgl. V.20!). Nein, dies ist keine modellartige Bekehrungsgeschichte. Es geht weder in erster Linie um die betroffene Person, hier noch „Saulus“ genannt, noch geht es um die Psychologie einer Bekehrung.
Es geht um mehr. Das erhellt auch daraus, dass Lukas, der Verfasser der Apg., diese Begebenheit nicht nur einmal und sehr ausführlich erzählt, sondern dreimal: In den Kapiteln 22 und 26 hören wir sie noch weitere zweimal; dort legt Lukas die Geschichte dem Paulus in den Mund, genauso ausführlich und im Einzelnen ein wenig anders – auf Einzelheiten scheint es also nicht anzukommen. Übrigens erzählt auch Paulus selbst davon, nämlich im Galaterbrief!

Was ist dem Erzähler, Lukas, so wichtig an dieser Geschichte, an diesem Geschehen?
Auf drei Einzelheiten möchte ich hinweisen:

Zunächst: Auffallend ist die Frage des erhöhten Christus: „Saul, was verfolgst du mich?“ Nicht „meine Gemeinde“, die armen Schlucker, die meinetwegen soviel Scherereien haben, sondern „mich“, Jesus, den gekreuzigten Auferstandenen. Allein diese Frage – und dann noch zusammen mit dem blendenden Gotteslicht, wie es die Jünger auf dem Berg der Verklärung, die Hirten auf dem Felde erlebt hatten – allein diese Frage musste Paulus umwerfen: Er hatte geglaubt, mit der Liquidierung der Anhänger des neuen Glaubens diesen Glauben selbst beseitigen zu können. Ihm geht das blendende Licht auf: Nicht an Menschen hatte er sich vergriffen, sondern an Gott selber. Die Gemeinde Jesu reicht sozusagen in den Himmel, denn Jesus identifiziert sich mit seiner Gemeinde.

Dieses In-den-Himmel-Reichen der Gemeinde, der Kirche, wird deutlich und konkret, wo ein Christenmensch stirbt. Seine Taufe hat ihn mit dem lebendigen auferstandenen Christus verbunden. Das Heilige Abendmahl hat diese Verbindung immer wieder leiblich gestärkt und verinnerlicht. In den Menschen, die das Ziel erreicht haben, reicht die Kirche, reicht auch eine Gemeinschaft wie die Ihre hier, in den Himmel!

Genau das möchte Lukas seinen Lesern, Menschen in vielerorts verfolgten Christengemeinden mitteilen, und ich denke, das ist die bleibende Botschaft an uns: Wer Christen, wer die Kirche verfolgt – womöglich im Eifer für Gott, wie Paulus und wie auch in der Gegenwart, wenn wir die neuen und zunehmenden Christenverfolgungen in islamischen Ländern beobachten – wer die Kirche verfolgt, der verfolgt Christus, den Gottessohn. Das ist einerseits ein Sakrileg, das auf die Verfolger mit heiligem Ernst zurückfällt; andererseits ist es ein langfristig aussichtsloses Unterfangen. Denn die Pforten der Hölle werden die Kirche nicht überwältigen! Der Weg der Kirche ist ein vom Himmel her geführter Weg – und ein Weg, der in den Himmel einmündet.

Ein Zweites: Drei Tage ist Saulus absolut aktionsunfähig. Der eben noch geglaubt hatte, das Heft in der Hand zu haben, der liegt am Boden, machtlos, ist blind, muss sich führen lassen, isst und trinkt nicht. Er ist nicht mehr er selbst, handelt nicht mehr aus eigenem Entscheiden heraus. Eigenem und fremdem menschlichen Planen ist er entzogen. Ein Anderer hat seine Hand auf ihn gelegt. Er selber, der er war, ist wie tot.
Drei Tage – wie Jona im Bauch des Meerungeheuers, wie Jesus im Reich des Todes. Das absolute Ende eines vorangegangenen Zustandes und das Neuerwachen – genauer: das Neuerwecktwerden! – eines neuen Menschen: Jona, der vor Gott geflohen war, wird zum Gottesmann, geht nach Ninive. Jesus, den die Menschen umgebracht hatten, den sie um sein irdisches Leben gebracht hatten, wird von Gott in ein neues Leben erweckt und gerufen, bleibt als der Auferstandene in der Gemeinde gegenwärtig bis an das Ende der Welt. Und hier nun Paulus: Verwandelt wird der Verfolger zum Verkündiger – gegenüber seinen Glaubensgenossen und gegenüber den nichtjüdischen Völkern. Er ist nicht mehr sein eigener Herr, sondern er ist zum Werkzeug geworden, zum „auserwählten Werkzeug“ in der Hand des Auferstandenen. Was er nun tun wird und was er erleiden wird, das „muss“ er tun, das „muss“ er leiden, so heißt es im Text, um Jesu Namen willen. Wie auch Jesus tun und erleiden „musste“, was er tat und erlitt!

Und ein Drittes: Dass von außen an Saulus gehandelt wird durch Jesus oder in Seinem Auftrag, das wird augenfällig im Handeln des Hananias an ihm. Auch der bekommt seinen Auftrag in Form einer Vision oder genauer einer Audition. Er wird geschickt zu dem, vor dem er allen Grund hatte, sich zu fürchten. Er soll ihm die Hand auflegen, damit er wieder sehend wird. Er vermittelt ihm durch die Handauflegung den Heiligen Geist.
Ich denke, dass der Geistempfang und das Wieder-sehend-Werden nicht zu trennen sind: Die Folge ist jedenfalls die Erkenntnis des Paulus, dass Jesus der auferstandene Gottessohn ist. Die Folge ist der Glaube, den Paulus dann selber weiter tragen wird. Und die Folge ist zunächst einmal, dass er sich taufen lässt und damit eingegliedert wird in die Gemeinschaft derer, die er noch vor drei Tagen fesseln, foltern und womöglich töten wollte...
Auch Hananias ist ein Werkzeug Gottes, das in Gottes Hand bewirkt, was Gott will: Er heilt; er vermittelt Gottes Geist; er tauft. Wo Gott einen Menschen in Seinen Dienst nimmt, da hat dieser zu hören auf den Auftrag, und dann handelt er mit Vollmacht in diesem Auftrag – sei das eine Diakonisse durch ihre Einsegnung, sei das ein Pfarrer durch seine Ordination.
Auch das ist ein durchgehendes Kennzeichen der Kirche, das Lukas wichtig ist herauszustellen: Die berufenen Diener und Dienerinnen der Kirche führen Gottes Aufträge aus, wo sie in Seinem Namen handeln: Taufen im Namen des dreieinigen Gottes; Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes; Sünde vergeben im Namen dieses Gottes; segnen in Seinem Namen; Liebe üben in Seinem Namen. Nicht ich agiere, nicht wir handeln, sondern Er wirkt durch uns.
So ist Kirche geführte Kirche, in der Gegenwart des Auferstandenen, in Zeit und Ewigkeit. Wir aber sind – wie Paulus – Seine Werkzeuge.
Amen.

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