Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 14. Februar 2015

Pfarrer Wolfgang Scharf, Karlsruhe


Wochenspruch: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Luk. 18, 31)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Wir stehen mitten in der Hochzeit der närrischen Zeit. Zeitungen und Fernsehkanäle sind voll der Übertragungen von Umzügen, die durch die Städte ziehen. Die fünfte Jahreszeitzeit kommt auf ihrem Höhepunkt an. Trubel, ausgelassenes und manchmal auch überbordendes Feiern ist für viele Menschen angesagt.

Feste und Feiern sind ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Das ist im Leben unserer Gemeinde so, wenn wir als Christen dem Jahreskreis des Kirchenjahres folgen und in Kürze in die Passionszeit eintreten.

Das ist im privaten Leben so, wenn wir Geburtstage feiern, runde Geburtstage zumal, wie dies in den kommenden Tagen auch hier im Hause Bethlehem der Fall sein wird. Oder wenn wir zu Anlässen wie Taufe, Trauung oder eben auch Beerdigungen zusammenkommen. Auch dies wird ja am Montag der Fall sein.

Ich nehme diese Festzeit der Fasnacht zum Anlass, mit Ihnen ein wenig in unseren Glaubenskurs Spur 8 hineinzusehen. Dieser Glaubenskurs läuft ja derzeit in unserer Gemeinde.

Da war am letzten Dienstag etwa dieses Bild zu sehen: zwei Männer an der Theke einer Kneipe. Sie trinken ein Bier, ein zweites, ein drittes, kommen miteinander ins Gespräch, ordnen die Weltgeschichte.

Sie kennen das sicher: Einfache Stammtisch-Lösungen für schwierige Probleme! Und so nach dem fünften Bier rückt der eine etwas näher, bekommt einen nachdenklichen Gesichtsausdruck und fragt seinen Gesprächspartner plötzlich unvermittelt:
„Du, sag mal, hast Du ‘ne Ahnung, was man hier soll?“
„Wo denn?“
„Na hier, auf der Welt.“
„Logisch: Groß werden!“
„Und dann?“
„Verdienen!“
„Für wen verdienen?“
„Für deine Kinder!“
„Und was soll‘n die?“

Der Gefragte stutzt einen Moment und sagt dann:
„Na, logisch: auch groß werden!“
„Und dann?“
„Verdienen!“
„Für wen verdienen?“
„Na, für ihre Kinder!“
„Und was soll‘n die?“

Nun wird der Gefragte richtig ärgerlich:
„Mensch, natürlich auch groß werden, und dann verdienen... für ihre Kinder!“
„Und was soll‘n die?“

Merken Sie etwas? Die beiden drehen sich bei ihrem Gespräch ständig im Kreis. Sie kommen in der Antwort auf ihre Frage keinen Schritt voran.

Übrigens: Die beiden Herren an der Theke diskutieren gerade eine grundlegende Lebensfrage. Die Frage, um die ihr Gespräch kreist, ist im Kern die Frage nach dem Sinn ihres Lebens.

Welchen Sinn hat mein Leben?
Das ist eine sehr persönliche Frage. Und auf persönliche Fragen gibt es auch nur ganz persönliche Antworten, sozusagen maßgeschneiderte Antworten, die zu Ihnen und Ihrem Leben passen.
Welchen Sinn hat mein Leben?

Wir müssen sie stellen, ja wir dürfen sie stellen. Wir haben ein Recht dazu, so zu fragen.

Viele allerdings machen von diesem Grundrecht ihres Lebens keinen Gebrauch. Sie leben unter ihren Möglichkeiten.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt nicht jeden Morgen automatisch auf den Tisch wie die Tasse Kaffee zum Frühstück. Im Alltag geht sie leicht unter. Denn der fordert uns in vielfältiger Weise. Wir jonglieren mit Partnerschaft, Beruf und Kindern und geraten dabei oft genug an unsere Grenzen. Da fehlt oft die Zeit und die Kraft, das eigene Leben mit Abstand anzuschauen und Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Viele schieben daher die Frage nach dem Sinn ihres Lebens auf Eis – und zwar so lange, bis das Eis bricht, bis sie in eine Situation geraten, wo alles sinnlos zu sein scheint.

Hier kreuzt sich die Frage nach dem Sinn mit unserem Wochenspruch.
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Meinen Sie, dass es die Jünger als sinnvoll erkannten, was Jesus ihnen hier sagte? Den Heiden überantwortet zu werden, verspottet, misshandelt und angespien? Geißeln und ihn töten? Und dann aber am dritten Tage auferstehen?

Was sollten dies für sinnvolle Stationen sein? Die ersten sechs Stationen – von überantwortet bis getötet werden – wünschen wir keinem Menschen und uns selbst schon gar nicht. Und die siebte Station – auferstehen – können wir schlicht nicht verstehen. Der Sinn dieses Weges Jesu erschließt sich nicht so einfach. Die Jünger haben erst im Nachhinein erkennen können, was dieser Sinn war: dass Jesus für uns eingestanden ist, für uns gestorben, damit wir Hoffnung und Leben haben.

Um diese Frage nach dem Sinn in meinem Leben, geht es in unserem Glaubenskurs. Und es geht dabei auch um die Frage: Welches Ziel habe ich für mein Leben?

Jesus hatte ein Ziel: hinauf nach Jerusalem. Er wusste, was auf ihn zukommen würde. Und er wusste auch, dass dies nicht nur für sein Leben sinngebend sein würde.

Gerne gebe ich Ihnen einige Impulse weiter, die Sie anregen mögen, dem Sinn Ihres Lebens weiter auf die Spur zu kommen.

Erster Impuls: Rummel – Frage: Wozu?

„Rummel“, „Kirmes“ oder „Jahrmarkt“. Sie werden sich sicher daran erinnern, wie dies in früheren Jahren war.
Als Kind bin ich gern auf den Jahrmarkt gegangen. Ich bekam von meinen Eltern 3,– DM, das war damals eine Menge Geld, aber natürlich auch nicht die Welt. Deshalb bin ich immer zuerst einmal über den Platz gelaufen, ohne einen Pfennig auszugeben. Ich wollte sehen, was es alles gibt, wollte rauskriegen, wofür sich der Einsatz meines kleinen Kapitals lohnt. Ein verwirrend buntes Angebot mit vielen Attraktionen – und nur ein begrenztes Budget! Irgendwann fiel dann die Entscheidung: für die Losbude oder den Autoscooter oder die Zuckerwatte. Und manchmal habe ich auch ein höchst reizvolles Angebot übersehen. Dann stand ich plötzlich – den Mund voller Zuckerwatte – mit sehnsuchtsvollen Augen davor. Aber das Geld war bereits ausgegeben.

Ich denke, das Bild vom Jahrmarkt spiegelt eine Wahrheit unseres Lebens wider. Sie und ich, wir befinden uns nun seit 20, 30, 40 oder mehr Jahren auf dem Jahrmarkt des Lebens. Ein unglaublich spannendes und attraktives Angebot umgibt und umwirbt uns: Unendlich viele Möglichkeiten, das Leben zu gestalten.

Und auch Sie halten ein Kapital in Ihren Händen: Wir haben Zeit und Kraft, Geld und Besitz, Fantasie und Ideen. Und die Frage heißt: „Wofür lohnt es sich, dieses Kapital zu investieren?“
Das Kapital ist begrenzt. Es will ausgegeben werden, dieses Kapital. Sparen können wir dieses Kapital nicht. Unsere Lebenszeit lässt sich nicht auf die hohe Kante legen. Jeden Tag erleben wir nur einmal. Er ist wie ein Kapital, das ausgegeben werden will. Aber wofür lohnt sich eigentlich der Einsatz meines Lebenskapitals? Wofür lohnt es sich zu leben? Wozu bin ich eigentlich da? Irgendwann, wenn wir ein paar Runden gezogen sind auf dem Jahrmarkt des Lebens, holt uns diese Frage ein. Wozu? Und je mehr Kapital wir bereits ausgegeben haben, desto bedrängender wird die Frage. Die „Wozu“–Frage ist eine Form, in der uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens begegnet.

Zweiter Impuls: Schiff – Frage: Wohin?

Aber in der Sinnfrage steckt noch eine zweite Frage. Um die soll es jetzt gehen. Das menschliche Leben von heute gleicht einem Kreuzfahrtschiff. Die komplizierten Maschinen funktionieren gut, die Passagiere tanzen zur Bordmusik, in den Küchen wird ausgezeichnet gebraten und gekocht, alle sind vergnügt und tätig. Das Schiff bietet nahezu alles, was man sich nur denken kann.

Was aber, wenn ein Ziel fehlt, das angesteuert werden soll? Wenn dieses Schiff, das Lebensschiff keinen Kurs hat, den es auf sein Lebensziel hält, sondern in sich selbst genug ist?
Manche Lebensreise hat keinen klar identifizierbaren Kurs. Die Gesamtausrichtung des Lebens ist unklar.
Haben Sie sich selbst diese Fragen einmal gestellt:
Wohin geht eigentlich meine Lebensreise? In welche Richtung läuft mein Leben und wer steuert es? In welchen Zielhafen soll mein Lebensschiff einmal einlaufen?
Wer nach dem Sinn seines Lebens fragt, der fragt nicht nur: „Wozu bin ich da?“ Er fragt auch: „Wohin gehe ich?“

Dritter Impuls: Universum – Woher?

Kennen Sie das auch? Haben Sie schon einmal gestaunt über den faszinierenden Sternenhimmel?
Es ist atemberaubend: Diese unendliche Weite, diese Geschichte von Milliarden von Jahren. Manche Sterne die ich am Himmel ausmache, existieren schon nicht mehr. Aber ihr Licht ist noch zu uns unterwegs. Ein schwindelerregender Anblick!
Manchmal fühle ich mich in solchen Situationen wie ein mickriges Staubkorn in der Weite des Universums.
Fragen überfallen mich: Bin ich überhaupt wichtig? Wer hat mich gewollt? Ist mein Leben vielleicht nur ein Spielball des Zufalls, ein überflüssiges, bedeutungsloses Glied in einer langen Evolutionskette?
Bin ich ein austauschbares Rädchen im Getriebe der Weltgeschichte? Und plötzlich ist sie da, die Frage:
„Woher komme ich eigentlich?“ Wüssten Sie eine Antwort darauf?
Sicher – man kann die biologische Auskunft geben: von meinen Eltern. Aber reicht diese Antwort? Bin ich von „irgendwoher“ gewollt – außer vielleicht von meinen Eltern? Bin ich nur ein kleiner Wicht oder irgendwem wichtig? Von woher empfängt mein Leben einen bleibenden Wert? Wer gibt ihm eine Bedeutung? Woher komme ich eigentlich? Und von wem bin ich gewollt?
Wozu bin ich eigentlich da? Wofür lohnt es sich zu leben? Wohin ist mein Lebensschiff unterwegs? In welchen Zielhafen soll es einmal einlaufen?

Jesus macht eine klare Ansage, wohin sein Weg führt und worin ER den Sinn dieses Weges sieht. Es ist der Weg, der ihn zur Auferstehung führen wird. Die Stationen davor waren wohl notwendig, konnten aber für sich selbst nie der Sinn seines Lebens werden. Und dennoch waren sie keineswegs sinnlos.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir den Sinn unseres Lebens finden, ja ihn vielleicht auch schon gefunden haben. Mögen wir uns an so manchen Stationen und Festen unseres Lebens von Herzen freuen. Mögen wir die Kraft haben und erhalten, manche Station durchzustehen. Mögen wir in beidem erkennen: es sind und bleiben Stationen unseres Weges. Sie sind nicht die Erfüllung und der abschließende Sinn unseres Lebens. Sie gehören zu uns, die wir auf dem Weg zum Ziel unseres Lebens, zu unserem Jerusalem unterwegs sind.
Amen.

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