Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 178. Jahresfest am 17. Oktober 2015

Oberkirchenrat Helmut Strack, Karlsruhe

Micha 6, 8


Worauf kann ich mich noch verlassen – in einer Welt, die so durcheinander geraten ist?
Woran soll ich mich orientieren – in einer Welt, die so unübersichtlich geworden ist?
Was kann meinem Leben Halt geben – in einer Welt, die in vieler Hinsicht bodenlos geworden ist?
Viele Menschen fragen so oder so ähnlich. Wer so fragt, sucht nach verlässlichen Antworten; drückt seine Sehnsucht danach aus, etwas oder jemandem voll und ganz vertrauen zu können; will Gewissheit im Leben, wo es Sicherheit nicht gibt. Wer so fragt, möchte sagen können: „Ich glaube, dass …“
Wenn Glauben heißt: vertrauen, dann gehört die Vertrauensfrage zu den brisantesten Fragen unserer Zeit. Worauf ich vertraue oder woran ich glaube, das hat viel zu tun mit meinen Lebenserfahrungen, mit meinen Ängsten und Hoffnungen, mit meinem Herkommen und Gewordensein. Da spielen Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde eine Rolle oder auch Gemeinschaften wie diese Diakonissengemeinschaft, Gemeinschaften, in denen ich Geborgenheit erfahre, Beheimatung; in denen das Gespräch über zentrale Lebensfragen möglich ist; in denen ich gemeinsame Erfahrungen, auch Erfahrungen des Glaubens, machen kann.

Ist es das, was wir mit so einem Jahresfest feiern? Ich denke ja. Aber was wir da feiern, trägt einen Namen: Jesus Christus. Und wenn wir in diesem Namen feiern, so bezeugen wir: dieser Jesus Christus ist der Grund unseres Vertrauens, ist der Garant unseres Glaubens, ist das Ziel gemeinschaftlichen Lebens, ist die Antwort auf unsere Fragen nach Verlässlichkeit, Orientierung und Halt. Wohl denen, denen solch ein Grundvertrauen, solch ein Glaube geschenkt ist!
Wer sagen kann: „ich glaube“, der/die hat festen Boden unter den Füßen.

Das Wort des Propheten Micha, das den Wochenspruch für die vor uns liegende neue Woche bildet, vollzieht allerdings einen wichtigen Perspektivwechsel: Es ist dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Recht üben, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.

Woran ich glaube, ist das eine. Und ich könnte das in der Weise missverstehen, als sei es mein Verdienst und Werk, dass ich glaube: weil ich so fromm bin; weil ich treu bei meinem Glauben bleibe; weil ich – wie manche sagen – „mein Leben Jesus übergeben“ habe. Da lauert immer die Gefahr, dass ich mich in falscher Sicherheit wiege. Dass ich mich nicht mehr herausfordern lasse durch die Botschaft des Evangeliums. Dass ich nicht mehr die Aufgaben erkenne, die mir in der Nachfolge Jesu Christi aufgetragen sind. Dass ich mich auf meinem Glauben ausruhe – und den lieben Gott einen guten Mann sein lasse.
Micha lenkt unseren Blick weg von dem, was wir sind und können, weg vom „ich glaube“ und hin zu dem, was Gott tut, was er uns mitteilt.
Was wir erkannt zu haben meinen, was wir wissen, woran wir glauben, und was wir in Glaubensbekenntnissen in Worte fassen können – das ist das eine.
Was Gott bei uns sucht, mag vielleicht etwas ganz anderes sein.
Und damit das eine – unser Glaube – und das andere – was Gott bei uns sucht – nicht auseinanderfallen, bedarf es immer wieder der Erinnerung an das, „was uns mitgeteilt ist“:
mitgeteilt in der Heiligen Schrift;
mitgeteilt durch das, was uns unsere Vorläufer im Glauben an Worten und Taten hinterlassen haben;
mitgeteilt durch die, mit denen wir in der Gemeinschaft der Getauften zusammenleben.

„Was gut ist“, – so Micha – liegt vor aller Augen. Wir brauchen dazu nur diese Lebens– und Glaubensbücher aufzuschlagen. Das ist wesentlich mehr, als etwas zu meinen oder etwas gut zu meinen; Meinungen sind änderbar und sogar käuflich.
Das ist auch mehr als bloßes Wissen; Wissen ist vergänglich. Das, was vor aller Augen liegt, besitzen wir nicht; wir teilen es mit anderen.
Allerdings: die Bindung an den Gott Israels, dem wir das „was gut ist“, verdanken, dieser Glaube ist unverzichtbar für diejenigen, die ihre Lebensziele und Lebenshoffnungen auf den Messias Jesus richten, dessen Namen sie tragen.

Was „sucht“ Gott bei uns, bei den Menschen? Micha nennt: „Recht üben“ – „Freundlichkeit lieben“ – „aufmerksam mitgehen mit Gott“.
Und weil das, was Micha da beschreibt, auf nichts anderem beruht als auf den Erfahrungen, die Menschen wie Micha mit Gott gemacht haben, kann man auch sagen: was Gott bei uns sucht, ist nichts anderes als die Antwort auf das, was er schon an und für uns getan hat.

„Recht üben“: Es ist Gottes Recht, das uns immer neue Anfänge im Leben schenkt, wie alt wir auch werden mögen. Es ist seine Art von Rechtsprechung, die uns als Freisprechung, als Freispruch erreicht, damit die Lasten der Vergangenheit nicht übermächtig werden.
Dass wir diesen Freispruch weitergeben, das sucht Gott bei uns: indem wir Leben ermöglichen, erweitern, bewahren; indem wir in Beziehung zu und mit anderen leben – anderen Menschen, der ganzen Schöpfung, ja Gott selbst.

„Freundlichkeit lieben“: Es ist Gottes Freundlichkeit, mit der er uns und unser Leben ansieht. Es ist jener andere, gnädig–fürsorgliche Blick, der uns oft so schwer fällt. Es ist die herzliche Liebe zueinander, die Gemeinschaft überhaupt erst möglich macht.

„Aufmerksam mitgehen mit Gott“: Das ist so etwas wie die Quintessenz aus alledem. Dabei geht es nicht um eine Art von neuer und besserer Moral, sondern um eine Aufmerksamkeit, Wachheit, Sensibilität – für mich, für andere, für meine Umgebung, für Gott. Es geht um so etwas wie eine Herzensfrömmigkeit, die Verantwortung für andere einschließt; eine Spiritualität des Herzensmutes – möchte ich das nennen. Es geht um einen Glauben, der unser Leben immer wieder zurechtrückt. „Aufmerksam mitgehen mit Gott“ – das betrifft dann nicht nur unser privates Leben, sondern hat eine öffentliche, eine politische Dimension. Denn Gott begegnet uns besonders dort, wo unser Einsatz gefragt ist.

Wer mit Gott mitgeht, der landet allemal dort, wo es wehtut, wo uns der Zustand dieser Welt besonders schmerzt, wo wir uns den Leiden anderer Menschen nicht mehr entziehen können, bei den Lebenserschöpften. Mag sein, er begegnet uns heute in besonderer Weise in den Flüchtlingen, die bei uns Zuflucht suchen. Wer mit Gott mitgeht, bekennt sich zu seinem Schalomwillen, zu Frieden, Gerechtigkeit und Befreiung aus bedrängenden Lebenssituationen.

Gottes Suche nach uns geht unserem Bekennen voraus und umfängt unseren Glauben wie unsere Zweifel, ja unseren Unglauben.
Sie umfängt unser Gelingen wie unser Versagen. Sie umfängt unsere Menschenfreundlichkeit wie unsere Mühen mit denen, die uns das Leben schwer machen. Verlässlichkeit, Orientierung, Halt – wir bleiben unser Leben lang auf der Suche, jede/r und gemeinsam. Aber darauf können wir vertrauen: Gott lässt nicht ab, nach uns zu suchen. So bleibt er der Grund unseres Glaubens und unserer Hoffnungen durch Jesus Christus.
Amen.

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