Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 20. Februar 2016

Pfarrerin Annegret Lingenberg, Karlsruhe


Wochenspruch: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm. 5, 8)


Liebe Schwestern und Brüder, „Reminiscere“ heißt der Sonntag morgen. „Gedenke!“ Es ist das erste Wort der Antiphon, des Antwortverses, auf den Wochenpsalm. Im vollen Wortlaut: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ (Ps. 25, 6)
Der 2. Sonntag in der Passionszeit mit diesem Namen „Reminiscere“ erinnert uns daran, worin die Barmherzigkeit und Güte Gottes besteht, die von Ewigkeit her gewesen sind. Der Wochenspruch, ein Vers aus der altkirchlichen Epistel für den Sonntag Reminiscere, der dem Sonntag und der 2. Passionswoche ihre Farbe gibt, gibt darüber Auskunft:
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm. 5, 8)

Gut, dass das ein Wochenspruch ist und kein Tagesspruch! Eine Woche lang haben wir Zeit, uns dies Wort auf der Zunge zergehen zu lassen. Das ist gut und für mich entlastend, denn in einer kurzen Predigt ist dieser Vers aus dem Römerbrief auch nicht annähernd auszuschöpfen.
Ich möchte nur ein paar Anmerkungen machen und ein paar Fragen aufwerfen. Dann überlasse ich Ihnen die Aufgabe , eine Woche lang den Wochenspruch gedenkend in Ihrem Herzen zu bewegen!


Ich fange mal hinten an:

1. Als wir noch Sünder waren
Was fangen wir an mit dem Begriff „Sünde“ oder „Sünder“? Diese Wörter haben eine unglückselige Geschichte hinter sich. Sie sind eingeengt worden auf ein moralisch-ethisches Verständnis, dabei bisweilen noch mehr eingeengt auf den Bereich der Sexualität. Das hatte dann Konsequenzen:
Zum Einen entstand daraus eine unbiblische Leibfeindlichkeit, die nichts mehr anfangen konnte mit dem Gottesgeschenk der Sexualität, der Weitergabe des Lebens!
Zum Anderen wurden „Sünde“ und „Schuld“ zu juristischen Begriffen und als solche bewertbar und verrechenbar und mit dem Begriff der Strafe verkoppelt. Da liegt dann die Vorstellung nicht fern, dass Jesus die Strafe für unsere Sünden auf sich genommen hat – und wir fragen zu Recht: Was soll das?

Mir scheint, mit einer solchen Engführung und Verkleinerung des Begriffes „Sünde“ werden wir der Wirklichkeit unseres Lebens und unserer Welt nicht gerecht. Denn: Machen uns unsere größeren oder meistens ja tatsächlich kleineren alltäglichen Vergehen wirklich so sehr zu schaffen? Sind es nicht ganz andere Dinge, die uns quälen und bedrängen, an denen wir spüren, dass unser Leben, unsere Welt zutiefst in Unordnung ist? Ein paar Beispiele:
– Warum sind wir offensichtlich hilflos gegenüber dem Hass und der Angst, die im Nahen Osten, in der Ukraine und anderswo das Handeln vieler Menschen bestimmen?
– Warum sterben so viele unschuldige Menschen bei Erdbeben, bei Zugunglücken und anderen Katastrophen?
– Wo kommt die kriminelle Energie her, die zu Terroranschlägen, zu Kindesmisshandlung, zu Drogenhandel u.ä. führt?
– Wie gehen wir damit um, dass – auch in unserem Land – Zigtausende von Kindern in Verhältnisse hineingeboren werden, in denen ihr Weg in die Kriminalität vom ersten Lebenstag an vorgezeichnet zu sein scheint?

Wir könnten Fragen über Fragen aufzählen – und wir würden allmählich ein Gefühl dafür bekommen, was in der Bibel mit „Sünde“ gemeint ist: Dies Verhängnis von Schuld und Tod, in das unsere Welt als Ganzes hoffnungslos verstrickt ist – und vor dem wir macht–, rat– und hilflos stehen. Wenn die Grundfesten eingerissen sind, „was kann da der Gerechte ausrichten?“ So fragt der Dichter des 11. Psalms.
Und in diese Welt, wie sie nun einmal ist, hat Gott sich hineinbegeben, und ist an ihr und mit ihr gestorben, um sie durch dies Mit–Sterben wieder mit sich zu vereinigen und zu versöhnen. „Geheimnis des Glaubens“ und Hoffnung für unsere Welt!

Das ist der Inhalt des zweiten Gedankens unseres Wochenspruchs:

2. Christus ist für uns gestorben.
Ein Satz, der vor allem in den Paulus–Briefen in dieser oder ähnlicher Form immer wiederkehrt. Ein Satz, an den sich die Christenheit seit 2000 Jahren gewöhnt zu haben scheint. Der unsere protestantische Karfreitagsfrömmigkeit und weitgehend unser Abendmahlsverständnis geprägt hat. Einer der Kernsätze unseres christlichen Glaubens.
Und doch ein Satz, der Anstoß erregt! Nicht erst seit heute, aber heute wieder neu. Christus ist für uns gestorben – das wird heute von vielen Menschen in provozierender Schärfe in Frage gestellt: Was hat der Tod eines anderen mit mir und meinen Sünden zu tun? Stehe ich, steht unsere Welt nicht selbst in der Verantwortung für das, was in ihr nicht in Ordnung ist? Was ist das für ein Gott, der Sünde anscheinend nur vergibt, wenn einer dafür stirbt? Hat so etwas Altorientalisches wie die Vorstellung vom stellvertretenden Sühnetod für uns heute noch irgendeine Bedeutung?

Ich möchte ein paar Gegenfragen stellen:
– Wie kommt es, dass sich ein solcher Satz, der viele von uns stört, durch 2000 Jahre Kirchengeschichte als Kernsatz gehalten hat, geistliche Kraft entwickelt hat, Gemeinden um sich versammelt hat?
– Kann es sein, dass er urmenschlicher Erfahrung entspricht? Dass jemand unsere „Last“ mittragen muss und uns das tröstet, jemanden an unserer Seite zu wissen?
– Haben wir in dem Maße, in dem wir den Sündenbegriff verengt und verkleinert haben, auch unser Christus–Bild, unser Gottesbild verengt und verkleinert?
– Ist uns die Heiligkeit Gottes und die Göttlichkeit Christi noch bewusst, oder haben wir sie verloren?
Christus für uns gestorben – dass der göttliche Gott sich in die Bedingungen des Mensch–Seins begeben hat, um – auch im Sterben! – an unserer Seite zu sein, das ist das „Geheimnis des Glaubens“, das merkwürdigerweise immer noch Menschen zum
Leben hilft.

3. Und eben darin erweist Gott seine Liebe zu uns
Vielleicht beginnen wir zu ahnen, dass Gottes Liebe ganz andere Dimensionen hat, so wie die Verlorenheit unserer Welt ganz andere Dimensionen hat, als eine rein individualistische! Vielleicht beginnen wir zu ahnen, dass Gottes Gegenüber seine ganze Schöpfung ist – und wir darin, mit unserer besonderen Funktion und Verantwortung für die Schöpfung. Dann leuchtet es vielleicht auf – und es leuchtet uns ein, dass der Tod Christi nicht nur Einzelnen oder auch vielen Einzelnen gilt, sondern einer erlösungsbedürftigen, im Argen liegenden Welt, von der Paulus ein paar Abschnitte weiter hinten im Römerbrief sagt, dass „die ganze Schöpfung ... mit uns seufzt und sich ängstet“.
Diesen Liebeswillen Gottes der Welt weiterzusagen, das ist die Aufgabe von uns Christen, damit die Welt aufnahmebereit werde für diese Liebe.

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren – liebe Gemeinde, man kann so einen Satz einfach ablehnen, ihn gar nicht verstehen wollen. Man kann ihn aber auch neugierig, gespannt mit sich gehen lassen, ihn im Herzen und ruhig auch im Verstand bewegen, seiner „gedenken“ – reminiscere! –, eine Woche lang. Man kann sich gleichsam in ihn hineinfallen lassen, in der Hoffnung, dass er sich uns erschließt und seine geheimnisvolle Kraft auch in unseren Herzen entwickelt. Damit wir ein wenig Hoffnung und ein wenig Licht in unsere Welt bringen.
Amen.

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