Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 180. Jahresfest am 14. Oktober 2017

Oberkirchenrat Dr. Matthias Kreplin, Karlsruhe

Psalm 31, 16


Liebe Schwestern und Brüder,

in der Vorbereitung zum heutigen Gottesdienst habe ich in der Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum des Diakonissenhauses Bethlehem geblättert und gelesen. Mit vielen Bildern wird dort eine große Geschichte erzählt: von den kleinen Anfängen, über die verschiedenen Erweiterungen und den großen Aufschwung der Diakonissenbewegung im 19. Jahrhundert, von den Notzeiten der Kriege, von den großen Baumaßnahmen in den 60-er und 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts, von den Veränderungen in der Arbeit des Mutterhauses, vom Rückgang beim Nachwuchs bei den Diakonissen, von den Aufgaben der Gegenwart.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht beim Rückblick auf diese große Geschichte des Mutterhauses und der Diakonissenbewegung. Aber es könnte sein, dass im Blick auf die 180jährige Geschichte des Diakonissenhauses Bethlehem der Gedanke aufkommt, dass die große Zeit des Diakonissenhauses hinter uns liegt, dass nur noch eine Zukunft des Abschieds, der Auflösung, des Endes vor uns liegt, weil es keine jungen Frauen mehr gibt, die die Arbeit fortführen, weil Kirche insgesamt nicht mehr die Stellung in der Gesellschaft hat wie noch vor zwei Generationen. Es könnte sein, dass uns dabei ein Gefühl ergreift, wie manchem betagten Menschen, dem die Endlichkeit des Lebens bewusst wird: das Gefühl, dass die beste Zeit des Lebens vergangen ist und dass vor uns nur Zeiten der Traurigkeit und des Schmerzes liegen. Es könnte sein, dass sich angesichts von Vergänglichkeit und Endlichkeit Niedergeschlagenheit und Depression breit machen.

Mir kam beim Nachsinnen über dieses Lebensgefühl, das die Erfahrung von Vergänglichkeit mit sich bringen kann, der 31. Psalm in den Sinn. In diesem Psalm klagt ein Mensch darüber, dass die gute Zeit seines Lebens vergangen ist. Er betet: “Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst! / Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib. / Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer / und meine Jahre in Seufzen. / Meine Kraft ist verfallen (…), / und meine Gebeine sind verschmachtet. / Vor all meinen Bedrängern bin ich ein Spott geworden, / eine Last meinen Nachbarn und ein Schrecken meinen Bekannten. / Die mich sehen auf der Gasse, fliehen vor mir. / Ich bin vergessen im Herzen wie ein Toter; / ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß (...) Ich aber, Herr, hoffe auf dich / und spreche: Du bist mein Gott! / Meine Zeit steht in deinen Händen.” (Ps.31,10-12a.16a)

Der Mensch, der hier über die Vergänglichkeit des Glücks und der Lebenskraft klagt, flüchtet sich zu Gott und setzt auf ihn seine Hoffnung. “Meine Zeit steht in deinen Händen,” sagt er voll Vertrauen. Aber was könnte das meinen?

Vier Gedanken dazu möchte ich mit Ihnen teilen.

„Meine Zeit steht in deinen Händen“ – das heißt zunächst: Sie steht nicht in meinen Händen, sie ist mir entzogen, sie steht in Gottes Händen. Und damit ist mir zunächst das endgültige Urteil über diese Zeit entzogen.
Was mir als großer Erfolg, als Blütezeit, als die beste Zeit meines Lebens erscheinen mag, das mag Gott vielleicht gar nicht als so genial wahrnehmen, wie ich es tue. Und was mir als Niedergang, als Verlust, als Zeit des Loslassens und Absterbens erscheinen mag, darin kann Gott schon den Keim des Neuanfangs sehen, den Anfang einer großen Zeit. Was mir als verlorene Zeit erscheinen mag, als sinnlose Zeit, die mag für Gott vielleicht ein notwendiger Umweg sein – ohne den ich nicht zu dem Ziel gefunden hätte, das er für mich vorgesehen hat. Mein Blick auf die Zeit ist nicht das letztgültige Urteil über diese Zeit. Gottes Blick auf die Zeit mag ein anderer sein.
Diese Einsicht sollte uns ein wenig demütiger machen im Urteil über die Zeit – und uns davor bewahren, uns durch unser Urteil zur Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit verleiten zu lassen. Und uns genauso davor bewahren, Erfolge und glückliche Zeiten mit grenzenlosem Jubel zu überziehen oder daraus einen überzogenen Optimismus abzuleiten.
Vor genau einem Monat – am 14.9. – bildete dieses Psalmwort „Meine Zeit steht in deinen Händen!“ die Tageslosung. Und der Lehrtext, der dazu ausgewählt wurde, lautete: „Lasst uns wachen und nüchtern sein!“ (1.Thess.5,6).
Nüchternheit – das ist das Gegenteil von hoffnungsloser Niedergeschlagenheit oder übertriebenem Optimismus. Nüchternheit hat was damit zu tun, um die eigenen Grenzen zu wissen. „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ – Damit ist eine Grenze markiert für unser Urteil: Was die Zeit letztendlich bedeutet, worin ihr Sinn und Unsinn lag, das bleibt uns verborgen. Und deshalb müssen wir uns nicht durch eigene oder fremde Urteile über die Zeit erschrecken lassen.

„Meine Zeit steht in deinen Händen“ – das heißt auch zweitens: Es sind nicht allein unsere Hände, die den Lauf der Zeit bestimmen, Gott hält diese Welt in seiner Hand und leitet sie auf geheimnisvolle Weise zu seinem großen Ziel.
Wir haben ja manchmal das Gefühl, dass in unserer Zeit die Welt aus den Fugen gerät. Und in mancherlei Hinsicht geriet und gerät sie ja auch aus den Fugen. Waren es vor einigen Generationen die beiden großen Weltkriege, die auch die Diakonissen im Mutterhaus Bethlehem bedroht haben, so sind es heute andere Entwicklungen, die unsere Welt bedrohen: der Wandel des Klimas, der Stürme und Überschwemmungen, aber auch Dürren und Verwüstung mit sich bringt, die Kriege und gewaltsamen Auseinandersetzungen, die Menschen in die Flucht treiben, die auseinandergehende Schere zwischen Reich und Arm, die dazu führt, dass Menschen bei uns und in der weiten Welt ihre Lebensgrundlagen verlieren, das Zerfallen unserer Gesellschaft in viele Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Lebensstilen, die kaum noch miteinander zurechtkommen, der Verlust der Kirchen an religiöser Prägekraft.
Manchmal haben wir das Gefühl, dass die Welt geprägt ist von Kräften der Zerstörung, des Niedergangs, des Unheils. Und dann besteht die Gefahr, dass wir uns resigniert und hoffnungslos zurückziehen – alles Engagement und aller Einsatz für Güte, Liebe und Frieden hat ja doch keinen Sinn.
„Meine Zeit steht in deinen Händen“ – das ist ein Bekenntnis, dass diese Welt letztlich getragen ist von Gottes Kraft zum Guten, und dass es nur so scheinen mag, dass die Kräfte des Unheils stark sind, in Wirklichkeit es aber nicht sind. „Meine Zeit steht in deinen Händen“ – dieses Wort hält daran fest, dass Gott stärker ist als die Kräfte des Unheils. Oder wie es Johann Christoph Blumhardt zum Leitmotto erhob: Jesus ist Sieger. Und deshalb können wir darauf vertrauen, dass die Kräfte des Unheils – so stark sie auch scheinen mögen – am Ende doch nicht das letzte Wort haben.

“Meine Zeit steht in deinen Händen” – das heißt drittens: Die Zeit unseres Lebens ist geschenkte Zeit. Wir empfangen sie aus Gottes Hand. Und mit der Zeit, die Gott uns schenkt, die er uns in jeder Phase unseres Lebens neu schenkt, gibt er uns zugleich auch eine Aufgabe. Dabei ändert sich diese Aufgabe im Laufe unseres Lebens, genauso wie in der Geschichte des Diakonissenhauses Bethlehem, denn jede Lebenszeit hat andere Aufgaben. Aber mit der Zeit, die Gott uns schenkt, schenkt er uns eben auch Aufgaben.
Die Festschrift zum Jubiläum von 2012, die ich vorhin schon erwähnte, endet mit einem Beitrag von Oberin Schwester Hildegund Fieg mit dem Titel „Diakonissenhaus Bethlehem im Jahr 2012 – oder quo vadis?“ Und in der Mitte dieses Beitrages wird genau diese Frage gestellt: „Was sind heute die Herausforderungen? Was sehen wir heute als unseren Auftrag?“ (S.75).
Waren es in früheren Jahrzehnten die Erziehung und Begleitung von Kindern, die Ausbildung von Erzieherinnen und manches mehr, so sind diese Aufgaben jetzt an andere abgegeben, die sie übernommen haben und gut weiterführen. Und so wirkt die Arbeit der Diakonissen fort, auch wenn es keine Diakonissen mehr sind, die sie leisten.
Aber neue Aufgaben sind auch hinzugekommen: Schwester Hildegund nennt damals, vor fünf Jahren, zwei: das Gebet für andere, die Fürbitte für die Kirche, für die Stadt, für die Verantwortlichen in Gesellschaft, Politik und Kirche, für die Schwachen und Armen, für die Opfer von Gewalt, für Flüchtlinge, für Hilfswerke und für die Mission. Und als Zweites die Gastfreundschaft für Menschen und Gruppen, die einen Ort des Rückzugs, einen Ort der Stille und Besinnung, des Nachdenkens und der Auszeit brauchen.
Wie wichtig diese beiden Dienste – die Fürbitte und die Gastfreundschaft – sind, erzählt uns auch die Geschichte von Abrahams Begegnung mit den drei Männern, in denen er von Gott selbst besucht wird (1.Mose 18f). Abrahams Gastfreundschaft führt die drei Männer zum Bleiben und dann zur Ankündigung der Geburt Isaaks und damit zu einer Zukunft, wo schon alles aussichtslos schien. Und Abrahams hartnäckige Fürbitte für Sodom kann zwar am Ende die Stadt nicht retten, wohl aber Lot und seine Töchter (vgl. 1.Mose 19,29).
Die Geschichte lehrt uns: Gerade diese unscheinbaren Aufgaben, die Gastfreundschaft und die Fürbitte, können viel bewirken.
Aus unserer Sicht mögen das bescheidene, unscheinbare Aufgaben sein im Vergleich zu den großen Werken der Vergangenheit. Aber das ist nicht die Blickrichtung, auf die es ankommt. Bei Schwester Hildegunds Beitrag wird dagegen die entscheidende Blickrichtung angesteuert. Sie schreibt: „Gott fragt nicht nach großen Zahlen. Bei ihm zählt die Treue. Und darin wollen wir uns täglich üben.“

“Meine Zeit steht in deinen Händen” – in diesem Satz steckt schließlich viertens das Vertrauen, dass in Gottes Händen für uns auch dann noch Zeit steht, wenn wir nur noch das Gefühl haben, alle Zeit ist abgelaufen. Manchmal sind das geschenkte Jahre. Zum Beispiel wenn jemand nach einer schweren Krankheit wieder gesund wird und sich noch einmal Jahre lang des Lebens freuen kann. Manchmal ist diese Zeit, die Gott für uns hat, aber auch eine Zeit die jenseits liegt von allem, was unser Leben jetzt ausmacht. Eine Zeit, die jenseits unseres Todes liegt. Eine Zeit, die einmündet in ein ganz anderes Leben bei Gott. Aber – darum geht es in beiden Fällen: Auch wenn wir das Gefühl haben, alle Zeit unseres Lebens liegt schon hinter uns, aus Gottes Sicht liegt immer noch Zeit vor uns. Eine Zeit, die vielleicht anders sein wird, als wir sie uns vorstellen. Eine Zeit, die auch nicht einfach die Erfüllung unserer Wünsche bringen wird, sondern unser Wünschen völlig verändert. Aber aus Gottes Sicht liegt immer noch Zeit vor uns. Darum können wir uns auch ihm anvertrauen, wenn wir das Gefühl haben, unsere Zeit ist abgelaufen. Deshalb können wir auf ihn hoffen, wenn wir merken, wir werden älter, unsere Lebenszeit vergeht. Im Vertrauen auf ihn können wir loslassen, die Dinge, die uns so wichtig sind, und die wir doch nicht festhalten können.

Liebe Schwestern und Brüder, angesichts vergehender Zeit und vieler Umbrüche, angesichts von Vergänglichkeit und Endlichkeit, angesichts von Unheil und Not müssen wir uns doch nicht entmutigen lassen. Weil unsere Zeit in Gottes Händen liegt, können wir dankbar zurückschauen, auf das was uns geschenkt ist, können wir zuversichtlich und getröstet in die Zukunft gehen, können wir die Zeit, die uns geschenkt ist, dankbar annehmen und verantwortlich gestalten. So gehen wir durch die Zeiten, getragen von Glaube, Hoffnung und Liebe – auch im 181. Jahr des Diakonissenhauses Bethlehem.
Amen.

Coypright Diakonissenhauses Bethlehem, Karlsruhe
Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem, Karlsruhe-Nordweststadt
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