Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 169. Jahresfest am 14. Oktober 2006

Pfarrer Philippe Gunther, Straßburg

Jeremia 29, 7 – 14


„Jésus Christ est le même hier, aujourd’hui et éternellement.“
Mit diesen Worten begrüße ich Sie alle und danke für Ihre Einladung zum Fest und Ihre Bitte um eine Predigt!
Worte auf Französisch, damit Ihr auch glaubt, dass ich „ein Francais“ bin, wenn auch Elsässer!

Worte aus der Bibel: die Losung des Gründers unseres Diakonissen–Mutterhauses in Straßburg, Pfarrer Haerter: „Jesus Christus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“.
So ist mein Kommen zu Ihnen nach Karlsruhe und hier in diese Kirche gar zwei mal ökumenisch, zwei mal verbindend, zwei mal brüderlich. Schon mehr als 60 Jahre trennt uns der Rhein nicht mehr. Baden / Elsass – Herz Europas!
Und schon viel länger sind beide Mutterhäuser von Karlsruhe–Bethlehem und Rüppurr verbunden mit der Communauté et Etablissement des Diaconesses de Strasbourg.
Derselbe Herr, derselbe Dienst, eine Quelle und ein Ziel!

Ich komme mit Freude, nicht alleine, ich komme mit etwas. – Ein Brief!
Es gibt Briefe, die können alles verändern oder vieles bewegen.
Wer unter uns wartete nicht schon einmal sehnsüchtig auf einen Brief.
Ein Wort, eine Antwort und endlich wüsste man, könnte man, wäre man sicher, beruhigt...

Ist Post da für mich? – – – fragt der Schüler wenn Zeugnisse fällig sind,
fragt der Teenager, der zum ersten mal verliebt ist.
Immer noch kein Brief? – – – bangt der Arbeitslose, der schon mehrere Bewerbungen verschickt hat oder die kranke Frau, die auf die Resultate der letzten Analyse wartet...
Ein Brief – gute Botschaft, traurige Nachricht?
Eine Antwort auf sein Bangen und Warten, Suchen und Fragen, und man kennt jedes Wort auswendig, so sehr hat es uns erfreut, so tief hat es uns gekränkt.
Ein Brief – da ist er! – für das Diakonissenhaus Bethlehem und seine Festgemeinde hier in Karlsruhe! Nichts ungewöhnliches zum Geburtstag, ein Brief!
Und doch, dieser Brief ist schon originell, vom Jeremia, Prophet des Herrn, geschrieben im Auftrag Gottes an die kleine Schar der Treuen in Babylon.
Und was sagt er, mein Brief, Sein Brief?

Lesung: Jeremia 29, 7 – 14

Hoffnung und Friede, kein Leid! Zukunft, kein Ende!
Wer traut sich heute noch, Hoffnung und Zukunft zu versprechen?
Nicht einmal mehr bei einer Wahlpropaganda!
„No future“ schreiben die Jugendlichen an die Mauern. Keine Hoffnung für Luft, Wasser und Erde, warnen die Grünen Ecologisten... sogar in der Kirche traut man sich nicht!
Hoffnung, Zukunft, dennoch aktuell, wenn man Mensch ist und vom Glück träumt, und ein Herz hat, und an Gott glaubt...
Man braucht nicht 600 Jahre vor Christi zu leben, an den Flüssen Babylons, um sich machtlos, vergessen, zu klein, zu alt, zu gering zu fühlen gegenüber Macht, Geld, Gewalt...
Wir sind heute auch als Schwesternschaft, als Christen, eine Minorität, eine Diaspora, gegenüber der Masse, die nicht mehr glauben kann, dienen will. Und so machen auch wir uns Gedanken.
Auch wenn wir hier und jetzt am Geburtstag danken, denken wir auch an den Alltag!
Ja, was denken wir an schweren Tagen und in schlaflosen Nächten?
Was denkt der Betagte, der sich einsam fühlt?
Was denkt der Aufsichtsrat, wenn es um die Finanzen geht?
Was denkt die Schwesternschaft, die abnimmt?
Finden sich ihre Gedanken in denen der Menschen in Babylon wieder? Die fragen, wie geht es weiter? Sind wir vergessen, verlassen von Gott? Wird es nie wieder wie früher, wie Daheim? Schwanengesang der Elsässer: „Mir sind die Letschte von dene Letschte.“ Oder? Oder sind ihre, unsere Gedanken getragen, erleuchtet, getröstet von den Gedanken Gottes? Gedanken des Friedens, der Zukunft? Hilfe ist beim alten Gott!

Er hält, was Er verspricht.
Er tut, was Er sagt.
Und was sagt Er?
Resignieren? – Nein!
Engagieren? – Ja!

Nicht nur dulden, sich zurückziehen – Schaffen, Bauen, Beten!
Dienet denen, die bei Euch wohnen und mit Euch leben...
Nicht sich abkapseln, über die anderen schelten, murren... –
„kopfschütteln, das können wir Christen“!
Nein! – Hände falten, Arme ausbreiten, dran bleiben, weitermachen... nicht hinein in unser Schneckenhaus „zum Reich Gottes“, die kleine Schar unter sich...
sondern Türen auf, Leute rein, draußen werden wir gebraucht, wartet man auf Hoffnung, sucht man Frieden – in der Stadt, im Wohnviertel, in der Familie!
Gott ist da! Heute! In Babylon wie in Jerusalem, am Euphrat wie zu Zion! Derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit! Das Wort „gestern“, ein oft gehörtes Wort in der Diakonie.
Gestern, früher, das waren Zeiten... mit den vielen Schwestern... und bei Pfarrer soundso...!
Man kommt ins schwärmen, träumen...
Da denke ich an eine Geschichte im vergangenen Sommer bei uns in Straßburg: Ein Ehepaar, Touristen, auf dem Weg zum Münster, schauen auf unsere Häuser, sehen sich das „Logo“ am Mutterhaus an. „Haus der Diaconesses“ sagt die Frau staunend. Ihr Akzent verrät, sie ist aus dem Süden... Ihr Ehemann weiß mehr als sie und klärt sie auf: „Des Diaconesses“ das waren fromme Schwestern, die sich um Alte, Kranke und Kinder kümmerten. Es „waren“? In mir kocht es, ich möchte ihnen nachrennen und verbessern: nicht waren, sondern es sind! Heute noch! Heute auch! Hier auch! Glaube ist keine Geschichte aus alten Zeiten, Glaube ist weder Nostalgie noch Utopie. Wo das Gestern und das Morgen, das Heute nicht mehr nähren, besteht die Gefahr, dass wir zum Museum werden und nicht mehr ein Haus sind, wo gelebt, gebaut, gearbeitet wird, wo man aufeinander hört, miteinander redet, zueinander hält.

Heute ist Gott am Werk!
Stefan Zweig schrieb: „Keine Gegenwart macht es uns leicht, sie zu lieben“.
Ist wahr. Sogar Gott verspricht uns nicht nur leichte Zeiten, schöne Tage, aber Er verspricht, alle Tage mit uns zu teilen und alle Zeit bei uns zu bleiben.
Gott der fetten und mageren Jahre. Jede Zeit ist Gottes Zeit. Auch die der Krisen, der kleinen Herden, der Kirchenaustritte, der ausbleibenden Berufungen. Was bleibt sind Menschen, die nach Frieden fragen und Hoffnung suchen. Darum bauet, betet, pflanzet...
Zeigt heute durch Wort und Tat, dass Ihr an die Zukunft glaubt, weil Ihr an Gott glaubt, dass wir Frauen und Männer der Hoffnung sind, weil wir Gotteskinder sind.
Hoffnung gegründet, weil getragen von den Gedanken Gottes;
Zukunft, denn Gott ist auf dem Plan und hat Pläne, auch mit Dir.
An die Arbeit!

Manchmal genügt eine Blume und er entdeckt den Himmel,
manchmal genügt ein Sonnenstrahl und sie fürchtet sich nicht mehr vor der Nacht,
manchmal genügt ein Tautropfen und ich erlebe das Meer der Gnade,
manchmal genügt ein Regenbogen und wir wissen uns im Bunde mit Gott.

Liebe Brüder und Schwestern,
und wenn Gott uns nicht vergessen hätte?
Und wenn der Brief Jeremias Sein Brief an uns wäre?
Für heute, morgen... wo ich das höre, annehme, mitnehme, kommt Licht in das Dunkle, scheint ein Weg in die Ausweglosigkeit. Man ist vielleicht mal für eine Zeit im Tunnel, aber nicht in der Sackgasse; jeder Tunnel endet im Licht! Diese Gewissheit in sich tragen und zum anderen tragen ist Diakonie heute. Sie erspart uns und den anderen die Meinung, es sei zu spät, es wäre nur gestern schön und wahr...
Gott hat uns nicht vergessen, im Gegenteil! Er braucht uns! Bei Gott gibt es zwei Worte nicht, die es bei uns zu oft gibt: – „unmöglich“ und „definitiv“ – !
Er kennt uns, Er liebt uns, Er ruft uns heute zu: „Ich schaffe die Zukunft, auf die Ihr hoffet. Also bleibet dran, suchet mich! Wer mich sucht, hat das Heil gefunden!“
Von diesem Heil weiß man gerade hier in Bethlehem etwas. Denn da hört man: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Sagt es weiter! Er bringt Hoffnung und schenkt Zukunft.
Er ist auch im vor Euch liegenden 170sten Jahr des Lebens und Dienens Eure Gabe und Aufgabe: nicht wie eine Erinnerung an ein schönes Lagerfeuer, sondern als ein Licht, belebt, erleuchtet, erwärmt und entflammt vom Geiste Jesu Christi – derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.
In Ihm gibt es immer Gegebenes, Aufgegebenes und Verheißenes.
Darum: – dankbar Rückwärts – gläubig Aufwärts – fröhlich Vorwärts!
Amen.

Coypright Diakonissenhauses Bethlehem, Karlsruhe
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