Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 30. August 2008

Pfarrer Theo Freyer, Karlsruhe


Wochenspruch: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr. 5, 7)

Matthäus 6, 24 – 34


Wenn ich mich recht entsinne, war es Jürgen von der Lippe, der vor Jahren das Lied sang: „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da?“ Freilich befasste sich der weitere Text nicht ernsthaft mit dem Problem „Sorge“. Das Lied gehörte eher zu der oberflächlichen Art von Problembewältigung, die sich mit Kopf-hoch-Parolen zufrieden gibt und den, der Sorgen hat, letztlich nicht wirklich ernst nimmt.

Eine andere Art mit den Sorgen umzugehen ist die: man erzählt sie jedem, ob er sie hören will oder nicht, und des Jammerns ist kein Ende. Ergebnis: man fühlt sich schlechter dran, als man eigentlich ist. Erfasst solches Klagen und Jammern ganze Volksteile, dann wird häufig – wie hier zu Lande – auf hohem Niveau geklagt.

Was leider auch geschehen kann: man möchte einem gläubigen Nächsten seine Sorgen mitteilen in der Hoffnung, von ihm verstanden und ernst genommen zu werden. Doch kaum hat man ausgesprochen, wird man direkt oder indirekt des Kleinglaubens bezichtigt und bekommt etwas lieblos ein Bibelwort übergebraten; denn man ist an einen Mitchristen geraten, der für jede Situation eine Textstelle parat hat wie Petersilie auf alle Suppen.

Mit diesen wenig hilfreichen aber leider nicht selten anzutreffenden Arten des Umgangs mit den Sorgen hat das Wort aus dem 1. Petrusbrief nichts zu tun. Hier wird uns ein seelsorgerlicher Rat gegeben, und warum dieser Rat seine Berechtigung hat, lesen wir im Sonntagsevangelium. Da wendet sich Jesus all denen zu, die an ihren Sorgen schwer tragen, und er wusste ja auch, dass die Sorge eine gefährliche Schwester hat: die Angst. Wo die beiden gemeinsam auftreten, über einen Menschen herfallen, dass er nicht mehr über den Augenblick hinaussieht, da vergehen Lebensmut und Lebensfreude.

Lesung des Evangeliums aus Matth. 6, 24 – 34

Aus gutem Grund begann Jesus seine Anti-Sorgen-Rede aber nicht mit dem Appell „Sorget nicht!“ Zuvor drängt er uns, darüber nachzudenken, wo wir unser Vertrauen fest gemacht haben, denn bevor der Hinweis auf den fürsorglichen himmlischen Vater Sinn macht, muss erst mal klar sein, wem wir uns verschrieben haben. Darum gilt es erst dies zu bedenken: „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Diese Mahnung Jesu stellt vor die Frage: Wie ehrlich ist das gemeint, wenn ihr in euren Gottesdiensten bekennt: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“? Wie haltet ihr es mit dem Ersten Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ und: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen deinen  Kräften!“? Schnelle Antworten auf diese Fragen sollten wir uns verbieten und uns statt dessen prüfen, ob sich da nicht doch diese und jene größere und kleinere Götter und Götzen in unser Denken und Handeln, in unser Hoffen und Planen eingeschlichen haben. Sei es, dass wir der Biokost und den Angeboten des Reformhauses, der geregelten Altersversorgung und unseren Ersparnissen, der Haftpflicht- und Lebensversicherung, der eigenen Klugheit und Schaffenskraft, den Fähigkeiten eines Arztes und der Wirkung einer Medizin, dem Rat von Freunden und was es sonst sein mag, mehr und zuerst vertrauen, bevor vielleicht auch noch Gott mit ins Spiel kommt?

Was ich da eben aufgezählt habe, ist natürlich alles ganz wichtig und gehört zu einer verantwortungsbewussten Lebensführung. Das ist unbestritten. Aber bei all dem handelt es sich um Zweitrangiges, – um Gaben und Möglichkeiten, die wir Gott, unserem Schöpfer und Erhalter verdanken, und die er segnen muss, damit sie uns zum Guten dienen können.

Nachdem Jesus unseren Blick mit dieser Mahnung ganz auf Gott ausgerichtet hat, kann er nun seelsorgerlich, befreiend und hilfreich über die Sorgen mit uns reden, und dabei geht es ihm nicht um verantwortungsbewusste Vorsorge und Fürsorge, nicht um die alltägliche Arbeit, die von uns zu tun ist, sondern um das ängstliche Sorgen, es könnte nicht reichen, wir könnten zu kurz kommen, könnten etwas versäumen und müssten darum dem Wirken Gottes mit eigenen Mitteln etwas nachhelfen. Beides gilt es klar auseinander zu halten.

Was Jesus sagt, ist dies: Seid Realisten und seht die Dinge, wie sie sind. Gott ist euer Schöpfer, und ihr seid seine Geschöpfe. Geschöpfe aber können nicht die Werke des Schöpfers tun. Akzeptiert die Grenzen, die euch gesetzt sind. „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ Geht bei den Vögeln unter dem Himmel und bei den Lilien auf dem Feld in die Schule. Gott sorgt für sie, obgleich sie weniger sind als ihr. Erst recht weiß euer himmlischer Vater, was ihr Tag für Tag zum Leben braucht.

Es sind die ängstlichen Brotsorgen im weitesten Sinn des Wortes, die sich in einem Menschenleben zerstörerisch auswirken und krank machen können. Der eine arbeitet sich zu Tode, eine andere wird unerträglich geizig. Existenzangst macht egoistisch, zerstört Gemeinschaften und isoliert. Demjenigen, dem die Brotsorgen im Nacken sitzen, ist das Hemd immer näher als die Jacke. Hauptsache, er hat sein Schäfchen im Trockenen. Dass nebenan jemand Not leidet und schier zu Grunde geht, interessiert ihn nicht. „Nach uns die Sintflut!“, wird zur Parole einer ganzen Gesellschaft, die in ihrem Gewinnstreben Gottes Auftrag, die Schöpfung „zu bebauen und zu bewahren“ in den Wind schlägt.

Und nun nennt Jesus ein Rezept gegen die krank machenden Brotsorgen: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Doch wie trachtet man nach dem Reich Gottes? Ist nun Weltflucht angesagt? Ist nur noch unser Seelenheil wichtig? Das kann Jesus wohl kaum gemeint haben. Was also können wir dazu beitragen, dass das Reich Gottes, auf dessen Vollendung wir hoffen, hier und heute in Spuren sichtbar wird?

Als Jesus einst zu predigen und zu wirken begann, rief er den Menschen zu: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Und dann wurde vom Himmelreich auf Erden etwas sichtbar, indem er Sündern Vergebung zusprach, physisch und psychisch Kranken zur Genesung verhalf, verachteten Menschen sagte, dass sie von Gott geliebt werden, in Wort und Tat Nächstenliebe praktizierte, und von denen, die sich für fromm hielten und zugleich Arme, Witwen und Waisen links liegen ließen, forderte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

Damit ist auch uns der Weg gewiesen: „Buße tun“ heißt umdenken und umkehren. Umdenken, indem wir uns vertrauensvoll als die von Gott geliebten Geschöpfe sehen, denen vergeben ist und für die ein liebender himmlischer Vater sorgt, - alle Morgen neu. Das dürfen und müssen wir uns jeden Tag von neuem bewusst machen.

Und dieses neue in Gottes Liebe begründete Selbstbewusstsein drängt zur Umkehr. Dann kreisen die Gedanken nicht mehr dauernd um das eigene Ego. Vielmehr rückt nun der Nächste ins Blickfeld mit seinen Sorgen und Ängsten, aus denen wir ihm vielleicht heraushelfen können. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit!“ ist also der Ruf in eine sehr diesseitige Lebensweise: Nehmt eure Umwelt und den Lebensraum eurer Mitmenschen mit Augen der Liebe wahr. Dann tut sich ein weites Arbeitsfeld vor euch auf. Dort könnt ihr Liebe verschenken, Fürsorge leisten, Brücken bauen, Frieden stiften, Brot teilen, Schöpfung bewahren und Botschafter des Evangeliums von Jesus Christus sein. Dann hinterlasst ihr Spuren des Reiches Gottes mitten in dieser Zeit.

Und obendrein machen alle, die sich zur Nächstenliebe auffordern lassen, die erstaunliche Erfahrung, dass sie nichts entbehren müssen und nicht ärmer werden. Auf Gaben der Liebe, welcher Art auch immer, liegt ein geheimer Segen. Wer für den Kampf gegen Armut und Hunger in der Welt sein Opfer gibt, hat dennoch auch am Monatsende noch genug zum Leben. Wer von seiner Zeit opfert, um zu helfen, zu besuchen und zuzuhören, gerät darum noch lange nicht in Zeitnot. Jede Zuwendung zu einem Nächsten macht das eigene Leben reicher. Die aus ängstlicher Sorge aufgestellten Rechnungen stimmen plötzlich nicht mehr. Aus Angst und Sorge wird Zuversicht. Aus Kleinglauben wird Gottvertrauen. Und die Sorgenfalten im Gesicht weichen einem Hauch dankbarer Lebensfreude.
Ja, es ist erstaunlich, befreiend und beglückend, was man in der Schule des Glaubens bei den Vögeln unter dem Himmel und bei den Lilien auf dem Feld alles lernen kann!

„Die Vögel unterm Himmel, die Spatzen und die Raben,
die sagen uns, wir sollen nicht zuviel Sorgen haben.

Die Lilien im Garten, die Rosen und Levkoien,
die sagen uns, wir sollen an Gottes Welt uns freuen.“

Amen.

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