Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 171. Jahresfest am 18. Oktober 2008

Pfarrerin Ursula Rülke, Schwanau–Nonnenweier

Markus 4, 35 – 41


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommen wird. Amen

Liebe Geschwister im Glauben!

Mit Freude bin ich heute bei Ihnen.
Wenngleich auch ein wenig unsicher. Sie, liebe Diakonissen hier im Mutterhaus Bethlehem und in anderen Mutterhäusern, haben in den Jahren Ihres Glaubens und Wirkens schon so viele Predigten gehört, dass eigentlich alles gesagt und gehört sein müsste. Doch ich weiß ja, Gott kann auch aus Altbekanntem Neues wirken.
Und wenn Schwester Wera angefragt -  wer kann ihr schon einen Korb geben.

Hören wir den Predigtext:
Markus 4, 35 – 41
Und am Abend desselben Tages sprach Jesus zu seinen Jüngern: Lasst uns hinüber fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen Jesus mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf, und sie sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.
Und Jesus sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt Ihr noch keinen Glauben?
Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Herr, sammle du unsere Gedanken und beschenke uns aus deinem Wort. Amen.

Jesus hat zu vielen Menschen gepredigt vor dieser Überfahrt. Seine Worte klingen in den Herzen der Jünger nach. Vom Reich Gottes hat er gesprochen, das jetzt noch winzig klein sei wie ein Senfkorn. Aber es wird wachsen. Vom Glauben der Zuhörer hat er gepredigt. Ihr Glaube kann ersticken wie ein Samenkorn, das unter die Dornen fällt. Diese Worte und all die anderen Gedanken gehen mit den Jüngern auf die Fahrt, in die Abendstille des Sees Genezareth.
Es ist der rechte Ort, um Überlegungen nachzugehen, um die Worte Jesu ins Herz fallen zu lassen und ihrer Wirkung nachzuspüren.
Wer den See Genezareth kennt, der traut ihm jedoch nie so ganz. In überstürzend schneller Zeit können Fallwinde aus dem galiläischen Gebirge den See aufwühlen und den erfahrensten Fischer in Seenot bringen. Aus ist es mit der Beschaulichkeit und den nachsinnenden Gedanken. Jetzt geht es ums Überleben.
Wie krass sind hier die Pole christlichen Lebens dargestellt: Zwischen innerer Einkehr, Bibellese, stiller Zeit, Andachten und Gottesdiensten und dann der Ruf zu handeln, äußere Not und Bedrohung wahrzunehmen, sofort zu reagieren, was in der Regel heißt: Für andere Menschen und auch für sich selbst Sorge zu tragen.
Zu Zeiten der Bedrohung, der Angst, der Frage nach dem Überleben können wir sicherlich alle sehr viel, sehr Nahegehendes und Aufwühlendes erzählen. Mutterhäuser, auch Ihres hier, sind ja gerade so entstanden, dass in die Ruhe und Behütetheit eines gläubigen Menschenlebens die Not der Welt wie tosende Wellen einbrach.

Ich möchte Ihnen heute jedoch nicht die Stürme schildern. Ich möchte sie mit in die Stille nehmen. In jene Stille, die sich ausbreitet, wenn Jesus da ist und wenn er in der Vollmacht Gottes spricht.
„Mediis tranquillus in undis“.  Die Worte sind lateinisch. „Ruhig, still – inmitten der Wellen“. Diese prägnanten Worte haben mich im Sommerurlaub auf der Nordseeinsel Borkum begleitet. Die Reformatoren der Insel hatten es auf ihr Kirchensiegel geschrieben. Von hier aus fand es den Weg bis ins Stadtwappen. Auf allen möglichen Fahnen und Fähnchen weht es dem Urlauber entgegen.
Ruhig – inmitten der Wellen.
Das waren die Jünger Jesu in keinster Weise. Sie kannten ihren Herrn noch nicht genug. Und was sie noch weiter erregte, das war die Ruhe ihres Meisters. Schläft einen seligen Schlaf inmitten der Wellen. Sie standen schon im Wasser. Er, auf dem erhöhten Heck des Bootes, hatte noch trockene Füße. Da ist leicht ruhig bleiben.
„Ruhig – inmitten der Wellen.“

Die Worte gehen auf eine alte Sage zurück. Sie erzählt, dass 8 Tage vor und 8 Tage nach Neujahr der Windgott alle Winde ruhen ließ, damit in dieser Zeit der Eisvogel sein Nest auf dem Wasser bauen und bebrüten konnte. Als Tage glücklicher Ruhe gingen sie in das Volksbewusstsein ein.
Ist das nicht eine wunderbare Beschreibung dessen, was Jesus uns im Glauben schenken kann, wenn Stürme um uns toben und wir schier keinen klaren Gedanken fassen können! Er kann den Sturm bezwingen und Ruhe schenken. Eine Ruhe, die mit Zeit vertrödeln rein gar nichts zu tun hat. Sie ist geschenkte Zeit sinnvollen Handelns. Da kann gebrütet werden, nämlich: gebaut, zusammengetragen, ausgebrütet. Es ist eine Zeit unter dem Segen Gottes, in der wir ohne Angst ans Werk gehen können.

Eigentlich beschreibt das doch nicht nur eine Zeitinsel in den Wellen des Lebens. So ist doch unser ganzes Glaubensleben gedacht. Geborgen in glücklicher Ruhe, aus ihr heraus tatkräftig dem Leben zugewandt, wie bewegt auch immer es auf uns einstürmt.
Ich erlebe es als eines der wunderbarsten Geschenke Gottes, dass ich in der Umtriebigkeit unserer Zeit diese innere Stille kenne, sie wenigstens kenne, wenn ich sie auch nicht immer erlebe, die Stille, die so fruchtbar ist, wie die Brutzeit des Eisvogels in jener alten Überlieferung. Neues darf dort wachsen, in dieser Zeit der Bewahrung .

In der Stille vor Gott trage ich mein Leben zusammen, baue es vor Gott auf, lasse mir sagen, was wert ist, bebrütet, weiterverfolgt zu werden, und was vielleicht nur ein faules Ei ist oder gar ein Kuckucksei.
Als Christen auf dieser Erde ist uns ja nicht in erster Linie die Ruhe des Faulenzens geschenkt, so sehr auch das seinen Platz haben muss. Wir dürfen außerdem bitten um jene Ruhe mitten in den Wellen. Sie ist Bewahrung, herausgenommen werden in ganz besondere Gottesbegegnung.
In anstrengenden Zeiten ist sie die Rettung vor inhaltsleerer Umtriebigkeit, etwa vor dem perfektionistischen Bebrüten tauber Eier, um im Bild zu bleiben. Wie viel Kraft kann da verloren gehen, wenn wir Eier ausbrüten, die uns vielleicht gar nicht von Gott ins Nest gelegt wurden.

Vor allem den drei Diakonissen unter Ihnen , liebe Schwestern, die im Kindergarten, im Hort und als Brückenschwester tätig sind, wünsche ich von ganzem Herzen, dass Sie Kraft schöpfen können in dieser von Gott selbst bewirkten, kreativen Ruhe, die Neuausrichtung und Orientierung schenkt.
Den Schwestern im Ruhestand, auch im hohen Alter, wünsche ich die glückliche Ruhe, in der sie sich vertrauensvoll vor Gott öffnen, die Stürme der Welt fürbittend vor ihn tragen und gleichzeitig wissen: Jesus ist mit im Boot. Und wenn ich seine Hilfe auch noch nicht sehe, auch wenn es mir eher vorkommt, als schlafe er irgendwo, ich weiß: Er wird rechtzeitig sprechen. Jesus Christus wird seine Menschen retten für dieses und für jenes Leben.
Und bei Ihnen, liebe Diakonissen, ist ja auch noch eine Diakonische Schwesternschaft und eine Diakoniegemeinschaft mit im Boot.
Da haben Sie dieses wunderschöne Emblem gefunden in Ihrer Brosche, die Sie alle tragen. Die Kreise der Gemeinschaften, die sich hin öffnen auf andere Kreise in Bewegung – das sind doch wohl wir alle – und in der Mitte Christus. Das Christogramm so dargestellt, dass das Kreuz zur ruhenden tragenden Mitte wird in Ihrer Gemeinschaft, zum heilenden Ort der Versöhnung, der Beruhigung und Bewahrung.

Sie sehen es alle angedeutet hier auf dem Kanzelbehang.
Ihr Emblem versinnbildlicht für mich genau die Worte: Ruhig – inmitten der Wellen.
Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen viele glückliche Zeiten tätiger Ruhe geschenkt werden und Sie immer wieder erleben, wie Christus den Stürmen Gottes vollmächtiges Wort entgegensetzt. 
Ich wünsche Ihnen und uns allen glückliche Zeiten im Schutz unseres Gottes, der Wind und Wellen und alles erschaffen hat und dabei keinen Augenblick ablässt von der Sorge und Fürsorge für jeden unter uns.
So dürfen wir selbst zu einem heilsamen Ruheort werden und ein Kraft–Ort sein für die Menschen in unserer Umgebung.
Amen.

Coypright Diakonissenhauses Bethlehem, Karlsruhe
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