Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Jahresfest-Predigten

Predigt zum 172. Jahresfest am 17. Oktober 2009

Landesbischof Dr. Ulrich Fischer, Karlsruhe

Markus 2, 1 – 12


Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde!

Wir verabschieden heute die Oberin einer Schwesternschaft und führen ihre Nachfolgerin ein. Schwesternschaften, das sind – anders als viele Menschen glauben mögen – keine hermetisch abgeschlossenen geistlichen Zirkel ohne jeden Zugang zur Welt. Ganz im Gegenteil: Wie es in der Welt zugeht, das wissen gerade Mitglieder solcher geistlichen Schwesternschaften, wie Sie eine sind, sehr genau: Alle, die täglich in der Fachschule für Sozialpädagogik ein– und ausgehen, bringen die Wirklichkeit der Welt hinein in Ihr Haus. Und Sie alle, liebe Schwestern, haben ein langes Leben lang ihr geistliches Amt wahrgenommen in durchaus weltlichen Kontexten – in Gemeinden und Werken, in Einrichtungen und Schulen. Sie haben dabei mitgeholfen, die Grenzen zwischen der geistlichen Wirklichkeit des Glaubens und der irdischen Wirklichkeit der Welt zu überschreiten. So haben Sie, liebe Schwester Hildegund, hier ihre Ausbildung zur Erzieherin absolviert, haben dann in den 80er Jahren an der Fachhochschule für Sozialpädagogik in Freiburg studiert, waren als Gemeindediakonin tätig und haben lange Zeit einen Schülerhort geleitet.

Nein: Schwestern einer Diakonissenschaft sind geistliche Menschen, gewiss, und deshalb gehört auch die Pflege geistlichen Lebens zum Zentralen Ihrer Schwesternschaft – gerade nun, da immer weniger von Ihnen noch tätig sein können.
Aber Sie alle haben es gelebt und wissen es: Das geistliche Leben ist vom irdischen nicht zu trennen. Je geistlicher, je mehr Gott zugewandt Sie leben, desto mehr können Sie sich einlassen auf die Welt mit ihren irdischen Gegebenheiten.
Genau diesen Zusammenhang von geistlichem und irdischem Leben beleuchtet auf eine ganz spezifische Weise der Predigttext für den morgigen Sonntag aus dem 2. Kapitel des Markus–Evangeliums:

„Nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vier Männern getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren  Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.“

Das ist keine Heilungsgeschichte, wie wir sie sonst zahlreich in den Evangelien finden. Nein, anders als bei allen anderen Heilungsgeschichten geht es bei dieser um das Ineinander von körperlicher und geistlicher Heilung, um das Miteinander des Heilwerdens an Leib und Seele, um Krankheit und Sünde, um Heilung und Vergebung, um Irdisches und Geistliches. Diese Geschichte erzählt die Begegnung eines Menschen mit der umfassend heil machenden Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Was sich in der Sündenvergebung ereignet, wird sichtbar in einer körperlichen Heilung. Und umgekehrt: Wo zunächst ausschließlich körperliche Heilung erwartet wurde, geschieht mehr, geschieht Tieferes, nämlich ein heil machender Zuspruch der Sündenvergebung. Die Botschaft dieser ganz besonderen Heilungsgeschichte ist klar. Jesus handelt hier in einzigartiger Vollmacht. Er handelt an der Stelle Gottes, denn „wer darf Sünden vergeben als Gott allein?“ Ganz recht: Er, in dem Menschen den Sohn Gottes erkannten. Dieser Jesus heilt in seiner einzigartigen Vollmacht einen Menschen – ganz, an Leib und Seele. Er bleibt nicht stehen beim äußerlich sichtbaren, irdischen Defekt des Gelähmten. Er sieht tiefer. Er sieht hinein in die Seele dieses Menschen und er erkennt sein Angewiesensein auf die Gnade Gottes. Deshalb spricht er ihn zärtlich an: „Mein Sohn“. Jesus geht es nicht um die Wiederherstellung eines kranken Körpers. Nein, mit der Heilung des Gelähmten setzt er ein Zeichen einer viel tiefer gehenden Heilung.

Das ist keine normale Heilungsgeschichte. Hier wird ein Mensch nicht nur befreit von einer körperlichen Lähmung. Er wird zugleich befreit von der Fesselung an sich selbst. Er wird befreit von der Lähmung seiner Seele. Das hatten sich jene vier Männer, die ihren gelähmten Freund zu Jesus brachten, wohl anders vorgestellt. Zielstrebig und hartnäckig, ja geradezu dreist und frech gehen sie vor: Hausfriedensbruch ist das, wenn man durchs Dach in ein Haus einsteigt. Beschädigung fremden Eigentums gar. Unbeirrbar „schaufeln“ sie sich den Weg zu Jesus frei, indem sie das Flachdach des Hauses aufgraben und den Gelähmten auf einer Liege herunterlassen – Jesus genau vor die Füße. Die Beharrlichkeit dieser vier Männer ist beachtlich, für Jesus ist sie Zeichen eines unerschütterlichen Glaubens. Der Gelähmte ist also in dieser Geschichte ein vom Glauben anderer Getragener. Und was das bedeutet, vom Glauben anderer getragen zu werden, das wissen Sie in Ihrer Schwesternschaft nur zu gut. Wenn die eigene Glaubenskraft nicht mehr reicht, dann ist es oft das Gebet der Mitschwestern, das durch Krisen durchträgt. Genau von einem solchen stellvertretenden Glauben anderer ist der Gelähmte in unserer Geschichte getragen. Er ist getragen vom Glauben jener, deren Glaube auch Tun bedeutet, Schweiß und Schwielen. Er ist getragen vom stellvertretenden Glauben jener, die sich noch bewegen können, während er bewegungslos auf seiner Liege liegt. Seine körperliche Heilung erhofften sich die vier Männer von Jesus – mehr nicht. Und dann dieses: Heilung an Leib und Seele.

Wie ungeheuer modern ist das, was mit dieser außerordentlichen Heilungsgeschichte ausgesagt wird. Natürlich soll durch diese Geschichte nicht das Missverständnis befördert werden, dass jede menschliche Krankheit Folge einer konkreten Sünde sei. Solch ein Zusammenhang, der den Kranken dann noch die Last eines schlechten Gewissens zusätzlich auflädt, hat die Bibel selbst seit der Abfassung des Buches Hiob grundsätzlich aufgehoben. Aber dass körperliche Leiden auffallend häufig in einem tiefen Zusammenhang zu sonstigen Störungen des Lebens stehen, das lässt sich nicht bestreiten. Und die psychosomatische Medizin weiß inzwischen sehr viel über das Zusammenspiel zwischen seelischem und körperlichem Wohlbefinden, bzw. seelischer Belastung und körperlicher Krankheit. Zugespitzt könnte man gerade zu sagen: In mancher Krankheit verdichtet sich das Miteinander eines geistlichen, seelischen mit einem irdischen, körperlichen Schaden. Heilung eines Menschen auf die Beseitigung körperlicher Störungen zu reduzieren, bedeutet jedenfalls eine gefährliche Verkürzung. Viele körperliche Leiden sind Zeichen einer tiefgehenden Störung des Lebens. Oft weisen Krankheiten uns darauf hin, dass in unserem Leben Dinge in Unordnung geraten sind. Und viele Konflikte, die wir mit uns herumschleppen und die wir nicht bewältigen, finden in körperlichen Beschwerden ihren Ausdruck.
Sigmund Freud berichtet von einer Frau, die mit schwersten Lähmungserscheinungen zu ihm in die Behandlung kam. Durch intensive psychoanalytische Behandlung konnte sie von ihrer Lähmung geheilt werden, indem Blockaden in ihr abgebaut wurden und sie von lähmenden Schuldgefühlen befreit wurde. Hier wie in der Geschichte der Heilung des Gelähmten durch Jesus ist die körperliche Heilung nicht mehr und nicht weniger als Zeichen einer tiefer gehenden Heilung. Jesus hat hinter den Symptomen der körperlichen Erkrankung die grundlegenden Störungen im Leben des Gelähmten entdeckt und bearbeitet. Und diese grundlegenden Störungen nennt er „Sünde“. Deshalb antwortet Jesus auf die gläubige Bitte um körperliche Heilung mit dem heilenden Angebot der Sündenvergebung.

Eine Schwesternschaft, die versucht, in der Nachfolge Jesu zu leben, nimmt diese Spur auf. Wissend um innere Zusammenhänge von Körper und Seele, von Krankheit und Sünde, von Heilung und Vergebung spricht sie Menschen Gottes Vergebung zu. Das wird auch Ihre Aufgabe als Oberin sein, liebe Schwester Hildegund: Durch Worte der Vergebung in Ihrer Schwesternschaft zurecht zu bringen, was in Unordnung geraten ist. Sie werden in der Vollmacht, die Jesus Christus seiner Kirche gegeben hat, die Vergebung der Sünden zusprechen. Und solche Vergebung, sie bleibt dann nichts Innerliches. Nichts, was nur die Seele entlastet und das Herz frei macht. Das Unsichtbare will ans Licht. Die zugesagte Vergebung der Sünden, die Heilung der Seele will körperlichen Ausdruck finden, indem Sie einander in einer neuen Haltung begegnen – als geheilte Menschen, als Menschen, denen Gottes Heil auf den Kopf zugesagt und in die Seele hinein gelegt wurde, damit das ganze Leben heil wird.
Darum gehören das geistliche Leben einer Schwesternschaft und die Taten der Liebe im Alltag der Welt untrennbar zusammen. Deshalb darf es keine Trennung geben von Geistlichem und Weltlichem, von Zeugnis und Dienst, von Wort und Tat. Befreiung von Fesseln an Leib und Seele.
Das ist Ihr Auftrag, wenn Sie Jesus Christus nachfolgen wollen: Die Zusage der Vergebung der Sünden, die Heilung der Seelen und das Mitgestalten irdischer Wirklichkeit. Indem Sie beides annehmen, bezeugen Sie das umfassende Heil, das Jesus Christus gewirkt und verheißen hat.
Amen.

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