Evangelisches Diakonissenhaus Bethlehem

Predigten

Wochenschlussandacht am 7. November 2009

Schwester Hildegund Fieg


Wochenspruch: Siehe jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils. (2. Kor. 6, 2)

2. Korinther 6, 1 – 10

Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.“ Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;  sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,  in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,  in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,  in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.


„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wir kennen diesen Satz, ausgesprochen vor etwa 20 Jahren von Michail Gorbatschow, dem damaligen sowjetischen Präsidenten. Gorbatschow formulierte das neu, was wir aus anderen Sprichwörtern kennen: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ oder „Carpe diem – nütze den Tag“ oder „Jetzt oder nie“.

Ja, es gibt Gelegenheiten, die bieten sich im Leben nur einmal – oder ganz selten. Gelegenheiten, die wir nicht auf morgen oder den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben sollten, denn: Wenn wir diese Chance ungenutzt lassen, kann es sein, dass wir sie nicht noch einmal bekommen. Es kann ein zu spät geben. Und deshalb: zugreifen, die Gelegenheit beim Schopf packen.
Ich wurde an einen Schlager von Monika Morell aus den 70er Jahren erinnert. Da heißt es:

Ihr kennt ihn alle, er wohnt Tür an Tür. Später, so sagte er immer zu mir:
Später, wenn er reich ist, will er leben, dann will er auch noch den Armen was geben.
Später, da wollte er glücklich sein, später, da wollte er vieles verzeih’n.

Ihr kennt ihn alle, er wohnt Tür an Tür, von später träumte er gerne mit mir.
Später will er so vieles noch machen, später will er vielleicht sogar lachen.
Später wollt’ er das Leben genießen, mit mir seine Erfolge begießen.

»Später? Wann ist das?« hab’ ich ihn gefragt. Er hat nur gelacht und hat »später« gesagt.
Nun hab’ ich es in der Zeitung gelesen: Später, das ist für ihn gestern gewesen.
Später, das ist zu spät gewesen.

Der Apostel Paulus sieht die Gemeinde Korinth in Gefahr. Deshalb ermahnt er sie: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade. Siehe, jetzt ist der Tag des Heils. Das heißt: Jetzt ist ein entscheidender Moment gekommen. Jetzt muss man zugreifen, jetzt soll man nichts mehr aufschieben, jetzt ist nicht mehr Warten angesagt.
Da stellt man sich natürlich die Frage: Was soll ergriffen werden? Und warum ausgerechnet jetzt?

Von Gnade und Heil ist in unserem Abschnitt die Rede. Gnade, was ist das?
Im Internet, bei Wikipedia, steht dazu folgende Worterklärung: Unter Gnade versteht man eine wohlwollende, freiwillige Zuwendung. In der christlichen Theologie ist die göttliche Gnade (lat. gratia, griech. charis) ein zentraler Begriff, besonders im Zusammenhang mit Erlösung.
Und bei Brockhaus lesen wir: Gnade ist die Zuwendung einer Gunst, die Zuwendung des Heils, unabhängig vom Verdienst des Empfangenden. Gnade ist das Tun Gottes am Menschen.
Das bedeutet: Gnade ist ein Geschenk, nicht einforderbar – aber uns zugedacht und angeboten.
Und Jörg Zink sagt: Gnade ist ein altes Wort, aber wer sie erfährt, für den ist sie wie Morgenlicht. Man kann sie nicht wollen und nicht erzwingen, aber wenn sie dich berührt, dann weißt du: es ist gut.

Vor einer Woche haben wir das Reformationsfest gefeiert, das uns daran erinnert: allein aus Gnade sind wir gerechtfertigt, sind wir vor Gott recht – ohne unser Zutun.
Von sich aus kann der Mensch nicht vor Gott bestehen. Von sich aus ist er immer gottlos und das heißt: Sünder. Gott allein kann den Menschen annehmen und ins Recht setzen. Dieser Vorgang der Rechtfertigung ist eine Tat Gottes, die ihren Grund in der Erwählung des Menschen durch Gott in Jesus Christus hat. Wenn Gott seine Gnade schenkt, dann heißt das: Dem Gläubigen wird das Heil, das Jesus Christus am Kreuz erworben hat, die Gerechtigkeit Jesu, zugerechnet. Und nur so können wir vor Gott bestehen. Wie gesagt: Gnade ist ein Geschenk, das wir annehmen können, das wir uns aber nicht verdienen können.
Ja, das ist Gnade, wenn Gott uns seine Hand entgegenstreckt, um uns mit sich selbst zu versöhnen.

Und nun ermahnt Paulus die Gemeinde von Korinth – und uns – „Empfangt die Gnade Gottes nicht vergeblich.“ Das heißt: „Bleibt mit Herz und Seele bei der Sache. Lebt als Gerechtfertigte, schlagt in Gottes entgegengestreckte Hand ein. Nehmt seine Gnade an.
Und wie kann das im Alltag aussehen?
Indem ich Gott einen Platz in meinem Leben einräume, mir Zeit nehme, um die Beziehung zu ihm zu pflegen. Indem ich offen bin für sein Reden und sein Handeln. Wenn ich mich auf IHN und sein Wort einlasse, kann sich die Liebe Gottes in meinem Leben entfalten. Sie wird mich bereichern und beschenken. Aber wie bei einer Freundschaft, so gilt auch hier: Eine Beziehung lässt sich nicht vertrösten oder aufschieben, sie will hier und jetzt und heute gelebt und gepflegt werden.
Gott einen Platz im Leben einräumen, das heißt auch, in Freud und Leid zu ihm stehen, sich zu ihm bekennen, persönliche und weltweite Sorgen und Nöte ihm hinlegen, mit ihm teilen. Dabei werden wir die Erfahrung machen, dass ER Trost und Kraft und Halt schenkt.
Gott einen Platz im Leben einräumen, das heißt, sich zu Jesus Christus zu bekennen.
Für Paulus war es oft gefährlich, sich zu Christus zu bekennen. Dieses Bekenntnis brachte ihm immer wieder Not und Verfolgung ein. In unserem Bibelabschnitt erzählt er davon.
Für uns in Deutschland ist es – Gott sei Dank – nicht mehr – oder vielleicht auch – noch nicht – gefährlich, zu unserem Christsein zu stehen. Und dennoch kennen wir Situationen, in denen wir belächelt oder angemacht werden – oder in denen es uns peinlich ist, zum christlichen Glauben zu stehen.
Da frage ich mich: Wie kann das gelingen, woher nehme ich den Mut, die Kraft und das Vertrauen, mich auch in unangenehmen Situationen zu Jesus Christus zu stellen?
Antwort: Auch dafür reicht Gottes Gnade aus.  Auf einer Spruchkarte, die ich seit vielen Jahren besitze, steht geschrieben:

Was wird auf uns zukommen an Freudigem, an Traurigem, an Schönen, an Schwerem?
Der entgegenkommende Gott. Er kommt uns immer als Erster entgegen. Vergesst es nicht, heute und morgen und übermorgen: Er ist der Entgegenkommende!
Er kommt uns entgegen auf einem steilen Weg mit seiner Kraftdarreichung,
auf einem dunklen Weg mit seinem Licht,
auf einem bitteren Weg mit seiner Tröstung,
auf einem einsamen Weg mit seiner Liebe,
auf einem gefährlichen Weg voll Versuchung mit seinem Sieg.
Mein Gott kommt mir mit seiner Gnade entgegen.

Nehmen wir sie an – die Gnade Gottes.
Lassen wir uns beschenken mit Seiner Gnade – heute, denn:
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.
Amen.

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